Zu Besuch beim Nothilfe-Team im überfluteten Pakistan

Jürgen Mika und Bärbel Dieckmann bei Flutopfern. © Grossmann
Jürgen Mika und Bärbel Dieckmann bei Flutopfern. © Grossmann

Schon mein erster Eindruck von Pakistan aus dem Flugzeugfenster ist erschreckend. Wenn die Regenwolkendecke aufreißt, sehe ich das flächendeckende Ausmaß der Zerstörungen. Die übergetretenen Flüsse haben alles weggerissen und kilometerbreite, rötlich-braune Schlammspuren in die Landkarte gezeichnet. In Islamabad können wir dann auch nicht landen,  der heftige Monsunregen verbietet jeden Flugverkehr. Wir drehen ab nach Lahore, wo wir drei Stunden im Flugzeug am Boden warten müssen, bis sich die Lage gebessert hat und es endlich wieder zurückgeht nach Islamabad.

Ich werde von Jürgen Mika vom Nothilfe-Team der Welthungerhilfe abgeholt. Er wirkt ziemlich übermüdet, kein Wunder, ist er doch seit drei Wochen im Dauereinsatz. Er kommt aus Mianwali in der Region Punjab, wo er erkundet hat, was die Menschen benötigen. Als erstes begleiten wir ihn zu einer der regelmäßig stattfindenden Lagebesprechungen. An den Wänden des Büros hängen Karten mit den aktuellen Schadensmeldungen. Ausländische und einheimische Mitarbeiter  organisieren die Hilfe für das ganze Land. Die Einsätze werden minutiös geplant und aufeinander abgestimmt, damit keine Ressourcen verschwendet werden  und die Hilfe da ankommt, wo sie am dringendsten gebraucht wird.  Es herrscht ein klar geordnetes System.

Mit Mitarbeitern von CESVI, unserer italienischen Partnerorganisation fahren wir anschließend mit einem Minibus 150 Kilometer nach Nordosten. Wir wollen in die heftig heimgesuchte Umgebung von Nowshera. Der Fluss Kabul hat dort viele Dörfer weggespült. Auf dem Mittelstreifen der höher gelegenen Autobahn haben tausende Obdachlose ihre Zelte aufgeschlagen. Seit zwei Wochen wohnen und schlafen sie hier, direkt neben den vorbeirasenden Autos und Lastwagen. Hilfsorganisationen versorgen sie mit Wasser und Nahrung. In den Gesichtern der Leute sehe ich, dass sie sich über die Hilfe freuen, die sie nicht als selbstverständlich hinnehmen. Sie wissen, dass sie aus eigener Kraft keine Chance hätten.

Die zerstörten Flächen sind riesig. Selbst wir im Westen hätten größte Probleme damit. Ich muss an die Flut im Oderbruch oder an die Überflutung von New Orleans denken. Auch da lief nicht alles reibungslos. Ungleich schwieriger ist es hier in einem Land, das in einer prekären politischen Situation ist. Ab der Distrikthauptstadt Nowshera erhalten wir Polizeischutz. Ob der wirklich notwendig ist, kann ich nicht beurteilen. Aber ich nehme es als gutes Zeichen, dass die Polizei uns als Hilfsorganisation unterstützt.

Auf kleinen Straßen geht es weiter in das Dorf Chawhi Dorab. Rechts und links reihen sich zerstörte Gehöfte. Die Flut hat die Lehmziegelmauern einstürzen lassen. Die Bauern kampieren in Zelten und unter Planen in den Ruinen.  Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal, die Fliegen sind eine Plage. Hier muss alles getan werden, um den Ausbruch von Seuchen zu vermeiden.  Morgen werden wir daher in diesem Distrikt sogenannte Hygiene- und Haushaltssets verteilen mit Körper- und Kernseife, Decken, Kerzen und Streichhölzern Handtüchern und Damenbinden. Zwei Eimer, Wasseraufbereitungstabletten und ein feines Stofftuch, mit dem das trübe Wasser von Schwebstoffen befreit werden kann, gehören ebenfalls zum Paket. Dazu Elektrolyte um die Mangelerscheinungen auszugleichen,  die durch Durchfall hervorgerufen werden.

In Chawhi Dorab treffen wir einen Mitarbeiter unserer Partnerorganisation People In Need. Er überwacht das Ausladen von zwei LKW-Ladungen Schutzplanen. Die Männer aus dem Dorf schleppen die schweren Pakete in ein notdürftig hergerichtetes Lagerhaus.  Von hier aus sollen sie an die Bewohner aus der Umgebung verteilt werden. Durch die Nacht fahren wir drei Stunden zurück nach Islamabad. Morgen früh um sieben Uhr wollen wir wieder aufbrechen, zur Verteilung der Hygiene- und Haushaltssets in dem kleinen Dorf Mohlallah Khattak. Doch davon werde ich Ihnen dann berichten.

