Anpacken lohnt sich: "Cash for Work" nach dem Erdbeben in Haiti

Von Marion Aberle

Mit rotem Helm und grünem Welthungerhilfe-Shirt: Bauarbeiter in Jacmel. © Aberle
Mit rotem Helm und grünem Welthungerhilfe-Shirt:
Bauarbeiter in Jacmel. © Aberle
Jacmel muss einmal eine wunderschöne Stadt gewesen sein. Vielleicht ein bisschen wie New Orleans mit den geschnitzten Holzbalkonen aus der Kolonialzeit. Aber seit dem 12. Januar 2010 ist nichts mehr wie vorher. Wie in der Hauptstadt Port-au-Prince hat man in dieser Stadt im Süden des Landes den Eindruck, hier habe ein irrer, grausamer Gigant sein Unwesen getrieben. Zerstörte Häuser, Trümmer überall.  "Das war eine Schule", sagt Jean Véa Dieudonné tonlos. "Acht Tote". 40.000 Einwohner hat Jacmel, 500 Tote gab es.

Véa ist Koordinator für die Cash-for-Work-Maßnahmen im Auftrag der Welthungerhilfe. Die Bewohner räumen die Trümmer weg, packen an beim Wiederaufbau und erhalten dafür einen Lohn. Véa ist selbst Opfer. Hilflos musste er mit ansehen, wie sein Haus in sich zusammenbrach und seinen Sohn darunter begrub. Jetzt versucht er, die Trauer und den Schmerz mit Arbeit zu kompensieren.

 

 

Véa (li.) weist die Arbeiter in ihre Tätigkeit ein. © Aberle
Véa (li.) weist die Arbeiter in
ihre Tätigkeiten ein. © Aberle

Fünf Dollar am Tag - cash

Er koordiniert 20 Bautrupps. Wo er auch hinkommt herrscht reges Interesse. Véa erklärt, gestikuliert und wischt sich immer wieder den Schweiß vom Gesicht. Das Interesse ist groß. Immer wieder überreichen Bewohner des Viertels Listen mit Namen, die auch am von ECHO finanzierten Cash-for-Work-Programm teilnehmen wollen. Und immer wieder erläutert er geduldig, dass zunächst die Besitzer der getroffenen Häuser, dann die Bewohner und später auch andere von dem Programm profitieren werden.

 

Auch woher das Geld kommt, wollen viele wissen. Und Véa berichtet vom fernem Deutschland, wo die Menschen, aufgeschreckt durch die grausamen Bilder, für Haiti gespendet haben. Fünf Dollar, rund vier Euro am Tag, erhält ein Arbeiter. Nur einer pro Familie darf mitmachen. Das ist viel Geld in diesem bettelarmen Land - und doch nicht genug. Denn Haiti muss etwa die Hälfte seiner Grundnahrungsmittel und den größten Teil aller Waren importieren, weil es selbst kaum produziert. Leben ist deshalb teuer.

 

Arbeit überdeckt die Trauer - und schafft neue Lebensgrundlagen

Das Cash-for-Work-Programm trägt dazu bei, die regionale Wirtschaft wieder zu beleben. Und es beseitigt die Folgen des Erdbebens. Die meisten Häuser sind so zerstört, dass eine reine Reparatur nicht ausreichen wird. Und so sind viele Menschen in Jacmel damit beschäftigt, die Trümmer, die einmal ihr Heim waren, mit dem Hammer in kleinere Stücke zu zerschlagen. Danach folgt der Abtransport; erst mit der Schubkarre, dann mit Lastwagen.


Starke Frauen: Brimé Francoise und Jean Roselanne. © Aberle
Starke Frauen: Brimé und
Roselanne. © Aberle
Zwei davon sind Jean Roselanne und Brimé Francoise. Während ihre Männer in den grünen Welthungerhilfe-T-Shirts mit Véa diskutieren, schaufeln sie einfach weiter, immer weiter. "Die Arbeit hilft uns, nicht soviel nachzudenken", sagt Roselanne. "Es muss doch weitergehen, irgendwie."

Sie brauchen wieder ein Dach über den Kopf. Und sie wollen auf gar keinen Fall ihr Grundstück verlassen. Denn in Haiti gibt es kein Katasteramt, kein Grundbuch. Wenn jemand sein Grundstück verlässt und es wird von jemand anderem in Anspruch genommen, hat er keine Möglichkeit, seine Eigentumsrechte einzufordern.

 

Zelte für die Regenzeit

Aus diesem Grund verteilt die Welthungerhilfe Zelte, sobald die Grundstücke frei geräumt sind. Denn noch ist nicht klar, wie der Wiederaufbau von Häusern finanziert werden kann. Und das braucht Zeit. Doch die Bewohner von Jacmel können nicht warten, denn die Regenzeit steht bevor.

Mona Lapaienne hat schon ein solches Zelt bezogen. Auch sie hat ein Kind verloren, es hieß Vana. Weil sie eine der ersten mit Zelt ist, hat sie Verwandte mit aufgenommen, vierzehn Menschen leben jetzt auf engem Raum, aber sie wissen, die Hilfe aus Deutschland geht weiter, und bald können mehr Menschen in Zelten leben.

Um die Ecke brodelt es aus einem großen Topf. Küchenchefin Desir Marie kocht für einen Bautrupp von 20 Mann. Es gibt Bohnen in einer Pilz-Pfeffer-Soße zum Reis. