Weihrauch hilft über die Armutsgrenze

Welthungerhilfe Generalsekretär Till Wahnbaeck ist nach Äthopien gereist und dem Duft des Weihrauchs gefolgt.
Welthungerhilfe Generalsekretär Till Wahnbaeck ist nach Äthopien gereist und dem Duft des Weihrauchs gefolgt.

Auch wer nicht sehr religiös ist, kennt die Geschichte von den drei Weisen aus dem Morgenland, die Gold, Weihrauch und Myrre bringen. Vielleicht haben Sie sich – wie ich auch – einmal gefragt, woher der Weihrauch eigentlich kommt. Eine Quelle von Weihrauch kenne ich jetzt: ein großer Wald im Norden von Äthiopien.

Vor ein paar Monaten stand ich auf einem kleinen Berg an der Grenze zwischen Äthiopien und dem Sudan. In Richtung Sudan sah ich kilometerweit nur Wüste – der Wald, den es dort einmal gab, war längst abgeholzt. Hinter mir, in Richtung Äthiopien, war dichter Wald. Der Wald ist der Grüngürtel Äthiopiens, der das Land vor den sandigen Winden der Sahara schützt. Auch hier wurde in den letzten Jahren immer mehr abgeholzt – die Wüste rückte immer weiter vor.

Weihrauchbaum in Äthiopien.

Weihrauchbaum in Äthiopien.

Hier managt unser Mitarbeiter Yohannes Belay ein beeindruckendes Projekt der Welthungerhilfe: wir helfen der Bevölkerung, ihren Lebensunterhalt aus dem Wald zu beziehen – ohne Brandrodung oder Feuerholz. Die Bäume, unter denen ich stand, sind Weihrauchbäume, ihr Harz ist buchstäblich Gold wert.

Früher war der Wald in der Hand von Investoren; sie haben Tagelöhner aus der Region angestellt, die für einen Hungerlohn durch die Wälder gezogen sind, nach Kilogramm bezahlt wurden und so schnell so viel Harz gezapft haben wie möglich – ohne Rücksicht darauf, ob die kostbaren Bäume das überleben und auch noch im nächsten Jahr Harz abwerfen, denn wer weiß, welche neuen Investoren mit anderen Tagelöhnern dann vor Ort wären.

Die Welthungerhilfe hat den Bauern aus der Region geholfen, sich zu einer Genossenschaft zusammenzuschließen.

Die Regierung hat ihnen langfristige Nutzungsrechte zuerkannt. Die Bauern wissen, dass sie auch im nächsten Jahr und in den Jahren darauf von „ihren“ Bäumen leben müssen. Jetzt wird jeder Baum alle sechs Wochen vorsichtig angeritzt, jeweils eine Ellenlänge über der letzten Stelle; das Harz quillt langsam heraus, trocknet am Baum, wird geerntet – wer es zwischen den Fingern reibt, riecht den leichten Geruch nach Zitronen, der für hohe Qualität steht.

Till Wahnbaeck bei der Wiehrauchernte.

Till Wahnbaeck bei der Weihrauchernte.

Die Genossenschaft verkauft es dann direkt auf dem Weltmarkt– nicht nur an die katholische Kirche, sondern vor allem in arabische Länder, wo damit Häuser parfümiert werden. Das Ergebnis: Vormals hungernde Kleinbauern verdienen bis zu zwei Euro am Tag – und das bringt sie immerhin über die internationale Armutsgrenze von einem Euro. Ihre kleinen Felder bestellen sie weiterhin: Weihrauch erntet man in der Trockenzeit, die Felder werden in der Regenzeit bestellt, die beiden Einkommensquellen ergänzen sich also gegenseitig.

Auf den ersten Blick ist das ein kleines Projekt von vielen, die die Welthungerhilfe auf der ganzen Welt durchführt. Aber es ist ein ganz besonderes, weil es so viele Elemente miteinander verbindet, die uns wichtig sind.

Im Mittelpunkt stehen die Menschen, denen wir helfen. Vorher mussten sie und ihre Kinder oft hungrig ins Bett. Jetzt können sie sich ausgewogen ernähren.

Gleichzeitig ist dieses Projekt gelebte Nachhaltigkeit: Wer Landrechte hat, behandelt sein Land pfleglich, und schützt damit Äthiopien nachhaltig vor der Wüstenbildung. Die Verbindung von sozialer Gerechtigkeit und Umweltschutz ist eines der zentralen Themen der neuen nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO. Hier gelingt es. Und zuletzt nutzen wir das Projekt für politische Überzeugungsarbeit: Der Bezirk, in dem wir arbeiten, macht nur fünf Prozent der 700,000 Hektar Waldfläche in der Region aus – nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber die Ergebnisse des Projektes haben die Regionalregierung im Norden des Landes überzeugt, weitere Flächen für diesen Ansatz zur Verfügung zu stellen: So setzen wir den Hebel an, unsere Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes „auf die Fläche“ zu bringen.

Diese Art von Projekten überzeugt mich immer wieder aufs Neue davon, dass unsere Arbeit gut, sinnvoll und erfolgreich ist. Ich hoffe, Sie überzeugt es auch.

Fakten zum Projekt

Bis Ende 2017 unterstützen wir insgesamt 90.000 Menschen aus 20 Dörfern in den Landkreisen Jawi, Alefa und Quara bei der Ernährungssicherung. Unser Ziel ist es, einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung für die ländliche Bevölkerung und zur Umsetzung der Biodiversitätskonvention zu erbringen.

 

Weitere Projekte von uns in Äthiopien finden Sie hier.

 

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