Bärbel Dieckmanns erste Reise mit der Welthungerhilfe:

Gemeinderatssitzung und Transportmittel der besonderen Art

Von Marion Aberle

Bildergalerie: Die erste Dienstreise - Bärbel Dieckmann in Äthiopien

VIDEO: Engagement für die Menschen in Äthiopien

Gemeinsam Lösungen finden und umsetzen: Bärbel Dieckmann in Äthiopien. © Grossmann
Gemeinsam Lösungen finden und umsetzen:
Bärbel Dieckmann in Äthiopien. © Grossmann
Ein grünes Äthiopien, ein ungewohnter Anblick. Die Bilder von den Hungersnöten am Horn von Afrika haben sich bei uns eingeprägt. Regen – worüber man in Deutschland häufig klagt, hier bedeutet er Hoffnung auf eine gute Ernte. "Eigentlich hat man mir abgeraten, in der Regenzeit nach Äthiopien zu reisen, weil viele Gebiete wegen schlechter Straßen nicht zu erreichen sind und ständig der Strom ausfällt", sagt Bärbel Dieckmann. "Aber wenn man sieht, wie sich die Menschen hier über den Regen freuen, das ist sehr bewegend."

 

Ein leichter Grasbewuchs - vorübergehend. © Grossmann
Ein leichter Grasbewuchs -
ein nur kurzes Ereignis.
©Grossmann
Grüne Fassade

Doch das grüne Äthiopien täuscht, das sieht man schon auf den zweiten Blick. Die meisten Kühe und Ziegen sind klapperdürr. Die Trockenzeit ist gerade erst zu Ende. Und der erste grüne Grasflaum reicht noch nicht, um wieder Fett anzusetzen. Die erste Regenzeit von Februar bis April ist schlecht ausgefallen. Mögen sich Experten über die Folgen des Klimawandels streiten – die Bauern in Äthiopien wissen, dass man sich nicht mehr wie früher darauf verlassen kann, dass es drei Monate am Stück regnet. Und es passieren kann, dass die wertvolle Saat auf den Feldern vertrocknet.

Für Dieckmann ist es nicht die erste Begegnung mit der Armut. Durch die Bonner Entwicklungspartnerschaften hat sie viele städtische Elendsviertel gesehen. Doch die ländlichen Gebiete sind auch für sie neu.

 

Wie entwickelt sich die Ackerkrume? Bärbel Dieckmann mit Bernhard Meier zu Biesen, Mitarbeiter der Welthungerhilfe in Äthiopien. © Grossmann
Wie entwickelt sich die
Ackerkrume? Bärbel
Dieckmann mit Bernhard
Meier zu Biesen, Mitarbeiter
der Welthungerhilfe in
Äthiopien. © Grossmann
Sodo entdecken und verstehen

Um von der Teerstraße ins Projektdorf Sodo zukommen, ist ein Begrüßungskomitee erschienen: ungefähr zwanzig Männer auf Mulis, die in einem wiegenden afrikanischen Gesang den Gast von ihrem Volk, den Oromo, grüßen. Den angebotenen störrischen Muli lehnt sie dankend ab. Die Gummistiefel nimmt sie gerne an und stapft drei Kilometer über die Felder, wobei es immer wieder Gelegenheit zu Gesprächen mit der Bevölkerung gibt. Eine Hütte für eine Großfamilie und ihr Vieh, ein paar Töpfe, wenige Matten, so sieht eine durchschnittliche Wohnsituation aus. "Einfach unvorstellbar, wie die Familien leben müssen", sagt Dieckmann.

Sodo ist ein Millenniumsdorf der Welthungerhilfe. Hier arbeitet die Organisation besonders eng mit der Bevölkerung zusammen, um die international vereinbarten Millenniumsziele, wie die Halbierung von Hunger und Armut, auf Dorfebene zu verwirklichen. Vieles ist schon passiert: Ertragreicheres Getreide, neues Gemüse,  Brunnen wurden gebaut. Gerade werkeln die Bewohner an einer Getreidebank, in der die Ernte sicher vor Ratten und anderen Schädlingen gelagert werden soll. Die Getreidebank wurde, ebenso wie das Gemeindezentrum, mit deutschen Spenden finanziert.

