Vor dem Klimagipfel in Lima auf den Gipfel gestiegen

Dünne Luft auf 4.500 Metern Höhe: Für Maxima Fernandes kein Problem, sie zeigt uns ihr Dorf und läuft die Berghänge hinauf, als wäre es ein Spaziergang in der Ebene.
Dünne Luft auf 4.500 Metern Höhe: Für Maxima Fernandes kein Problem, sie zeigt uns ihr Dorf und läuft die Berghänge hinauf, als wäre es ein Spaziergang in der Ebene.

Seit meiner Dienstreise nach Peru im November verstehe ich sehr gut, was mit „luftiger Höhe“ gemeint ist: bestimmt nicht die kleinen Hügel, die sich hinter unserem Bürogebäude in Bonn erheben und viele Touristen mit Wanderwegen erfreuen. Da, wo die Bäuerin Maxima Fernandes mit viel Mühe ihre Felder bestellt oder die Familie Quispe am Berghang Pinienwälder anpflanzt, da weht ein echt kalter Wind; da brennt die Sonne so erbarmungslos nah vom Himmel, da ist die Luft verdammt dünn – denn wir bewegen uns dort auf Höhen zwischen 3.300 und 4.500 Metern – in den Anden von Peru.

Dass meine Dienstreise in die Bergregion um Ayacucho und Cusco kein Spaziergang werden würde, war mir klar.

Aber zu fühlen, dass jeder Schritt, den ich dort gehe, mir den Atem nehmen will und ich meinen Puls in jeder Zelle des Körpers wahrnehmen würde, hatte ich so nicht glauben wollen. Die Kollegen rieten mir: „Schluck unbedingt diese Sorojchi-Pillen gegen die Höhenkrankheit!“ Ja, ja, dachte ich noch – ich war schon mal so hoch, ich bin robust, belastbar und fühle mich fit. Aber die Pillen haben wir uns dann doch gleich am Flughafen gekauft und sicherheitshalber auch mal geschluckt.

Ich habe zwei deutsche Journalisten in die Projektgebiete der Welthungerhilfe nach Peru begleitet, um im Vorfeld des Klimagipfels in Lima zu sehen, wie unsere Projektarbeit in der Andenregion wirkt. Auf bis zu 4.500 Meter Höhe ging unsere Reise, um Maxima Fernandes zu treffen. Sie ist 47 Jahre alt, trägt ihr drei Monate altes Baby im Tragetuch auf dem Rücken und läuft die Berghänge hinauf, als wäre es ein Spaziergang in der Ebene. Oben angekommen zeigt sie uns eine Wasserstelle, die sie und ihre Gemeindemitglieder angelegt haben. Die Welthungerhilfe hat diese Arbeit gemeinsam mit der peruanischen Partnerorganisation ABA gefördert. Denn der Regen fällt nicht mehr so verlässlich wie früher, und wenn, dann ist er heftig, bringt immer öfter Hagel mit und kann vom trockenen Boden gar nicht ausreichend aufgenommen werden. Mit diesen „Lagunas“, wie die Wasserstellen genannt werden, ist die Wasserversorgung der Bauern nun ganzjährig gesichert.

Wie wir so da oben stehen, bleibt mir fast buchstäblich der Atem weg.

Was für ein Panorama! Diese Berge sind mächtig, beeindruckend – und kahl! Ja – kahl, versteppt und braun. Alles, was grün ist, erklärt mir Magdalena Machaca, die Direktorin von ABA, sind die Parzellen und Weiden der Bauern, die dank der Wasserstellen ihre Existenz gesichert haben. Wie war das noch? „Grün ist die Hoffnung“ – dieser Spruch kommt mir gleich in den Sinn, und beim Anblick dieser Natur erscheint er mir kein bisschen kitschig.

Durchatmen und – Mittagspause. Es gibt „Fast Food“: Pellkartoffeln, Bergkäse und Mate de Coca. Oh, wie köstlich ist dieses Mittagessen! Die Kartoffel schmeckt viel gehaltvoller als zuhause. Und der heiße Tee tut so unglaublich gut, außerdem fördert er die Durchblutung und mindert die Auswirkungen der Höhe. Maxima und ihre Begleiter lachen verständnisvoll, möchten uns aber eigentlich gleich noch mehr zeigen: die Quinoa-Felder, Gemüsegärten, Kartoffelfelder – ich denke nur: bitte lasst uns dieses kleine Päuschen noch etwas genießen.

Wie können die Menschen nur hier oben leben?

Diese Kälte – und es ist Sommer auf der Südhalbkugel! – der Wind, die Sonne, die harte Arbeit auf den kargen Böden am Hang. „Warum gehen Sie nicht wie viele andere Menschen auch in die Stadt, wenn es so hart ist hier zu arbeiten und leben?“ fragt einer der Journalisten Maxima. Sie lacht wieder und fragt ganz einfach zurück: „Was sollen wir denn in der Stadt? Da würden wir verhungern. Wir sind Bauern.“

Und weil wir ja hier sind, um dem Klimawandel auf den Grund zu gehen, fragen wir noch nach den Ursachen und Auswirkungen. Für Maxima ist es ein bisschen auch Gottes Strafe, dass das Wetter verrückt spielt. Schuld haben wir ihrer Meinung nach alle, weil wir nicht im Einklang mit der Natur leben und die Harmonie unter den Menschen verlorengegangen ist. Ich gebe zu, ich hadere und will die Ursachen des Klimawandels nicht so recht allein im Übermenschlichen sehen.

