Nachgefragt: Kommt Ethik in Mode?

Diskussionsveranstaltung mit jungen Designern

von Saskia Zeller


(v.l.) Dr. Kirsten Brodde, .....© Kocyigit
Spontan würde jeder sagen: "Ich will kein Produkt, das durch Kinderarbeit hergestellt wird!" Doch wie wir alle wissen, hat ein Kleidungsstück - bis es im Laden hängt - oft schon viele Tausend Kilometer kreuz und quer über den Globus zurückgelegt. Die Produktionswege etwa zwischen Baumwollanbau und Konfektionierung sind verschlungen und für Konsumenten kaum durchschaubar. Wie also können wir wissen, dass die Hose oder das T-Shirt sozial- und umweltverträglich hergestellt ist? Dass keine Kinder mitgearbeitet haben? Dass die Arbeiter angemessen entlohnt wurden? Dass sie bei der Herstellung ihre Gesundheit nicht gefährdeten?

Genau diesen Fragen wurde bei der Diskussionsveranstaltung der Welthungerhilfe "Kann denn Mode Sünde sein?" Anfang  Dezember 2009 nachgegangen. Veranstaltungsort war das "Design Department – Akademie für Mode und Kommunikation" in Düsseldorf. In der dortigen Ausbildung geht es "nicht nur um Höschen und Röckchen", wie die Leiterin Gabriele Orsech betonte, sondern auch um soziales und ökologisches Bewusstsein.

Moderatorin Mirjam Gehrke führte durch die Veranstaltung. © Kocyigit
Moderatorin Mirjam Gehrke
führte durch die
Veranstaltung.© Kocyigit
Unter der Moderation von Mirjam Gehrke von der Deutschen Welle diskutierten auf dem Podium die ehemalige Redakteurin des Greenpeace-Magazins und Buchautorin  von "Saubere Sachen", Dr Kirsten Brodde, und Galima Bukharbaeva, Chefredakteurin des unabhängigen Informations-Services Usbekistans. In Usbekistan – für viele ein weißer Fleck auf der Landkarte - ist die Ausbeutung von Kindern als Arbeitskraft bei der Baumwollernte nicht nur weit verbreitet, sondern sie wird auch noch staatlich organisiert.  450.000 Kinder werden jeden Herbst von dem autoritären Regime zwangsrekrutiert – gegen den Willen der Eltern.

 

 

Prominenter Gast: Bärbel Dieckmann. © Kocygit
Prominenter Gast: Bärbel
Dieckmann. © Kocygit
Teufelskreis Kinderarbeit

Zur Begrüßung der rund 100 Gäste der Veranstaltung skizzierte die Präsidentin der Welthungerhilfe, Bärbel Diekmann, zunächst das Ausmaß von Kinderarbeit und Ausbeutung: Weltweit arbeiten mehr als 218 Millionen Kinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren, anstatt regelmäßig eine Schule zu besuchen. Sie schuften auf Feldern und in Fabriken, nähen Fußbälle und T-Shirts oder pflücken Baumwolle und Kakao. Damit bleiben sie in Armut gefangen. Denn ohne Bildung haben sie keine Hoffnung auf ein Entkommen.

Mit der internationalen Öffentlichkeits-Kampagne "Stopp Kinderarbeit! Schule ist der beste Arbeitsplatz" macht die Welthungerhilfe die Politik, Wirtschaft und auch die Konsumenten auf den engen Zusammenhang zwischen Kinderarbeit, fehlender Schulbildung und auswegloser Armut aufmerksam. Auch setzt sich die Welthungerhilfe mit "Cotton made in Africa" für einen ökologisch nachhaltigen Baumwollanbau ein. Das Ziel, so Bärbel Dieckmann, sei es, den angelernten Kleinbauern ein sicheres Einkommen zu verschaffen.

Ein weiteres gutes Beispiel im Kampf gegen die Kinderarbeit dokumentierte der Film "Kinderarbeit aus der Mode" mit Peter Ingwersen. Der Designer und Chef des dänischen Luxuslabels "Noir" ist nicht nur Unterstützer der Welthungerhilfe-Kampagne gegen Kinderarbeit. In puncto  "ethische Mode" hat er auch "Vorbildfunktion mit Strahlkraft", wie ihm Podiumsteilnehmerin Kirsten Brodde bescheinigte.

Ingwersens Appell nicht nur an betuchte Konsumenten: "Kaufe mit Verstand! Frage nach, woher die Kleidung stammt und wie sie hergestellt wurde." Doch geht das so einfach? Kirsten Brodde zeigte sich hier skeptisch: "Kleidung ist eine Black Box!" Das Etikett schweige sich über toxische Chemikalien und Verletzungen gegen Menschenrechte aus. Es gebe hier keine Kennzeichnungspflicht, und das Verkaufspersonal wüsste in der Regel nichts darüber. Und dann sprach sie als Aktivistin zu den Modeschülerinnen und Modeschülern im Raum: "Es geht hier darum, eine durch und durch dreckige Industrie auf den richtigen Weg zu zwingen". Aber wie?