 

Sehen, reden, verstehen, handeln. © Grossmann
Sehen, reden, verstehen,
handeln. © Grossmann
Austausch auf Augenhöhe

In diesem Zentrum – eine große Rundhütte mit Holzdach, der gestampfte Boden mit Stroh bestreut, einfache grüne Holzbänke – findet die offizielle Begrüßung von Frau Dieckmann statt. Etwa hundert Dorfbewohner sind gekommen. Der aromatische Rauch frisch gerösteter Kaffeebohnen steigt auf.

Es wird viel geredet, man begrüßt, berichtet, stellt Fragen. Jeder erfahrende Entwicklungshelfer weiß, dass der Projekterfolg nur gesichert ist, wenn man die Sorgen, Nöte und Wünsche der Bevölkerung ernst nimmt. Für Bärbel Dieckmanns Empfinden sicher eine Gemeinderatssitzung der besonderen Art. Dann gibt es Injera, weiche Fladen aus Teff, einem Wildgetreide. Man reißt – nur mit der rechten Hand, die linke gilt als unrein – ein Stück ab und nimmt damit Soße auf. Danach wird der frisch gebrühte äthiopische Kaffee serviert.

 

Bärbel Dieckmann freut sich über die herzliche Begrüßung im Zentrum für Waisenkinder in Kirkos, Addis Abeba. © Grossmann
Bärbel Dieckmann freut sich
über die herzliche
Begrüßung im Zentrum für
Waisenkinder in Kirkos,
Addis Abeba. © Grossmann
Beethoven zur Begrüßung

Not und Elend, aber auch Freude und Gastfreundschaft, das begegnet der Welthungerhilfe-Präsidentin auch in anderen Projektgebieten. Im Stadtteil Kirkos von Addis Abeba zum Beispiel, in dem die Welthungerhilfe ein Sozialzentrum unterstützt. Waisenkinder erhalten hier finanzielle Hilfe und Ausbildung. Dennoch bleiben sie in ihren Restfamilien wohnen, bei Großmüttern oder Tanten, damit sie nicht entwurzelt werden.

Auch Jugendliche profitieren durch Ausbildungsprogramme. Frauen erhalten Unterstützung bei der Gründung einer Spargemeinschaft. Zur Begrüßung der Präsidentin hat ein Junge auf einem elektronischen Klavier Beethovens "Für Elise" einstudiert. Mädchen wirbeln zu äthiopischen Tänzen kichernd im Kreis.

 

Armutsbegriff neu definiert

Nach solchen Reisen wieder in Deutschland anzukommen fällt erst einmal schwer. Auf Bärbel Dieckmann warten Stapel an Umlaufmappen und Bonner Probleme. Aber sie wird, wie immer, drei Tage warten, bis sie sich mit den Bürgerbeschwerden beschäftigt. Nicht, dass sie die nicht ernst nähme. Die XY-Linie fährt zu selten, und im Bürgersteig in der Soundso-Straße ist ein Loch. In Äthiopien gibt es nur überfüllte Minibusse mit Fahrplänen, die nur die Fahrer kennen. Und die meisten Straßen bestehen je nach Jahreszeit nur aus Staub oder Schlamm.

Es ärgert Dieckmann, dass der Armutsbegriff so undifferenziert verwendet wird. "Ja, es gibt schlimme Zustände auch in Deutschland", sagt sie. "Aber Armut im Norden heißt trotzdem: Zugang zu Bildung, Zugang zu einem Gesundheitssystem, ausreichend Nahrung. Für viele Menschen in Äthiopien, mit denen ich gesprochen habe, heißt Glück, zwei Mahlzeiten am Tag zu haben."

 

Letzte Änderung an dieser Seite: 17.07.2009
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