Textilbranche: Wenn Geiz zur Todesfalle wird

Gegen das Vergessen: Ihre Tochter starb beim Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch. © Grossmann
Gegen das Vergessen: Ihre Tochter starb beim Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch. © Grossmann

Wo liegt die Schmerzgrenze beim Preis eines T- Shirts? Wenn Geiz nicht mehr geil ist, wie dies lange Zeit ein Werbeslogan versprach, sondern tödlich? Am 24. April 2013 starben 1.134 Näherinnen beim Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch, begraben von Beton, Stahlträgern und ihren eigenen Nähmaschinen.

Mehr als 2.000 überlebten schwer verletzt. Von den fünf Stockwerken des Gebäudes waren drei illegal hochgezogen worden. Nachdem die Arbeiterinnen das Gebäude bereits verlassen hatten, als ihnen bedrohliche Risse auffielen, waren sie dazu gezwungen worden, ihren Arbeitsplatz wieder aufzusuchen – ein Todesurteil für viele. Doch verantwortlich ist dafür nicht in erster Linie irgendein bengalischer Textilmanager. Verantwortlich sind wir, die Konsumenten – das ist die bittere Wahrheit.

Ohne Druck der Verbraucher werden sich die Arbeitsbedingungen in der Textilbranche nicht bessern

Die Kampagne für Saubere Kleidung CCC  konnte bislang 28 weltweiten Markenherstellern nachweisen, dass sie im Rana-Plaza-Gebäude fertigen ließen, darunter auch deutsche Firmen (Kik, NKD, Adler Modemärkte und Güldenpfennig) sowie Mango, Benetton und C&A. Grund genug für eine Reihe von Aktivisten, Medienvertretern, Wissenschaftlern und Unternehmern, zum ersten Jahrestag der Tragödie den internationalen Fashion Revolution Day auszurufen, an dem auch die Welthungerhilfe teilnahm.

Nach wie vor locken attraktive Gewinne, wenn ein Unternehmen im Wanderzirkus der Globalisierung einfach weiterzieht: Einkäufer werden dafür belohnt, dass sie die Preise noch mal ein Stück drücken konnten. Wenn das in Bangladesch irgendwann nicht mehr möglich ist, weichen sie auf Myanmar und Äthiopien aus, wie das bereits einige Firmen vormachen.

Billige Wertschöpfung bedeutet entwürdigende Arbeitsbedingungen und muss sich schleunigst ändern! Denn gerade in der Textilproduktion ist billige Wertschöpfung häufig deckungsgleich mit entwürdigenden Arbeitsbedingungen und der Zerstörung der Umwelt.

Eine Jeans ist ja nur deshalb so billig, weil eine Näherin in Bangladesch an sechs Tagen die Woche 14 Stunden arbeitet und dafür nur umgerechnet zwölf Eurocent Stundenlohn bekommt. Und das ist schon ein Fortschritt, denn der Monatslohn der bengalischen Näherinnen wurde nach Protesten gerade von 30 auf 50 Euro erhöht.

In der Verantwortung stehen wir alle. Ob als Verbraucher, Unternehmer oder Politiker

Nur strenge soziale und ökologische Standards können eine nachhaltige Produktion gewährleisten. Das fängt beim afrikanischen Baumwollbauern an, der Trainings für eine umweltschonende Schädlingsbekämpfung und einen existenzsichernden Preis für sein Produkt erhält, und betrifft Spinnerinnen und Färber genauso wie die Näherinnen der Sweatshops.

Gerade hat Entwicklungsminister Gerd Müller ein einheitliches, verbindliches und möglichst europaweites Textilsiegel für die gesamte Produktionskette angekündigt. Wenn die Bundesregierung ein solches Siegel tatsächlich umsetzen wird, wäre dies ein wichtiger Schritt für mehr Transparenz in der Textilindustrie. Mehr Transparenz können auch Unternehmen schaffen, wenn sie auf dem Etikett die Löhne für alle Beteiligten am fertigen Produkt offenlegen, wie das gerade das kleine Modelabel Manomama plant.

Und schließlich sind wir selbst gefragt.

Müssen wir in einer Art Fastfood-Mentalität 25 Kilogramm Textilien pro Jahr kaufen, davon die hälfte Kleidung? Müssen wir T-Shirt nach dreimaligem Tragen entsorgen, wo wir doch wissen, dass and, Wasser und Energie immer knapper werden?

Nachhaltigkeit ist nicht im »Sale« zu haben. Aber sie schafft Wertschätzung für Menschen und Natur – und damit macht sie die Welt ein Stück gerechter.

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