Wir verteilen nicht nur Nahrungsmittel, sondern Hoffnung

Zwei lachende Frauen
Ein wertvoller Moment der Freude im Flüchtlingslager Bentiu. Fast 200.000 Menschen suchen hier Schutz vor der Gewalt im Südsudan.

Elizabeth, 42 Jahre alt, hat drei Söhne im Bürgerkrieg im Südsudan verloren. „Die letzten drei Jahre fühlen sich an wie 30. Früher konnten wir Sorghum [eine Hirseart] neben unserem Haus anbauen und uns selbst versorgen. Heute ist das zu gefährlich, wir bleiben im Dorf und sind auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Und selbst das ist nicht sicher. Nachts kommen manchmal Soldaten, vergewaltigen uns Frauen und stehlen alles, was wir haben“, erzählt sie. Die Geschichte von Elizabeth ist nicht die einzige dieser Art.

Im Südsudan kommen die Nahrungsmittel aus der Luft

Alle Frauen, mit denen ich rede, haben ähnlich schreckliche Erfahrungen gemacht. Fast 200.000 sind vor dem Bürgerkrieg ins Flüchtlingslager Bentiu geflohen, bewacht von der UNO. Und versorgt von der Welthungerhilfe. Keine Hilfsorganisation im Land verteilt mehr Nahrungsmittel als wir, für insgesamt fast 400.000 Menschen. Das Land hat keine funktionierenden Straßen, alle Nahrungsmittel müssen aus der Luft eingeflogen werden. Riesige UNO-Maschinen kreisen jeden Tag über der sogenannten „Drop Zone“ und werfen Säcke mit Getreide ab.

Beim Aufprall wirbelt Staub auf, aber die Säcke bleiben heile. „Wir haben nur 2 Prozent Verlust“, sagt mir der Logistikchef des World Food Program, das die Nahrungsmittel zur Verfügung stellt, einfliegt und dann an die Welthungerhilfe zur Verteilung übergibt. 60 Prozent des Nahrungsmittelbedarfs decken wir so für die Menschen, für den Rest sorgen sie selbst, indem sie innerhalb des Lagers Handel treiben oder im Nil Fische fangen – mit Netzen und Angeln, die von der Welthungerhilfe zur Verfügung gestellt werden. Ein funktionierender Markt ist ein erstes Anzeichen von etwas Normalität. Dort, wo ein Markt besteht, beginnt zumindest in Ansätzen ein funktionierendes Gemeinwesen.

Doch von Stabilität ist der Südsudan weit entfernt. Das jüngste Land der Welt – erst 2011 ist es nach langen verlustreichen Kämpfen vom Sudan unabhängig geworden – ist seit Jahren in einem grausamen Bürgerkrieg gefangen. Auf die erste große Krise 2013 folgte im Juli 2016 ein weiterer Zusammenstoß der zwei rivalisierenden Gruppen, den Dinka, die im Land den Präsidenten stellen, und den Nuer, denen der Vizepräsident angehört. Er befindet sich außer Landes in Südafrika, der Friedensprozess ist gescheitert.

Alle meine Gesprächspartner sind äußerst pessimistisch, was die Zukunft des Landes angeht. Die Wirtschaft ist kaputt, mit 800% herrscht die größte Inflation weltweit. Der Staat zahlt seine Beamten nicht mehr; einer der Wachmänner, die den Bereich bewachen, in denen die Hilfsorganisationen untergebracht sind, war bis vor kurzem Minister in der Regionalregierung. Als selbst die 25$ Monatsgehalt nicht mehr kamen, hat er beim Wachdienst angeheuert.

Was wir tun können? Leben retten!

Ich habe mich nach den vielen Gesprächen gefragt, was Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe in so einem Kontext leisten können. Können wir überhaupt etwas bewirken? Den Frieden, den das Land so dringend braucht, können wir nicht erreichen. Dies kann nur auf politische Wege und internationalen Druck vor allem der Anrainerstaaten versucht werden. Aber wir können und müssen Leben retten.

Frauen stehen Schlange

Geduldig Schlange stehen: Die Registrierung und die Verteilung der Nahrungsmittel der laufen ruhig ab.

Die Menschen, mit denen ich im Lager spreche, werden von der Regierung als Feinde angesehen, weil sie dem Vizepräsidenten nahestehen sollen. Aber sie wissen zum Großteil noch nicht einmal, wer der Präsident und der Vizepräsident überhaupt sind, geschweige denn, worum gekämpft wird – um Macht und Rohstoffe. Die Ärmsten der Armen haben diesen Machtkampf am wenigsten zu verantworten, und sie leiden am meisten darunter. Ohne Unterstützung würden sie verhungern. Im Moment können wir nicht mehr machen, als ihnen das Überleben zu sichern. Und gleichzeitig erste Schritte zu gehen, damit die Menschen sich irgendwann einmal wieder selbst helfen können – zum Beispiel über Schulungen von landwirtschaftlichen Techniken für Hirten, die sie mit nach Hause nehmen können, wenn sie wieder in ihre Heimat zurückkehren. Im Lager sind sie einigermaßen sicher, es gibt ein Krankenhaus und Schulen. Und es gibt genug zu essen. Die Verteilungen, die die Welthungerhilfe im Lager und auch in den umliegenden Dörfern organisiert, laufen extrem professionell ab, es gibt keine Unruhe.

Frauen stehen Schlange

Neben akuter Nothilfe wird auch an die Zukunft gedacht: Hirten lernen in Schulungen zum Beispiel neue landwirtschaftliche Techniken.

25 unserer 30 Mitarbeiter im Camp sind selbst Binnenvertriebene, die hier ihren Landsleuten helfen. Außerdem arbeiten wir mit Gemeindeführern zusammen, die sicherstellen, dass die Verteilungen gerecht verlaufen. Ich bin stolz auf die Professionalität, die Leidenschaft und die Tatkraft unserer Kollegen, die selbst im Lager leben, geschützt aber auch eingesperrt. Sie sind nicht naiv, aber sie glauben daran, dass ihre Arbeit einen Unterschied macht. Es sind realistische Optimisten. Wie sagt mir Alain Colleuille, unser französischer Logistikchef im Flüchtlingscamp: „Wir verteilen keine Lebensmittel, wir verteilen Hoffnung“.

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