Einschätzungen von Mitarbeitern der Welthungerhilfe zur aktuellen Krise

In den ländlichen Projektgebieten der Welthungerhilfe werden die Auswirkungen der Krise durch sinkende Preise für landwirtschaftliche Produkte spürbar. So ist zum Beispiel der Preis für Rohbaumwolle von 900 Euro pro Tonne auf heute 390 Euro je Tonne gefallen. In Peru etwa haben viele Bauern die traditionelle Baumwollproduktion für den Export schon aufgegeben; die Nachfrage nach der hochwertigen Alpaca-Wolle ist kollabiert. Die von der Zucht lebenden Familien erhalten nur noch zehn Prozent des Weltmarktpreises. Auch die Preise für Kaffee und Kakao sind eingebrochen.

Außerdem sind Wanderarbeiter die ersten, die in Krisenzeiten arbeitslos werden. In Ländern wie Tadschikistan, Haiti oder Nicaragua machen die Überweisungen aus dem Ausland rund 15 bis 50 Prozent des Bruttosozialprodukts aus. Viele Wanderarbeiter kommen aus ländlichen Gebieten und haben dort als landlose Bauern und Landarbeiter gelebt. Bei einer Rückkehr gibt es keine Einkommensmöglichkeiten für sie.

 

Michael Kühn. © WHH
Michael Kühn.
Michael Kühn, Regionalkoordinator in Haiti:

"In Haiti nimmt durch die Finanzkrise der Druck auf die arme Bevölkerung massiv zu. Über eine Million Menschen hängen hier von den monatlichen Überweisungen (remesas) ihrer Familien ab. In den letzten Jahren waren das jährlich ca. 1,7 Milliarden US-Dollar. Die remesas ermöglichten den Menschen, von knapp zwei Dollar pro Tag zu überleben.  

Wenn die Überweisungen aus dem Ausland nicht mehr wie früher kommen, können die Familien nur dazwischen wählen weniger Essen zu essen - das heißt einmal pro Tag anstatt zweimal - oder sie schicken die Kinder nicht mehr in die Schule. Fahrer, die früher Lebensmittel verteilt haben, die von Verwandten aus dem Ausland geschickt wurden, werden plötzlich arbeitslos. Es gibt nichts mehr zu verteilen. So rutschen viele von der relativen Armut in die absolute Misere.

Auch die "Mittelklasse" ist von der Krise betroffen. Viele erwirtschaften als Lehrer und Angestellte in Kanada und den USA ihr Einkommen. Die Schulzahlungen - in Haiti sind 90 Prozent der Schulen privat - hängen sehr oft von Überweisungen aus den USA oder Kanada ab. Sie sind ein Teil der leider sehr labilen Überlebensstrategien."

 

Daniel Bronkal. © WHH
Daniel Bronkal.
Daniel Bronkal, Regionaldirektor für Zentralasien:

"Seit Januar hat Russland die offizielle Einreisequote für tadschikische Arbeiter drastisch gesenkt, um die eigenen Leute auf dem Arbeitsmarkt unterzubringen. Tadschikistan hat bereits in Südkorea und Japan nach Möglichkeiten für tadschikische Gastarbeiter angefragt. Dies scheint bisher die einzige Reaktion der Regierung auf die gesunkenen Geldüberweisungen zu sein. Die wirklichen Auswirkungen wird man erst ab Mitte des Jahres zu spüren bekommen. Zum Jahresende wird’s dann politisch noch mal hoch brisant, wenn Hunderttausende Rückkehrer im Winter ohne Strom und Wasser und natürlich Arbeit in Tadschikistan herumsitzen."

 

Jeannette Weller. © WHH
Jeannette Weller.
Jeannette Weller, Regionalkoordinatorin für Peru, Bolivien und Ecuador:

"Seit der Finanzkrise ist ein großer Anstieg der Arbeitslosigkeit in Peru zu verzeichnen. Vor allem in der Textilindustrie, in der hauptsächlich Frauen beschäftigt sind. Den Lokalregierungen stehen weniger finanzielle Mittel aus dem staatlichen Bergbau-Fonds Canon Minero zur Verfügung. Durch die geringeren Einnahmen kam es bereits zu Personalentlassungen. Zudem werden Investitionen in die dringend benötigte Infrastruktur ausgesetzt.

In den letzten Monaten des Jahres 2008 sind die Weltmarktpreise für Kaffee und Kakao stark eingebrochen. Die mit Hilfe unserer Partnerorganisation PIDECAFE organisierten Kleinbauern waren durch die Unterzeichnung von Abnahmeverträgen davon weniger betroffen. Aktuell ist eine leichte Erholung der Weltmarktpreise zu verzeichnen. Doch auch der Bananenabnahmepreis auf dem internationalen Markt ist deutlich gesunken.