 

 

Grüne-Mode-Expertin Kirsten Brodde. © Kocyigit
Grüne-Mode-Expertin
Kirsten Brodde. © Kocyigit
Auswege und Lösungsansätze

Als Expertin für grüne Mode favorisiert Kirsten Brodde mehrere Wege, um neue ökologische und humane Standards in der Textilindustrie durchzusetzen. In der Diskussion zwischen Podiumsteilnehmerinnen und dem Publikum eröffneten sich folgende Lösungsansätze:

  • Lieferketten transparent machen: Kirsten Brodde sieht hier die Unternehmen in der Pflicht. Schließlich könnte jeder Knopf und jede Schlaufe kontrolliert werden. Warum nicht auch die Herstellungsweise?
  • Zeichen und Siegel: Kirsten Brodde ist eine große Verfechterin von Zeichen. Als damals das EU-Bio-Siegel bei Lebensmitteln eingeführt wurde, hätte es einen großen Bio-Boom gegeben. Auch die Siegel für Ökofasern bei den Kollektionen "Bio Cotton" von C&A und "Organic Cotton" von H&M seien sehr erfolgreich. OTTO und REWE verkauften mittlerweile ebenfalls Jeans produziert aus biologisch angebauter Baumwolle. Das Zeichen "Global Organic Textile Standard" bezeichnete sie als "Shooting Star". Dies zeige, dass es auch für den Massenmarkt einen neuen Trend gebe. Dieser müsse aber noch auf soziale Standards ausgeweitet werden. Viele Verbraucher würden ethische Mode auch als Mehrwert ansehen, für den sie bereit wären, mehr zu zahlen.
  • Trends setzen auf Stoffmessen und bei Herstellern: Designern, die Wert auf ethische Mode legen, gab Kirsten Brodde den Rat, Messeveranstalter direkt darauf anzusprechen. Angaben zu den Produktionsweisen der Stoff-Hersteller sollten möglichst obligatorisch sein. Mit ethischer Produktionsweise könnten die Hersteller dann für sich werben, z.B. mit Logos, Bannern u.ä.
  • Concept Stores: Shoppen in Läden, die faire, ökologische und ethische Produkte führen.
  • Politischer Dialog / Boykott: Auf Länder wie Usbekistan müsse politischer Druck ausgeübt werden. Galima Bukharbaeva appellierte an die Anwesenden, Kleidung aus usbekischer Baumwolle grundsätzlich zu boykottieren.
  • Kampagne für saubere Kleidung: Ladislav Ceki vom Eine-Welt-Forum Düsseldorf  nannte ein Beispiel, wie Kommunen Einfluss auf die Herstellung von Berufskleidung nehmen können: Die Stadt Düsseldorf hat sich zum Beispiel verpflichtet, nur noch Produkte zu kaufen, bei deren Herstellung die ILO-Kernarbeitsnormen eingehalten werden. Dabei gelten folgende Grundprinzipien: Vereinigungsfreiheit und Recht auf Kollektivverhandlungen, Beseitigung der Zwangsarbeit, Abschaffung der Kinderarbeit, Verbot der Diskriminierung in Beschäftigung und Beruf.
  • Fair Wear Foundation: Regine Barth vom Nicaragua-Verein Düsseldorf machte auf die Fair Wear Foundation aufmerksam - eine Initiative niederländischer Branchenverbände der Textilwirtschaft, Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, die sich für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Herstellung von Textilien einsetzt. Zudem regte sie informative Aktionen vor konventionellen Modegeschäften an.
  • Klamotten-Tauschpartys: Mode ist schnelllebig. Der Tipp von Kerstin Brodde: Tauschpartys im großen Stil können hier Veränderungswünsche erfüllen und gleichzeitig Umwelt und Ressourcen schonen.
Letzte Änderung an dieser Seite: 23.12.2009

Stopp Kinderarbeit

Die Kampagne "Stopp Kinderarbeit! Schule ist der beste Arbeitsplatz" wendet sich an die Bundesregierung, die EU, Unternehmen und Konsumenten, um auf den engen Zusammenhang zwischen der Abschaffung von Kinderarbeit und dem Zugang zu guter, kostenloser Schulbildung für alle aufmerksam zu machen.

Flyer: Kinderarbeit geht uns alle an!

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Die DVD zum Video können Sie in Kürze kostenlos bei uns bestellen.

Warum ist Kinderarbeit ein Problem?

Tipps

Weblog "Grüne Mode": Hier bloggt Dr. Kirsten Rodde über ökologische Mode. Auch eine Liste aller namhaften Öko-Labels findet man auf der Seite der Hamburger Autorin.


Buch: Saubere Sachen - Wie man grüne Mode findet und sich vor Öko-Etikettenschwindel schützt. Von Kirsten Brodde (ISBN-10: 3453280032)

 


Buch: Fair einkaufen - aber wie? Der Ratgeber für Mode, Geld, Reisen und Genuss. Von Martina Hahn und Frank Herrmann.  (ISBN-10:3-86099-610-X)

 

Weitere Informationen

Nachgefragt: Kommt Ethik in Mode? Diskussionsveranstaltung mit jungen Designern m Dezember 2009

 

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