"Ich bin die Chefin"
Die Bolivianerin Doña Pércida verteilt die Arbeit – und schuftet selbst für ein freies Leben
von Kerstin Bandsom

Doña Pércida prüft, ob die Früchte schon reif
sind. © Kopp"Ich bin die Chefin", sagt Doña Pércida und lacht. Chefin ist sie zu Hause, wo sie sich um die Erziehung ihrer sieben Kinder und den Haushalt kümmert. Außerdem verdient sie gemeinsam mit ihrem Mann das Einkommen der Familie. Morgens um fünf Uhr steht sie auf und bespricht mit ihrer Familie den Tagesablauf. Jeder bekommt seine Aufgabe für den Tag.
Aber Chefin ist sie auch noch für einen jungen Mann aus ihrer Gemeinde, den sie in umweltverträglichen und nachhaltigen Anbaumethoden unterrichtet. Denn Doña Pércida ist inzwischen so gut, dass sie sogar einen "Lehrling" ausbilden kann. Zusammen mit ihrem Ehemann bearbeitet Doña Pércida ein Stück Land mitten in der Provinz Velasco, im Departament Santa Cruz, im Tiefland Boliviens. Hier ist es tropisch – feucht und warm, ideale Bedingungen für den Anbau von Kaffee, Yucca, Zitrusfrüchten, Mais und vielem mehr. Doña Pércida arbeitet bereits seit 13 Jahren auf ihrem Ackerboden. Parallel besucht sie Qualifizierungskurse für nachhaltige Landwirtschaft. Dank der Unterstützung durch die Welthungerhilfe und ihrer bolivianischen Partnerorganisation AGRECOL werden diese Kurse über die Kooperative MINGA angeboten.
Nachhaltiger Anbau
Sie verwendet nur natürliche Düngemittel. Sie achtet darauf, dass der Boden nicht auslaugt und will keine Monokulturen sondern Vielfalt auf ihrem Boden. Im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten leben, das will sie. Damit kann sie ihre Familie unabhängig und gesund ernähren. Und von dem, was aus Verkäufen ihrer Ernte übrig bleibt, kann sie die Schulausbildung ihrer Kinder finanzieren und vielleicht auch mal ein Rind kaufen. Rinder sind nicht nur Fleischlieferanten sondern auch finanzielle Absicherung. Doña Pércida hat in ihren Kursen gelernt zu planen und zu organisieren. Das vermittelt sie auch ihrem "Lehrling". "Er ist schon ziemlich gut", sagt sie. "Aber die Wasserfurchen muss er noch näher an die Pflanzen heranbringen. Das müssen wir noch korrigieren", stellt sie fest. Diese Wasserfurchen sind wichtig. Denn wenn hier der Regen kommt, dann ist das plötzlich und heftig. Die Furchen führen das Wasser dann dort hin, wo es benötigt wird. So fließt es nicht einfach ab, ohne die Pflanzen ausreichend zu versorgen.
Energie und Einsatz für die gemeinsame Sache
Doña Pércida ist in ihrem Element, wenn sie die Anbaumethoden erklärt. Man spürt ihre Kompetenz und ihre Entschlossenheit. Diese Frau hat viel Energie und Kraft in sich. Schon jetzt ist sie Gemeindeführerin und schließt nicht aus, für das Amt der Präsidentin ihrer Kooperative zu kandidieren. Dann wäre sie die Ansprechpartnerin für viele indigene Kleinbäuerinnen und –bauern ihrer Gemeinde. Diejenige, die die Verkäufe der Ernten organisiert und Beratungskurse koordiniert.
Woher nimmt sie die Kraft?
Doña Pércida und ihr Mann haben früher als Angestellte eines Großgrundbesitzers auf dessen Land gelebt und gearbeitet. Sie war zuständig für die Küche, ihr Mann für die Rinder. Sie wollte aber nicht mehr länger zu schlechten Bedingungen arbeiten und unfrei leben. Der gemeinsame Verdienst des Ehepaares reichte nicht aus, um sich etwas aufzubauen. Das Haus wurde gestellt, der Arbeitslohn war mehr als kläglich. Wie also ein freies Leben führen? Und doch hat sie ihren Mann überzeugt, das Risiko einzugehen und ein Stück Land, das ihre Familie zwar vom Staat zugesprochen bekommen hatte, aber nicht bearbeiten konnte, als Grundlage zu nehmen. Mit Hilfe der Kooperative im Ort und anderen Familien ihrer Gemeinde hat sie dann schnell gelernt, wie sie alles, was sie zum Leben braucht, anbauen kann. Ihr Mann hat ihr vertraut und sie bei allem unterstützt. "Ob Mann oder Frau, keiner von uns ist besser als der andere. Wir arbeiten hier zusammen." Das sagt Doña Pércida und lacht wieder.
Autorin
Kerstin Bandsom ist Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in Bonn.
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