Die Getreidepreise bleiben hoch - Maßnahmen zum Schutz der Ärmsten sind nötig

Grafik: Getreidepreise bleiben hoch.
Grafik: Getreidepreise bleiben hoch.
Unter den gestiegenen Getreidepreisen leiden vor allem die Ärmsten. Immer mehr Familien müssen über drei Viertel ihres Einkommens aufbringen, nur um für ausreichend Essen zu sorgen. Selbst das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen musste bereits Hilfsprogramme wie zum Beispiel Schulspeisungen in Kambodscha einstellen - das Geld reicht nicht mehr für die Beschaffung der Lebensmittel. In zahlreichen Ländern drohen Hungerrevolten, im besonders armen Haiti musste im Frühjahr 2008 sogar die Regierung gehen.

Trotz der allgemein gesunkenen Preise im 2. Halbjahr 2008 sind die Preise für die weltweit wichtigsten Getreidesorten Reis, Weizen und Mais im Jahresdurchschnitt weiter dramatisch gestiegen. Auch die für viele Menschen in Afrika wichtige Hirse ist so teuer wie nie. Die Experten sind sich einig: Das Preisniveau wird auf Jahre hinaus hoch bleiben. Die Gründe dafür sind vielfältig. Schon seit Jahren wächst die weltweite Ackerfläche nicht mehr und die Erntesteigerungen halten nicht mit dem Bevölkerungswachstum Schritt. Zudem wird immer mehr Getreide verfüttert – vor allem in den Schwellenländern steigt der Fleischkonsum rapide an.

Seit ein paar Jahren nimmt auch der Anbau von Energiepflanzen zu. Hoch subventionierter Biosprit lohnt sich mehr als der Anbau von Getreide für die Nahrungsversorgung. Um den Tank eines Geländewagens zu füllen, braucht man etwa 100 Liter Bioethanol. Für diese eine Tankfüllung werden rund 250 kg Weizen verarbeitet – genug, um einen Menschen ein ganzes Jahr lang zu ernähren.

Die steigenden Getreidepreise werden durch Rohstoffspekulanten zusätzlich angeheizt. In den vergangenen fünf Jahren haben sich die Anlagen in Rohstoffindex-Fonds mehr als verzehnfacht. Längst wird mit Nahrungsmitteln genauso spekuliert wie mit Rohöl oder Gold. An der Börse in Chicago werden seit 2008 zum Beispiel Zertifikate für Reis auch für Kleinstanleger angeboten, weltweit werben Finanzhäuser zunehmend für Anlagen in Mais, Weizen und andere Agrarrohstoffe. Gerade mal drei Prozent des in Chicago gehandelten Weizens existieren tatsächlich.

Dazu kommt, dass viele Entwicklungsländer ihre Landwirtschaft jahrzehntelang sträflich vernachlässigt haben und viele Bauern dort auch durch die Dumpingangebote aus den Industrieländern zur Aufgabe gezwungen wurden. Die Agrarsubventionen des Nordens haben so zur Lebensmittelknappheit in vielen Ländern und damit zu steigenden Preisen beigetragen.

Selbst die Weltbank räumt mittlerweile der ländlichen Entwicklung wieder höchste Priorität ein. Kurzfristig müssen die Nahrungsmittelhilfen für die Ärmsten aufgestockt und den Bauern günstige Kredite für Saatgut und Dünger zur Verfügung gestellt werden. Für die Welthungerhilfe ist jedoch klar: Auf solche Nothilfemaßnahmen müssen längerfristige Förderprogramme folgen. Beschäftigungs- und Sozialprogramme können helfen, die Infrastruktur zu verbessern, die Erträge zu steigern und neue Märkte zu erschließen. Kurzfristige Nahrungsmittelhilfen sollten in der Region beschafft werden, um die lokalen Märkte nicht zu schädigen.  
Lange Zeit wurde der Beitrag der Kleinbauern zur Ernährungssicherung unterschätzt. Sie müssen stärker gefördert werden – sowohl im Rahmen der nationalen Politik als auch in der Entwicklungszusammenarbeit. Speziell die Frauen in ländlichen Regionen brauchen besseren Zugang zu Ackerflächen und Produktionsmitteln. Landwirtschaftliche Erzeugergemeinschaften und Genossenschaften müssen gestärkt, die heimische Produktion und Vermarktung von Nahrungsmitteln angekurbelt werden. Ländliche Gebiete müssen wieder produktiver und damit attraktiver werden.

Zudem brauchen die Entwicklungsländer faire Handelbedingungen. Die Agrarsubventionen der Industrieländer und Importbeschränkungen für Agrarprodukte aus Entwicklungsländern behindern den Aufbau einer leistungsfähigen Landwirtschaft im Süden und müssen deshalb rasch abgebaut werden. Für eine gewisse Übergangszeit sollten Entwicklungsländer ihre lokale Agrarproduktion schützen dürfen – auch wenn das der „reinen Lehre“ vom freien Handel widerspricht.

Die Verbraucher in den Industrieländern müssen sich darauf einstellen, dass die Preise für Nahrungsmittel und Energie hoch bleiben. In vielen Staaten versagen die Regierungen bei der Entwicklung des ländlichen Raums. An ihrer Stelle beraten nichtstaatliche Organisationen die Bauern bei Anbaumethoden, Lagerung oder Vermarktung, helfen beim Aufbau von Genossenschaften oder unterstützen Selbsthilfegruppen beim Aufbau von Schulen und Gesundheitsstationen. Solche nichtstaatlichen Organisationen müssen gestärkt werden.

Karl-Albrecht Immel

 

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