Finanzkrise trifft Entwicklungsländer mit voller Wucht
Von Dr. Katrin Radtke

Eine Frau in Indonesien sucht auf einer Müllkippe
nach Verwertbarem. © LohnesDie Folgen der Finanzkrise sind auch in den Entwicklungsländern spürbar. Die unter Druck geratenen Finanzinstitutionen ziehen geplante Investitionen ab, um ihre Liquidität zu erhöhen. Auch die Vergabe von Krediten an Entwicklungsländer wird beeinträchtigt. Es gilt, diese Folgen so gut es geht abzufedern.
Die Welthungerhilfe ist der Auffassung, dass zur Bewältigung der Krise auf mindestens drei Ebenen angesetzt werden muss: Erstens müssen anlässlich der Finanz- und Wirtschaftskrise neue Regeln geschaffen werden, die das Finanzsystem zukünftig nicht nur stabilisieren und Krisen verhindern. Sie müssen auch andere Defizite des gegenwärtigen Systems angehen.
Diese Regeln müssen zweitens aus einer Reform der globalen Ordnungs- und Strukturpolitik hervorgehen. Neue Institutionen müssen geschaffen werden, die sich durch eine größere Transparenz und stärkere Einbeziehung von Schwellen- und Entwicklungsländern auszeichnen.
Drittens muss ausgelotet werden, welchen Beitrag die Entwicklungszusammenarbeit bei der Bewältigung der Wirtschaftskrise leisten kann und wie die Millenniumsentwicklungsziele trotz Rückgangs des wirtschaftlichen Wachstums in den Industrieländern erreicht werden können.
Einbruch der Exportwirtschaft
Der Produktions- und Konsumrückgang in den westlichen Ländern wirkt sich besonders auf die Exportwirtschaft von Ländern wie Indien und China aus. In Peru sind die Hauptleidtragenden der Finanzkrise die Züchterfamilien von Alpacas. Die Weltmarktnachfrage nach der hochwertigen Alpaca-Wolle ist praktisch kollabiert. Der Preis auf dem Weltmarkt ist durch die Krise um 90 Prozent gefallen. Im Departement Ayacucho, wo die Welthungerhilfe mit eigenen Projekten vertreten ist, sind etwa 4000 Familien von der Situation betroffen. Sie leben in den Gebieten der Hochanden fast ausschließlich von der Zucht und dem Wollverkauf.

In Armut lebende Kinder
in Peru. © LohnesKürzungen bei staatlicher Entwicklungshilfe
Neben Exporteinbußen, sinkenden Direktinvestitionen und einer drohenden Kreditklemme sind auch Auswirkungen auf staatliche Entwicklungshilfezahlungen zu befürchten. Dies könnte wie in Kenia, das bereits vor der Finanzkrise Kürzungen der Entwicklungshilfe hinnehmen musste, zu Einsparungen der nationalen Ausgaben für Armutsprogramme führen. Sambia hat die Ausgaben für soziale Sicherungssysteme bereits drastisch gesenkt. Uganda und Nigeria haben ähnliche Schritte angekündigt. Auch die Arbeit von vielen Nichtregierungsorganisationen ist durch ein Absinken der Entwicklungshilfe gefährdet. In Uganda sind die Zahlungen an Hilfsorganisationen bereits um 5,3 Prozent gesunken.
Arbeitsmigranten kehren zurück
Schließlich wirkt sich die Wirtschaftskrise auch auf die Zahlungen von Migranten an ihre Familien in ihren Heimatländern aus. Diese Überweisungen übersteigen die offizielle Entwicklungshilfe um ein Vielfaches. Im Jahr 2008 waren laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) weltweit mehr als 200 Millionen Personen auf Arbeits- und Einkommenssuche im Ausland. Künftig werden voraussichtlich weniger Arbeitsmigranten in die Industrieländer einreisen bzw. sogar ihre Jobs verlieren und wieder in ihre Ursprungsländer zurückkehren. Die Folgen sind dramatisch. Viele Familien verwenden das Geld, das ihnen von Verwandten aus dem Ausland geschickt wird, um das Schulgeld für ihre Kinder aufzubringen. Auch die Ernährung der Kinder ist aufgrund der fehlenden Unterstützung der Angehörigen teilweise nicht mehr sicher gestellt.
Autorin
Dr. Katrin Radtke arbeitet als Referentin für Entwicklungspolitik und Humanitäre Hilfe bei der Welthungerhilfe.
Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Welternährung II/2009.
Die Finanzkrise im Blog
Finanzkrise: Von Hartz IV kann man in den Entwicklungsländern nur träumen
Finanzkrise und Welthunger – welche Antworten haben wir?
Weitere Informationen
Statement von Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, zur Finanzkrise (April 2009)
Brennpunkt 1: Nahrungsmittelpreise – zwischen Hoffnung und Hunger (März 2008)