Herzliche Grüße
Bärbel Dieckmann

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7 Kommentare

  • Silke Rassmann sagt:

    Sehr geehrte Frau Dieckmann, ich bin deutsche Staatsbürgerin und lebe in Pakistan in einem Dorf im Gujranwala District (Punjab). Ich besitze eine Flour Mill (Mühle) und Allah sei Dank sind wir bis jetzt vom Hochwasser verschont worden. Ich kann mir vorstellen, daß sehr viel Mehl gebraucht wird, um die notleidende Bevölkerung ausreichend mit Brot (Chapathi) zu versorgen. Gerne würde ich zu einem sehr guten Preis Ihnen unser Mehl zur Verfügung stellen. Bitte melden Sie sich so schnell wie möglich, da wir das Mehl für unsere Kunden immer frisch mahlen.
    Im Vergleich zu Deutschland gibt es im Mehl von Pakistan keine Zusatzstoffe die für eine lange Haltbarkeit sorgen würden.
    Meine kompletten Angaben liegen der deutschen Botschaft in Islamabad vor.

    Mit freundlichen Grüssen

    Silke Rassmann

  • Udo Herrmann sagt:

    Wie sagten Sie in der Augsburger Allgemeinen so schön:
    „Es fällt mir extrem schwer, die Rolle der Frau in Pakistan zu akzeptieren. Und auch wenn ich es nicht gerne tue, passe ich mich den Sitten des Landes an und ziehe mir ein Tuch über die Haare. Denn es ist jetzt nicht die Situation, dieses Thema zu diskutieren.“

    Mir fällt es extrem schwer für ein solch primitives Land zu spenden.
    Keinen Cent für Pakistan.

    • Markus sagt:

      Das ist genauso falsch und menschenverachtend wie Lebensmittel nur an ein bestimmtes Geschlecht zu verteilen, wenn man jetzt nach Religion oder Weltanschauung geht.

  • Carsten sagt:

    Augsburger Allgemeine:
    „Es fällt mir extrem schwer, die Rolle der Frau in Pakistan zu akzeptieren. Und auch wenn ich es nicht gerne tue, passe ich mich den Sitten des Landes an und ziehe mir ein Tuch über die Haare.“
    Bärbel Dieckmann
    Präsidentin der Deutschen Welthungerhilfe

    Toll, aber warum gilt das nicht umgekehrt auch in Deutschland?

  • Petra Boos sagt:

    Es tut mir leid, aber einer Frau, unter deren Führung Millionen von Steuergeldern verschwunden sind, kann ich in ihrem sozialen Engagement nicht ernst nehmen. Jetzt steht sie auch noch unter Korruptionsverdacht, es wir Zeit daß sie als Präsidentin der WHH abtritt.

  • Simone Pott sagt:

    Lieber Udo Herrmann, lieber Carsten,

    Frau Dieckmann und die Welthungerhilfe als Organisation arbeiten respektvoll und nach dem Prinzip „do no harm“ (also: „füge keinen Schaden zu“) in den Ländern unserer Projektpartner. Das heißt auch, Sitten, Gebräuche, Traditionen und Verhaltensweisen im Miteinander zu respektieren. Wenn Menschen auf diese Art und Weise wie in Pakistan in Not geraten, hat dies nichts mit ihrer persönlichen Kultur, ihrer politischen oder religiösen Überzeugung und ihrer Herkunft zu tun. Die Welthungerhilfe leistet Hilfe, weil sie notwendig und erwünscht ist. Dabei sind wir politisch und konfessionell neutral. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns bei der Hilfe für diese Menschen in Not unterstützen könnten.

    Mit freundlichen Grüßen
    Simone Pott, Pressesprecherin der Welthungerhilfe

  • Simone Pott sagt:

    Sehr geehrte Frau Boos,
    wir kennen die Hintergründe nicht, die zu den neuen Vorwürfen Frau Dieckmann gegenüber geführt haben und können sie daher nicht kommentieren oder beurteilen. Dies ist ausschließlich die Sache des Anwalts von Frau Dieckmann. Wir gehen auch jetzt davon aus, dass sich die Vorwürfe gegen Frau Dieckmann restlos aufklären werden. Frau Dieckmann setzt sich für die Welthungerhilfe ehrenamtlich als Präsidentin ein.

    Mit freundlichen Grüßen
    Simone Pott, Pressesprecherin der Welthungerhilfe

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