In der Türkei leben Flüchtlinge unter schlechten Bedingungen – und zahlen dafür Miete

In der Türkei leben Flüchtlinge oft auf engsten Raum in heruntergekommenen Zimmern. © Lass
In der Türkei leben Flüchtlinge oft auf engsten Raum in heruntergekommenen Zimmern. © Lass

Seit 2012 leistet die Welthungerhilfe humanitäre Hilfe für die Opfer des Bürgerkriegs in Syrien. Andrea Quaden arbeitet seit über einem Jahr mit Flüchtlingen in der Türkei. Was sie hier und im Nordirak erlebt, berichtet sie in einem Interview mit der Pastille.

Pastille: Welche Eindrücke haben Sie aus dem Nordirak mitgebracht?

Andrea Quaden: Als ich zurückkam, haben mich viele gefragt: Was ist schlimmer? Türkei oder Nordirak? Für mich war es wichtig zu sehen, wie unterschiedlich die Situation ist. Die einen sind vertrieben im eigenen Land, die anderen vertrieben in ein anderes Land, wo die Menschen noch nicht mal ihre Sprache sprechen. Im Nordirak leben die Menschen unter schlechten Bedingungen und müssen dafür nicht zahlen, in der Türkei leben die Flüchtlinge auch unter schlechten Bedingungen und zahlen dafür Miete – auch wenn das eine Garage ohne Toilette ist. Die Mietpreise in Gaziantep sind seit Beginn des Bürgerkrieges um 300 Prozent gestiegen. Man kann also nicht für alle Flüchtlinge ein Paket schnüren und damit ist dann allen geholfen, sondern man muss die Einzelfälle und die Situation im Umfeld betrachten.

Wie gehen Sie mit den Bildern und den Lebensgeschichten um, die Ihnen bei Ihren Besuchen begegnen?

Einerseits musste ich lernen, nicht jedes Einzelschicksal so stark an mich heranzulassen. Andererseits möchte ich, dass Einzelschicksale mich berühren. In der humanitären Hilfe kann es eine Strategie sein, nichts mehr an sich heranzulassen, um damit umgehen zu können – was ich für mich persönlich als nicht gesund definiert habe. Es gibt natürlich Momente, wenn ich viele Interviews geführt habe, dass ich Zeit brauche, um zu verarbeiten, was ich gerade gehört habe. Es gibt auch Tage, wo es mir damit nicht gut geht und ich mich mit einer Kollegin zusammensetze, um darüber zu reden. Für mich ist es immer das Schwierigste, Kinder zu sehen, die traumatisiert oder schwer kriegsverletzt sind. Meine Strategie ist dann, dass ich die Kommunikation mit anderen suche, Tagebuch schreibe und auch einfach mal zulasse, dass es mir zwei oder drei Tage nicht so gut geht.

Gibt es Begegnungen, die Sie nicht vergessen werden?

Ja. Als ich das erste Mal einen vierjährigen Jungen mit verbranntem Gesicht getroffen habe. Das werde ich nicht vergessen. Das war im Januar, ich habe zu diesem Zeitpunkt schon neun Monate hier gearbeitet und ich wusste ja, was passiert in Syrien. Ich lese die Berichte und ich weiß, dass ganz viele Menschen ganz schreckliche Kriegsverletzungen erlitten haben. Es war an diesem Tag das letzte von vielen Interviews und ich habe mir selbst schon gesagt, das muss ich jetzt noch durchhalten. Und dann kam uns plötzlich dieser kleine Junge im Wohnzimmer entgegengelaufen und ich war im ersten Moment so erschrocken. Er hatte ein fast komplett verbranntes Gesicht und hat sich so gefreut über die Schokolade, die wir mitgebracht haben. Das werde ich nicht vergessen und das will ich auch nicht vergessen, vor allem, weil dieser Junge dafür steht, was passiert in Syrien. Und dafür steht, wie schwierig es ist, Flüchtling zu sein. Er wird noch große Herausforderungen in seinem Leben haben, auch wenn er jetzt in Sicherheit ist.


Das Interview in voller Länge können Sie in der Pastille aus dem Dezember 2015 lesen. Vielen Dank an die Redaktion, dass wir Auszüge des Interviews hier veröffentlichen dürfen!

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