Vergessene Katastrophen: Einsatz für die Zukunft in Pakistan

Die Menschen sind in ihre Häuser zurückgekehrt und beginnen mit dem Wiederaufbau. © Botelli
Die Menschen sind in ihre Häuser zurückgekehrt und beginnen mit dem Wiederaufbau. © Botelli

Ein Interview mit Welthungerhilfe-Landeskoordinator Achim Apweiler.
Es ist kein Geheimnis: Immer sind es die großen Katastrophen, die die Augen der Öffentlichkeit auf Länder wie Haiti, Pakistan oder jetzt Japan lenken. Nach ein paar Wochen flaut das Interesse ab, die Menschen beschäftigen sich mit neuen Ereignissen und die Betroffenen geraten wieder in Vergessenheit. Die Arbeit der Hilfsorganisationen geht jedoch weiter. Denn unsere Aufgabe ist es, den Menschen langfristig zu helfen – um zukünftige Katastrophen zu verhindern oder ihre fatalen Schäden für die Betroffenen zu mindern.

Ein Beispiel für solches Engagement ist Pakistan. Nach der schweren Flut im letzten August, die Stück für Stück erst den Norden des Landes und dann den Süden verwüstet hat, hat die Welthungerhilfe gemeinsam mit ihren internationalen Partnern von Anfang an die Opfer unterstützt.

Die Nothilfe ist abgeschlossen – nun setzen wir alles daran, den Menschen in den stark betroffenen Regionen KPK und Punjab zu helfen, wieder und besser auf eigenen Beinen zu stehen. Der Landeskoordinator Achim Apweiler berichtete mir bei seinem Besuch in der Bonner Zentrale der Welthungerhilfe von den Fortschritten unserer Arbeit in den ehemaligen Flutgebieten.

Vor wenigen Monaten standen in Pakistan noch viele Gegenden im Norden und im Zentrum des Landes unter Wasser. Wie sieht die Situation heute aus?

Apweiler: Das ist regional sehr unterschiedlich. In der Region Sindh ist das Wasser in manchen Gegenden erst vor wenigen Wochen komplett abgeflossen. In Punjab und Sindh, im Zentrum des Landes, gibt es viele Ebenen und dicht besiedelte Landstriche. Dort haben die Wassermassen viele Häuser, Straßen und Brücken zerstört. Der Norden hingegen ist bergig. Hier lief das Wasser sehr schnell ab: Die Fluten sind durch die Täler geschossen, ohne breite Landstrichte zu zerstören.

Wie geht es den Menschen in Pakistan heute?

Apweiler: Viele Menschen haben Angst vor einer neuen Katastrophe. Ich denke, dass sie Recht haben. Pakistan ist sehr anfällig für Naturkatastrophen – außer dem schweren Erdbeben im Jahr 2005 und der Flut im letzten Jahr gibt es regelmäßig kleinere Überschwemmungen und Erdbeben, die ebenfalls viel Schaden anrichten.

Bei einem Besuch im SWAT-Tal im Norden habe ich gesehen, dass der SWAT-Fluss sich nach der Flut einen neuen Lauf gesucht hat. Er verläuft nun auf der anderen Seite der natürlichen Schutzwälle und ist den Anbauflächen sehr nahe. Ohne den Schutz der Wälle werden beim nächsten Hochwasser die Felder überflutet und die Ernten zerstört – und damit auch die Lebensgrundlage der Menschen.

Wie hilft die Welthungerhilfe den Menschen in Pakistan?

Apweiler: In der ersten Zeit nach der Flut kam es erst einmal darauf an, der Bevölkerung schlicht und einfach das Überleben zu ermöglichen. Wir haben zum Beispiel Decken und Planen zum Schutz vor Regen und Kälte verteilt. Diese Nothilfe-Phase ist abgeschlossen. Die Menschen sind fast alle in ihre Häuser zurückgekehrt und der Wiederaufbau ist in vollem Gange. Es ist immer noch sehr viel zerstört: Besonders die Schutzwälle und die Bewässerungskanäle müssen repariert werden. Das packen wir gemeinsam mit der Bevölkerung an. Damit zukünftig bei Katastrophen nicht mehr so große Schäden entstehen, wollen wir nicht nur alles wie vorher aufbauen, sondern es besser machen, stabiler und  sicherer.

Ein zweites großes Problem ist die Ernährungslage. Die Ernten wurden zerstört, deshalb sind nun viele Menschen auf den Kauf von Lebensmitteln angewiesen. Diese sind in Pakistan teuer, weil sie importiert werden müssen – und die Weltmarktpreise sind im letzten Jahr enorm gestiegen. Gemeinsam mit unserer pakistanischen Partnerorganisation Lasoona verteilen wir Saatgut in der Region KPK und bessern im Punjab, im Süden des Landes, Bewässerungskanäle aus. So helfen wir den Menschen wieder auf die Beine zu kommen und sich im nächsten Jahr ohne  fremde Hilfe ernähren zu können.

Wie beteiligt sich die Bevölkerung an dem Wiederaufbau?

Apweiler: Ich erlebe viel Eigeninitiative der Betroffenen. Gemeinsam mit der Bevölkerung haben wir beispielsweise in KPK beschlossen, dass der Wiederaufbau der Schutzwälle ein Schwerpunkt unserer Aktivitäten sein soll. Wir bezahlen  sie für die Bauarbeiten, der Ansatz nennt sich „cash for work“. Er ermöglicht den Menschen ihre Arbeitszeit und -kraft für die Gemeinschaft zu investieren ohne dabei ihre Lebensgrundlage zu verlieren, weil die eigene Arbeit liegen bleibt.

Doch die Bevölkerung tut mehr als das: Zusätzlich besorgen sie Baumaterial, in dem sie die Steine des zerstörten Schutzwalles aus dem Fluss bergen, die wiederverwertet werden können. Die Menschen sind sehr engagiert bei der Sache. Und das ist ein gutes Zeichen: Sie sehen den Aufbau der Wälle als „ihr“ Projekt an und damit wird auch wahrscheinlicher, dass sie sich um die Instandhaltung kümmern. Das ist unser Verständnis von Hilfe zur Selbsthilfe – und unser Einsatz für die Zukunft der Menschen.

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Achim Apweiler (39) ist seit August 2010 im zentralasiatischen Staat als Landeskoordinator tätig. Vorher war er für uns unter anderem in Sri Lanka und Nordkorea aktiv. Bei der Welthungerhilfe arbeitet der gebürtige Bonner, weil ihn der Ansatz der Hilfe zur Selbsthilfe überzeugt.

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