Hauptleidtragende der Finanzkrise im Andenhochland Ayacucho sind die Züchterfamilien von Alpacas. Die Weltmarktnachfrage nach der hochwertigen Alpaca-Wolle ist praktisch kollabiert. Die von der Alpaca-Zucht lebenden Familien erhalten nur noch 10 Prozent des ursprünglichen Weltmarktpreises. Im Departement Ayacucho sind etwa 4000 Familien von der Situation betroffen. Sie leben in den Hochandengebieten oberhalb von 3.800 Metern fast ausschließlich von der Alpaca-Zucht und dem Wollverkauf. Zudem haben die hochgelegenen Regionen in der jüngsten Vergangenheit unter extremen Kälteeinbrüchen gelitten."

 


Regina Feindt.
Regina Feindt.
Regina Feindt, Landesprogramm-Administratorin für Myanmar:

"Offensichtlich ist, dass Arbeitsmigranten, die in den  Nachbarländern wie Malaysia und Thailand gearbeitet haben, zurück nach Myanmar kehren. Eine nicht zu vernachlässigende Einkommensquelle vieler Familien geht so verloren. Bisher hört man nur davon, die Auswirkungen sind in erster Linie für die Betroffenen spürbar. Preisanstiege werden bereits seit 2007 beobachtet.

Weniger nachvollziehbar ist der Einbruch des Reispreises in den vergangenen Monaten, trotz hoher Nachfrage landesweit. Wenn sich das fortsetzt und gar auf andere landwirtschaftliche Produkte ausweitet, wird sich das auf die Produktion auswirken. Der Tourismus ist eine Einnahmequelle, von der zwar die Bevölkerung nur marginal profitiert, aber mit einem Rückgang ist weiterhin zu rechnen. Innerhalb der Projektarbeit wird die Finanzkrise indirekt beim Wechselkurs spürbar."
 


Dr. Bernhard Höper.
Dr. Bernhard Höper.
Dr. Bernhard Höper, Regionalkoordinator für Indien:

"Auch in Indien ist ein Rückgang von Investitionen feststellbar, bedingt durch verteuerte Kredite und Schockwellen am indischen Finanzmarkt. Das Wirtschaftswachstum ist laut Regierung von 9,3 Prozent (2007) auf 7,3 Prozent (2008) gesunken. Der IWF rechnet im Jahr 2009 mit einem Rückgang auf 5,1 Prozent. In erster Linie sind die Städte von der Krise betroffen. Das Arbeitsministerium geht davon aus, dass Indien bis April 2009 rund 1,5 Millionen Arbeitsplätze im Exportsektor verlieren wird.

Arbeitsmigranten kehren zurück in ihre Ursprungsgebiete und die Überweisungen nehmen ab. Die steigende Inflation (7,6 Prozent in 2008) und die Verteuerung der Lebensmittelpreise (10 Prozent bis März 2009) werden hauptsächlich mit den weltweit steigenden Nahrungsmittelpreisen und Energiekosten in Verbindung gebracht. Diese könnten eine ernsthafte Bedrohung der Ernährungslage darstellen. Allerdings hat die Regierung und die Reserve Bank of India umfassende Maßnahmen ergriffen, um die Inflation einzudämmen. Beispiele sind die Senkung der Mineralölsteuer und die Erhebung von Einfuhrzölle auf bestimmte Lebensmittel wie Speiseöl."

 


Dr. Andrea Jost.
Dr. Andrea Jost.
Dr. Andrea Jost, Projektleiterin in Burundi:

"Da Burundi keine große Exportkraft hat und wenig in die Weltwirtschaft eingebunden ist, wirkt sich die Finanzkrise nicht unmittelbar aus. Doch die sich verändernden Preise werden sicherlich einen Einfluss auf die finanzielle und wirtschaftliche Situation ausüben. Schon im letzten Jahr konnte ein Anstieg des Ölpreises sowie der Nahrungsmittelpreise verzeichnet werden. In diesem Jahr rechnen wir mit der ähnlichen Situation.

Die Situation des Großteils der Bevölkerung – und  dazu gehören auch die Menschen in unseren Projektregionen – wird sich verschlechtern. Die finanzielle Not wird somit zusätzlich die bereits gravierende Hungersituation in Burundi verstärken. Konkrete Auswirkungen lassen sich derzeit allerdings noch nicht erkennen. Und Maßnahmen der Regierung sind damit auch nicht bekannt."

Letzte Änderung an dieser Seite: 23.06.2009

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