Frühwarnsystem in Nicaragua: "San Mateo, San Mateo. Ist da San Mateo?"
Von der Wachsamkeit der Bäuerin Doña Francisca in Nicaragua hängen viele Menschenleben ab.

Die Bäuerin Doña Francisca funkt ins Tal, um den
Wasserstand des Flusses durchzugeben. © KoppDas Wasser tobt und wütet. Es reißt Doña Francisca aus dem Schlaf. Ein Blick auf den Niederschlagsmesser im Garten bestätigt ihr, was sie erwartet hat: Der Bach vor ihrer Haustür ist wieder ein reißender Strom, der Regenmesser zeigt wahre Sturzfluten an. Höchste Zeit, die Dörfer im Tiefland per Funk vor der drohenden Flut zu warnen. "San Mateo, San Mateo. Ist da San Mateo?", fragt die 59-jährige Bäuerin in das Funkgerät, während zwischen ihren Füßen Küken auf dem Lehmboden herumflitzen. "Hier ist Los Encuentros", ruft sie hinein. "Wir hatten in der letzten Stunde 31 Liter Niederschlag auf den Quadratmeter. Würden Sie bitte die Rettungsbrigaden informieren?"

Übung: Ein Kind wird von
einer Helferin der
Rettungsbrigade abgeseilt.
© KoppInvestition in die Lebensrettung
Die Mutter von acht Kindern ist ein wichtiges Glied eines Frühwarnsystems, welches die Welthungerhilfe nach dem schweren Hurrikan Mitch im Jahr 1998 in Los Encuentros eingeführt hat, einem Weiler im nördlichen Bergland Nicaraguas. Vor zehn Jahren noch herrschte Chaos bei so einem Naturereignis. Heute ist man in Nicaragua besser auf Katastrophen vorbereitet. Die Menschen haben gelernt, gegen das steigende Wasser anzukämpfen. Sie haben gemeinsam mit der Welthungerhilfe nach dem Wirbelsturm Mitch viel in die Prävention investiert, viel mehr als andere Länder.

Übung: Nothelfer
transportieren einen
Verletzten durch die
Flussfluten. © Kopp
Jeder kann zum Lebensretter werden
So sind inzwischen etliche Freiwillige ausgebildet worden, die auch in der Katastrophe den Überblick bewahren. 24 Rettungsbrigaden hat die Welthungerhilfe in den vergangenen zwei Jahren landesweit neben den 122 Funkern aufgestellt. Sie evakuieren Menschen und Vieh. Ziehen Verletzte aus Geröll oder Leichen aus Flüssen, damit keine Seuchen ausbrechen. Und sie klären Kleinbauern über die fatalen Folgen des Kahlschlags ihrer Wälder auf, weil die Berghänge danach noch schneller ins Rutschen kommen.

Ist die Ausrüstung komplett?
Ständige Übungen sind
wichtig, um für den Fall einer
Katastrophe gewappnet zu
sein. © KoppSchnell reagieren dank Funk
Dieses Bewusstsein in den Köpfen der meist sehr armen Leute zu schaffen, "war sehr schwierig", sagt Edmundo Osejo, der nicht nur eine Rettungsbrigade leitet, sondern auch Biologe ist. Osejo zieht sich den knallorangen Anzug der Rettungsbrigaden über und macht sich auf den Weg zum Hilfszentrum. Soeben hat das Bezirksamt die Frühwarnstufe Gelb ausgerufen: Der Alarm erreicht dank des Funknetzes auch die Campesinos in den entlegensten Dörfern. In Somotillo, einer Kleinstadt im Tiefland Nicaraguas, prüft er die Ausrüstung: Sind ausreichend Seile vorhanden? Karabiner, Helme, Tragen, Wassertanks, Erste-Hilfe-Sets?

Entscheidungen fallen
innerhalb der
Dorfgemeinschaften. © KoppGemeinschaftliche Projektarbeit
Das Pilotprojekt der Welthungerhilfe - Vorsorge, die von unten kommt - hat mittlerweile Vorbildcharakter auch für andere Länder: Haiti will nach dieser Strategie arbeiten, Peru, ebenso Tadschikistan. Es sind die Dorfgemeinschaften selbst, die Amateurfunker wie Doña Francisca auswählen, sie mit Messbecher und sehr viel Ansehen ausstatten. In Dorfversammlungen zeichnen Frauen, Männer sowie auch Kinder auf ein Papier, wie der Fluss verläuft. Welchen Weg er sich bahnt, wenn er steigt. Auf welchen Hügeln die Tiere und in welchem Gebäude die Kinder am sichersten sind - diese Karte prägt sich jede Familie ein.

Doña Francisca hat durch
ihre Arbeit als Funkerin
neues Selbstbewusstsein
erlangt. © KoppSelbstbewusstsein durch Verantwortung
Der Funk, sagt Doña Francisca, "hat mein Leben verändert". Früher war sie eher scheu. Heute tritt sie durch die Anerkennung, die sie erfährt, selbstsicherer auf. Und sie ist, vielleicht das erste Mal in ihrem Leben, stolz auf das, was sie erreicht hat: Auf das Wissen, das sie durch die Ausbildung zur Funkerin erworben hat. Froh auch auf die Kommunikation, die nach jahrelangem Bürgerkrieg endlich wieder zwischen den Dörfern funktioniert. "Tausende Tote wegen des Wassers - das kann jetzt nicht mehr passieren", fügt Dona Francisca leise hinzu, aber nicht ohne Selbstbewusstsein.
Autorin
Tina Hahn ist Redakteurin bei der Sächsischen Zeitung.
Katastrophenvorsorge der Welthungerhilfe in Nicaragua
Weitere Informationen
Katastrophen-Vorsorge in Nicaragua: Die große Angst vor den Hurrikan-Fluten (September 2008)
Vorsorge ist möglich. Doch was gilt es zu beachten?
Arbeitspapier: Das Frühwarnsystem der Welthungerhilfe in Nicaragua
