Wasser holen, Kinder bekommen, Überleben sichern

36 Kilometer Tagesmarsch: Halima Esse Mohamod, hier in ihrem Zelt, holt dreimal täglich Wasser.
36 Kilometer Tagesmarsch: Halima Esse Mohamod, hier in ihrem Zelt, holt dreimal täglich Wasser.

Halima Esse Mohamod stellt den Kanister ins steinige Flussbett. Mit einem tiefen Seufzer richtet sie sich auf und streicht über ihren gerundeten Bauch. „Diesen Weg werde ich noch bis kurz vor der Geburt laufen“, sagt die 17-Jährige, während sie sich den Schweiß aus dem Gesicht wischt. In verblichenen Flip-Flops hat sie die sechs Kilometer durch die staubtrockene Landschaft der Afar-Region im Nordosten Äthiopiens bis zur nächsten Wasserquelle zurückgelegt – eineinhalb Stunden Fußmarsch unter der sengenden Sonne Afrikas. „Das ist bei uns nun mal traditionell die Aufgabe der Frauen“, sagt das junge Mädchen und zuckt mit den Schultern.

Damit muss ich leben, auch wenn es mich erschöpft und mir der Bauch wehtut.

Langsam legt die Schwangere das Seil ab, das sich beim Tragen viel zu fest um ihren wachsenden Bauch zurrt. Dreimal am Tag schleppt sie den 25-Liter-Kanister zum Fluss, der in der Trockenzeit zu einem kleinen Rinnsal zusammengeschrumpft ist. Um Wasser zu schöpfen, muss Halima jedes Mal mit einem Blechteller ein tiefes Loch ins Flussbett graben.

Extreme Armut bestimmt das Leben der Hirtenvölker

Die Bewohner des kleinen Dorfes Barkale leben seit Jahrhunderten von der Viehzucht. Sie pflegen die Traditionen der Afar-Hirtenvölker. Frauen haben es besonders schwer, denn Frühverheiratung, Beschneidung und viele, schnell aufeinanderfolgende Schwangerschaften bestimmen nach wie vor ihren Alltag. Auch Halima wurde mit einem älteren Mann verheiratet. Er ist heute 30 Jahre alt. Mit 15 bekam sie ihr erstes Kind. Die kleine Familie hält sich mit drei Kamelen, zehn Ziegen und dem kargen Erlös aus dem Verkauf von gesammeltem Feuerholz über Wasser. Zurzeit verdient Halimas Mann in einem anderen Distrikt ein Zubrot als Tagelöhner. So lebt die junge Frau allein mit ihrer zweijährigen Tochter in einem Nomadenzelt.

Die Menschen in der Afar-Region sind extrem arm. Sie wissen kaum, wie sie überleben sollen.

Viele legen sich abends hungrig auf ihre dünnen Bastmatten und warten, bis sie der Schlaf übermannt.

Chronische Unterernährung, ein geringes Bildungsniveau, die Auswirkungen des Klimawandels sowie fehlende Gesundheitsvorsorge bedrohen ihr Leben. Gerade Schwangere, Mütter und Kleinkinder leiden unter massiven Gesundheitsproblemen. So liegen die Sterblichkeitsraten von Müttern und Neugeborenen in Afar weit über dem Landesdurchschnitt. Bei 100 000 Geburten sterben 810 Mütter, jeder achte Säugling überlebt die Geburt nicht. Dagegen kämpft die Welthungerhilfe mit ihrer lokalen Partnerorganisation Afar Pastoralist Development Association (APDA) und ihrem weitreichenden Gesundheitsprogramm.

Tradition gegen Geburtenkontrolle

Heute hat Halima einen Vorsorgetermin. Sie ist Stunden zu Fuß unterwegs, bis sie das Barbara May Maternity Hospital erreicht. In den wenigen einfachen Betten liegen die kranken oder operierten Frauen. Auch Assia Mohamod erholt sich hier von ihrer Notoperation. Die Nabelschnur hatte sich viermal um den Hals ihres Babys gewickelt. Mit einem Kaiserschnitt konnte Doktor Margaret Mutter und Kind retten. Die Ärztin rät der Mutter zur Geburtenkontrolle. Assia Mohamod nickt ernsthaft. Ob sie verhüten wird, ist fraglich, zu tief verankert ist das traditionelle Rollenbild der Afar- Frauen. Im Schnitt bringt jede Frau neun bis zehn Kinder zur Welt, zwei bis drei überleben nicht. Die Fachkräfte von APDA haben aber schon viel erreicht. Immer mehr Frauen nehmen die Vorsorgeuntersuchungen wahr, kommen zu den Gesundheitsberaterinnen und entbinden im Barbara May Maternity Hospital. 100 Jugendliche arbeiten als Multiplikatoren in den Gemeinden, 80 Klanälteste und Imame kooperieren mit APDA.

Um Halima kümmert sich gerade eine Hebamme. Sie erklärt ihr anhand einer Zeichnung genau den Verlauf einer Geburt und misst den Blutdruck und den Hämoglobinwert. Viele Frauen leiden unter Eisenmangel und Blutarmut. Halimas Werte sind in Ordnung, aber sie wiegt nur 42 Kilo im siebten Schwangerschaftsmonat. Die Hebamme verschreibt ihr Eisentabletten und Vitaminpräparate und erklärt ihr, wie sie sich gesund ernähren kann. Dann macht sich Halima auf den Heimweg. Zu Hause wird sie Wasser holen, Feuerholz sammeln, Vieh hüten und sich um ihre Tochter kümmern.

Den ungekürzten Artikel finden Sie in der Welternährung 1/2016

Halima im Video

Das Leben als Viehhirtin in der Afar-Region ist hart. Die medizinische Betreuung unserer Partnerorganisation APDA hat schon vielen Frauen geholfen.

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