Weihnachten an der syrischen Grenze, Winterhilfe für Flüchtlinge

Eine junge Frau erhält Kohle – geliefert mit einem Esel.
Eine junge Frau erhält Kohle – geliefert mit einem Esel.

2015 war für mich das wohl intensivste Weihnachtsfest meines Lebens. Eine Woche vor Heiligabend bin ich in der kleinen türkischen Stadt Mardin angekommen. Mardin ist eine alte, historisch bedeutsame Stadt mit viel Charme nah der syrischen Grenze. Meine Aufgabe hier: Flüchtlingen helfen, gut über den Winter zu kommen.

Dem Bürgerkrieg in Syrien ist man hier sehr nah. Ich habe täglich mit Flüchtlingen zu tun, die ihre Heimat zurücklassen mussten. Manche hatten Glück, haben eine geeignete Unterkunft gefunden und mit viel Glück auch einen bezahlten Job.

Viele leben allerdings unter absolut erbärmlichen Zuständen in heruntergekommen, feuchten Bauruinen, in undichten und unbeheizten Zelten, in Ställen oder Kellerlöchern.

Der Winter hat dieses Jahr spät eingesetzt. Erst in den Tagen zwischen Weihnachten und dem Jahreswechsel hat es zu schneien begonnen. So konnten wir rechtzeitig an rund 2.300 Familien Öfen und Kohle verteilen. Die Zahl derer, die ohne Öfen auskommen müssen, ist leider wesentlich höher.

Heiligabend, ein Moment der Stille

In den Tagen vor Weihnachten haben wir wegen des drohenden Schneefalls unsere Arbeit nochmal intensiviert. Wir haben jeden Tag von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends gearbeitet. Abends sind alle aus dem Team am Rande ihrer Kräfte erschöpft ins Bett gefallen. Trotz der Anstrengung waren alle mit vollem Einsatz dabei und positiv gestimmt. Gerade unsere syrischen Kollegen waren kaum zu bremsen.

Heiligabend haben wir um sieben Feierabend gemacht und gemeinsam gefeiert. Ein kurzer Moment der Stille und des Durchatmens für alle Beteiligten.

Bei traditioneller Musik gelang es uns fast, die Bilder der Woche zu vergessen.

Während der Feiertage sind wir in die Dörfer gefahren. Für mich war das aufgrund der Weihnachtsstimmung eine sehr emotionale Erfahrung: zu den Flüchtlingsfamilien nach Hause zu kommen, die Menschen unmittelbar kennenzulernen und dann die Hilfsgüter zu übergeben.

Gerade in Gedanken an die Weihnachtsbotschaft hat sich das besonders angefühlt. Ich kann es kaum in Worte fassen. Während der Registrierung fragte mich ein geschätzt 70-jähriger Mann, woher ich käme. Meine Antwort war „Hamburg“. Das stimmt zwar nicht ganz, aber die meisten Menschen können damit etwas anfangen. Auf meine Gegenfrage, woher er denn käme, antwortete er „Rakka“ (die Hauptstadt des sogenannten „Islamischen Staates“) und begann zu weinen. Ohne groß darüber nachzudenken, habe ich ihn in den Arm genommen und für eine Minute gehalten. Worte waren nicht mehr nötig.

20 Kilometer weiter herrscht Krieg und Schrecken

Noch vor Silvester hatten wir all die entlegenen Dörfer versorgt, die nur über Eselpfade zu erreichen sind. Nach getaner Arbeit kletterte ich auf einen kleinen Hügel über einem alten Kloster und betrachtete den Horizont im Süden. Meine Gedanken überschlugen sich dabei. Es war so extrem gegensätzlich: Ich saß unter strahlendem Sonnenschein und blickt auf eine traumhafte, idyllische Landschaft. Gleichzeitig wusste ich, dass am Horizont gerade Menschen im Krieg starben.

Ich bin dankbar für diese letzte Mission hier in der Türkei. Nach 20 Jahren im Ausland, davon alleine fünf in Afghanistan, kehre ich dieses Jahr nach Hamburg zurück.

Ich freue mich darauf, mit dem Rad zur Arbeit fahren zu können, ohne Gefahr zu laufen, entführt, erschossen oder von einer Bombe erwischt zu werden.

Etwas verspätet frohe Weihnachten und ein glückliches Jahr 2016.

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