Arbeit in gefährlichen Regionen: Angriffe auf Entwicklungshelfer

Ausgebrannter Panzer in Kabul, Afghanistan.
© UnkelEntführungen und Angriffe mit Todesfolge oder ernsthaften Verletzungen auf Mitarbeiter nichtstaatlicher Organisationen in Entwicklungsländern haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Dies belegt eine Studie des Overseas Development Institute (ODI). Besonders betroffen sind die lokalen Entwicklungshelfer und Angehörige humanitärer Hilfsorganisationen. In Sri Lanka wurden beispielsweise im Jahr 2006 17 srilankische Mitarbeiter der Organisation "Action contre la Faim" getötet. Die Welthungerhilfe selbst musste im Jahr 2007 den Tod von zwei Mitarbeitern in Afghanistan hinnehmen. Auch im Sudan, in der Demokratischen Republik Kongo und im Irak kommt es immer wieder zu solchen gewalttätigen Zwischenfällen.
Steigende Opferzahlen unter Helfern
In Afghanistan wurden schon in den ersten sieben Monaten des Jahres 2008 mehr Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen (NRO) getötet als im gesamten Jahr 2007. Diese Entwicklung wird durch einen entscheidenden Qualitätswandel der Gewalt noch brisanter: Laut dem "Afghanistan NGO Safety Office" (ANSO) hat sich das Verhältnis von kriminellen Übergriffen zu politischen Anschlägen gegenüber NROs in Afghanistan entscheidend verändert.
Ließ sich im Jahr 2007 noch der Großteil der Zwischenfälle auf kriminelle Ursprünge zurückführen, beruhen inzwischen 55 Prozent der Übergriffe auf politischen Motiven. Mit diesen Zahlen bestätigt sich die Mutmaßung des ODI aus der Studie, dass internationale Militärinterventionen häufig die Entstehung einer extrem unberechenbaren Umgebung für Hilfsorganisationen begünstigen. In der Folge werden Entwicklungshelfer zunehmend zum taktischen Ziel von politischen Angriffen.

Bewaffnete Milizen im
Sudan. © MeissnerSchutzstrategien der Welthungerhilfe
Um ihre Arbeit dennoch weiterhin durchführen zu können, bedienen sich NRO verschiedener Strategien. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen Abschreckungsmaßnahmen, Schutzmaßnahmen und Maßnahmen, die auf die Akzeptanz bei der Bevölkerung abzielen. Die Welthungerhilfe verzichtet grundsätzlich auf Abschreckungsmaßnahmen. Ihre Mitarbeiter tragen weder Waffen, noch werden sie bei ihrer Arbeit von bewaffnetem Begleitschutz eskortiert.
In Reaktion auf die gestiegene Gefährdung hat die Organisation aber ihr Sicherheitsmanagement systematisiert und ausgebaut. Ein erfahrener Sicherheitsberater in der Zentrale der Organisation in Bonn sorgt dafür, dass die notwendigen Schutzmaßnahmen in Konfliktregionen durchgeführt werden.
Sicherheit durch Akzeptanz
Der wichtigste Ansatz für die Welthungerhilfe ist jedoch der Akzeptanzansatz. Bedingt durch ihr Prinzip der Nähe zur Bevölkerung setzt die Welthungerhilfe zur Herstellung von Sicherheit vor allem darauf, dass sie als Organisation akzeptiert ist. Diese Akzeptanz versucht sie nicht nur bei der lokalen Bevölkerung sondern auch bei allen Konfliktparteien gleichermaßen zu erreichen. Die Grundlage des Akzeptanzansatzes ist der Aufbau eines dichten Kommunikationsnetzwerks und die Zusammenarbeit mit Beratern und Vermittlern, die auch Kontakt zu den Konfliktparteien herstellen können.
Verwechslungsgefahr: Militärs in Zivil
In einigen Ländern, insbesondere in Afghanistan, stößt dieser Akzeptanzansatz jedoch zunehmend an Grenzen. Eine Reihe von Beobachtungen deutet darauf hin, dass der Grund dafür in der mangelnden Unterscheidbarkeit von militärischen und humanitären Akteuren zu suchen ist. So mussten beispielsweise NRO in Afghanistan Projektstandorte aufgegeben, weil militärische Einheiten unangekündigt ein Projekt besuchten. In der Folge sahen sich die Dorfältesten nicht mehr ihn der Lage für die Sicherheit der NRO zu garantieren.
Ähnliche Auswirkungen hat auch das Auftreten bewaffneter militärischer Akteure in ziviler Kleidung, die verdeckte Militäroperationen ausführen. Besonders brisant ist die Benutzung weißer Fahrzeuge von Soldaten, denn sie sind traditionell das Erkennungszeichen humanitärer Organisationen. Hinzu kommt die Tatsache, dass in der Außenkommunikation des Militärs immer wieder humanitäre Aktivitäten dazu benutzt werden, das Image des Militärs zu verbessern und die Herzen und Köpfe der Bevölkerung zu gewinnen.
Konsequenzen der NRO
Einige NRO haben in den letzten Jahren auf diese Entwicklungen reagiert und ihre Hilfe in einzelnen Konfliktregionen eingestellt. Sie begründeten diese Entscheidung unter anderem mit dem Hinweis, dass eine unabhängige Hilfe nicht leistbar ist, wenn das humanitäre Mandat durch das Militär instrumentalisiert wird. Die NRO wehren sich gegen die zunehmende Dominanz sicherheitspolitischer Überlegungen, die Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe "im Windschatten militärischer Interventionen" vor allem als strategische Option betrachten.
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