Doch auch Marcos Mejia vertritt diese Auffassung. Er ist ein Maestro, ein Weiser, der mit den Berggeistern kommunizieren kann. Wir treffen ihn am nächsten Tag an einer weiteren Wasserstelle auf rund 4.200 Meter Höhe. Er erklärt uns, dass die Welt aus dem Gleichgewicht geraten ist: Die Achse im Inneren der Welt sei verschoben und wir spüren es daran, dass die Erde bebt und der Regen ausfällt. Die Berge, die Erde – alles ist lebendig, klärt er uns auf. Die indigenen Einwohner hier oben haben ihre eigene Cosmovisión – ihre eigene Weltanschauung. Und in dieser sind Harmonie und Gleichgewicht existenziell. Deshalb hat Marcos den Berggeist Apu Tapaccocha seinerzeit um sein Einverständnis gebeten, die Wassersammelstelle genau dort errichten zu dürfen, wo wir jetzt stehen. Dies sei notwendig, sagt Marcos, denn wenn der Apu dies nicht wollte, würden die Menschen es spüren und es könnten z.B. Unfälle passieren. So aber kann die Gemeinde das Wasser hier sicher sammeln und nutzen.

Er lädt uns ein, dem Apu gemeinsam zu huldigen und breitet dafür ein weißes Papier auf dem Boden aus. Rechts und links legt er ein paar Nelken darauf und richtet einige Worte in Quechua an den Apu. Dann bittet er uns, die Hände zusammenzulegen – wie zum Empfang einer Hostie. Ich spüre Ehrfurcht in mir aufsteigen, und mein Hadern vom Vortag ist für den Moment ziemlich weit weggerutscht. Magdalena Machaca legt uns Koka-Blätter in die Hände, die wir später dem Apu geben sollen. Als ich an der Reihe bin, weht kurz ein Wind und einige meiner Blätter fallen auf den Boden. Magdalena sieht es und sagt ernst: „Die Blätter sind falsch herum auf dem Boden gelandet. Du wirst traurig werden oder Dir über etwas Sorgen machen.“ Oh, ich? Wieso denn? Ich bin doch ein grundpositiver Mensch, denke ich und spreche es auch fast ein bisschen erschrocken aus. Magdalena bückt sich, dreht die Blätter richtig herum und meint dann ganz pragmatisch, es sei jetzt alles wieder gut. Ich bin erleichtert, muss schmunzeln und spüre, wie mein Hadern wieder Kraft bekommt. Wir knien vor dem kleinen Papieraltar nieder, richten einige Worte in Spanisch an den Apu und hoffen, dass er uns versteht. Abschließend lassen wir die Nelken und Koka-Blätter in ein Wasserloch fallen – dem Eingang zum Apu, danken ihm, dass er uns empfangen hat und wünschen den Bauern der Region, dass ihnen die Natur wohlgesonnen bleiben möge.

Zum Abschied lässt uns Marcos noch wissen, dass er keinen Groll hegt gegen die, die am Klimawandel hauptsächlich Schuld haben. Schließlich habe jeder seine Rolle in dieser Welt: die einen sind „Verschmutzer“, die anderen „Saubermacher“. Und die Menschen hier oben seien eben die „Saubermacher“. Solange zwischen beiden ein Gleichgewicht bestünde, sei alles in Ordnung. Ansonsten müsse man mit einander reden und Lösungen finden. Das klingt so wunderbar einfach – aber für mich überhaupt nicht gerecht. Und so fragen wir noch, ob er sich denn nicht ungerechterweise in die Rolle des „Saubermachers“ gedrängt fühle. Unsere Kollegen, die für uns vom Spanischen ins Quechua dolmetschen, suchen vergeblich nach der Übersetzung des Wortes „ungerecht“. Genauso wenig finden sie Entsprechungen für Begriffe, die in die Zukunft deuten oder Disharmonie ausdrücken. Dafür benutzen unsere Quechua-Gesprächspartner spanische Vokabeln. Interessant!

Wir verabschieden uns. Es geht zurück nach Lima. Am Flughafen in Ayacucho warten wir auf den Flieger und sehen auf einem großen Bildschirm im Flughafen-Café die Nachrichten: Am Vorabend gab es ein Erdbeben mit Epizentrum unweit von Lima, Stärke 5,6 – keine Schäden, alles gut gegangen. Marcos würde wahrscheinlich wissend lächeln und sagen, die Apus wollen Euch ermahnen: Denkt an das Gleichgewicht!

Ich wünschte, die Klimagipfel-Teilnehmer machten in diesen Tagen auch mal einen kleinen Ausflug auf die Gipfel in den Anden!

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