„Traumfabrik“ Berlinale verbindet Menschen

Träume auf Äthiopisch.
Träume auf Äthiopisch.

Wann habe ich das letzte Mal bei einer Politikerrede geweint?

Das habe ich mich am Sonntag in Berlin gefragt, genauer gesagt bei der Verleihung des neuen Filmpreises des Bundesministeriums für Entwicklungszusammenarbeit im Arsenal-Kino am Potsdamer Platz, bei der Vorführung des grandiosen Filmes „Wind und Nebel“. Denn dieser poetische Film hat mich zu Tränen gerührt, und auch die Menschen um mich herum haben, wenn ich es richtig gehört habe, heimlich geweint. In seinem anrührenden und aufwühlenden Meisterwerk erzählt der iranische Regisseur Mohammad Ali Talebi die traurige und doch hoffnungsvolle Geschichte des fünfjährigen Jungen Sahand, der seine Mutter im iranisch-irakischen Krieg verliert und zutiefst verstört zurückbleibt. Erst als er eines Tages eine verwundete Schneegans findet, der er selbst helfen kann, findet er Trost. Der Film geht tief unter die Haut, die metaphorischen und geradezu atemberaubenden Bilder und Geräusche von Nebel und Wind, flammenden Ölquellen und zerreißenden Detonationen kann niemand, der sie gesehen hat, so schnell wieder vergessen.

Wind und Nebel“ hat auf der Berlinale, den Internationalen Filmfestspielen von Berlin, den neuen entwicklungspolitischen Filmpreis „Cinema fairbindet“ erhalten. Dirk Niebel und sein Ministerium haben den Preis gestiftet und damit ein Zeichen gesetzt, das – hier einmal – ganz auf der Linie der Welthungerhilfe ist:

Wir alle brauchen in der Entwicklungszusammenarbeit einen neuen Aufbruch: Raus aus der rationalen Nische, hin zu dem, was Menschen bewegt und berührt, hin zu dem, was Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Deshalb heißt die seit 2010 gültige Marketingstrategie der Welthungerhilfe „Träume verbinden“ – weil es darum geht, dass wir die Menschen hierzulande, unser Spender und Unterstützer und auch die Noch-Nicht-Unterstützer, und die Menschen in unseren Projektländern über das rationale Argument hinaus erreichen. Wenn wir die 1 Milliarde Menschen, die heute von der Globalisierung ausgeschlossen sind, aus Hunger und Armut befreien wollen, dann gelingt uns das nur gemeinsam, nur, wenn wir wahrhaftige Begegnungen zwischen Menschen ermöglichen, wenn wir die Geschichten und Schicksale hinter den nackten Zahlen und Fakten entdecken, wenn wir Brücken bauen zwischen Menschen an weit entfernten Orten. Wenn wir zeigen, dass wir alle, Du und ich, bei aller Andersartigkeit oder Verschiedenheit der Lebensumstände ganz ähnliche Träume haben. Träume verbinden Kräfte, Menschen, Generationen – über Grenzen hinweg. Nur Träume machen das Unmögliche möglich.

Wo ließe sich das besser erfahren als in der „Traumfabrik“ Kino, wo besser, als auf dem größten Publikumsfestival der Welt, der Berlinale, wo immer im Februar seit 61 Jahren Filmfans und Stars aus aller Welt zusammenkommen? Hier entdecken wir Filme, die mittelbar und auch ganz unmittelbar mit unserer Arbeit zu tun haben, wie „Taste the Waste“, den wichtigen Dokumentarfilm von Valentin Thun über den Zusammenhang von Armut und Hunger im Süden und der exzessiven Lebensmittelverschwendung im Norden.

Hier können wir mit Ulrich Köhler und seinem deutschen Wettbewerbsfilm „Schlafkrankheit“ eintauchen in eine bis ins letzte stimmige Parabel über einen deutschen Entwicklungshelfer in Kamerun, der nicht mehr loskommt von seinem Gastland, darüber philosophieren, was Fremde ist, was deren Reiz und deren Qual ausmacht – ein Film über richtige und falsche Klischees, der zu Recht mit einem silbernen Regiebären geehrt wurde.

Die Berlinale ist ein Ort der Magie, und sie ist zugleich ein sehr politischer Ort. Deswegen trugen schon im vergangenen Jahr Stars wie Senta Berger und Fatih Akin, Werner Herzog und Jessica Schwarz die Haiti-Schleife der Welthungerhilfe, um vier Wochen nach der Katastrophe von Haiti die Opfer vor dem Vergessen zu bewahren. Deswegen trugen viele bekannte Gesichter aus Film und Fernsehen bereits im zweiten Jahr unsere grüne Schleife, um ein Zeichen für Menschen in Not zu setzen. In diesem Jahr steuerte Swarovski einen edlen Anhänger in Tropfenform bei. So konnten wir gemeinsam mit unseren Freunden von Viva con Agua, die mit ihrer neuen Wassermarke in diesem Jahr „Official Supplier“ der Berlinale waren und so viele neue Sympathisanten eroberten, auf die verheerende Wassersituation in vielen Regionen der Welt aufmerksam machen und ein Zeichen für die Kostbarkeit von Wasser setzen.
Wasser und Feuer, Nebel und Wind – das sind elementaren Dinge, die das Kino, die ein Festival emotionaler inszenieren kann als manches politische Postulat.

In meinem ersten Berlinale Jahr, 1979, verließ die Sowjetdelegation unter Protest das Festival, weil sie das Vietnamdrama „Deer Hunter“ als Krieghetze ansah. Dabei geht es darin in meinen Augen „nur“ um die großen existenziellen Themen: um Freundschaft und Liebe, um Verrat und Versöhnung. Der Film ist bis heute mein Lieblingsfilm, die Berlinale mein Lieblingsfestival: Hier findet die Welt statt, hier entdecke ich, was andere Menschen, was mich selbst bewegt. Das, so wünsche ich mir, muss uns auch in der Entwicklungspolitik gelingen.

Ja, auch Politiker konnten mich zu Tränen rühren. Willy Brandt hat das geschafft, als ich ihn mit 12 auf dem Heider Marktplatz sah; Nelson Mandela 1994, Barack Obama, bevor er in die Washingtoner Mühlräder geriet. Das sind Sternstunden. Das Kino aber berührt Menschen täglich, auf der ganzen Welt. Wenn wir Entwicklungszusammenarbeit wirklich voranbringen, also lebendig und erlebbar machen wollen, lassen Sie uns ins Kino und auf die Berlinale gehen.

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