Der Krieg in Syrien nahm ihnen die Heimat – Jetzt kämpfen die Flüchtlinge ums Überleben

Ein Gespräch im türkischen Mardin. Dieser Flüchtling kommt aus dem syrischen Aleppo. Klagen höre ich kaum. © Lass
Ein Gespräch im türkischen Mardin. Dieser Flüchtling kommt aus dem syrischen Aleppo. Klagen höre ich kaum. © Lass

Es ist Mittwochnachmittag Anfang September. Ich bin in Mardin, einer Stadt im Südosten der Türkei, 40 Kilometer Luftlinie zur syrischen Grenze. Gefühlt sind es 38 Grad. In Mardin und der Nachbarstadt Kiziltepe unterstützen wir 1.400 syrische Flüchtlingsfamilien über einen Zeitraum von sechs Monaten mit Lebensmitteln und Alltagsgegenständen wie Seife, Zahnbürsten, Waschmittel. Dazu müssen die ärmsten Familien ausgewählt werden. Und genau das mache ich heute zusammen mit meiner jungen Kollegin Ronah, die selbst Flüchtling ist, und Jamal, einem engagierten Studenten aus Mardin, der Türkisch und Kurdisch spricht.

Wir besuchen die erste Familie – eigentlich sind es zwei. Zehn Personen leben in zwei kleinen Zimmern.

Auf dem Boden liegen Matratzen, sonst gibt es nichts, weder Möbel noch Bilder an den Wänden. Doch was ich höre, als ich mit den Männern ins Gespräch komme, sind keine Klagen.

Es gehe ihnen gut, sagen sie. Sie haben im Sommer Arbeit als Tagelöhner auf dem Bau gefunden und konnten ihre Familien versorgen. Nur im Winter sei es schwierig, weil es dann wenig Arbeit gebe. Dann müsse bei den Läden in der Nachbarschaft angeschrieben werden. Aber sie seien in Sicherheit, und das sei das Wichtigste.

Weiter nach Europa gehen? Nein, die Familie ist hier

Bei der nächsten Familie treffen wir auf eine junge Mutter mit ihren vier Kindern. Die beiden ältesten, Zwillinge, sind sieben Jahre alt. Das jüngste gerade mal zwei Monate. Die stolze Mutter hält zufrieden ihr jüngstes Kind im Arm. Sie erzählt dankbar von der professionellen Betreuung im Krankenhaus, die sie umsonst bei der Geburt erhalten habe. Doch dann beschreibt sie das Leiden ihres ältesten Sohnes. Er hat einen Hirntumor und muss sich einmal im Monat in einem spezialisierten Krankenhaus untersuchen lassen. 15 Euro kostet die Busfahrt.

Jetzt kann sich die Familie das Ticket nicht mehr leisten, die letzte Untersuchung musste ausfallen.

Ich frage, ob sie eine Flucht nach Europa in Betracht ziehe. Auf keinen Fall, sagt die junge Mutter, denn ein Großteil ihrer Familie lebe noch in Syrien. Nach solchen Begegnungen geht mir durch den Kopf, dass wir als Welthungerhilfe den Menschen für den Moment helfen. Und doch ohnmächtig sind, denn wir können keinen politischen Rahmen schaffen, der ihr Leben nachhaltig verbessert. Diese Hilflosigkeit gehört zu den schwersten Seiten meines Jobs.

Dann sage ich mir, dass wir dazu beitragen, dass sie überleben. Wenigstens das.

 

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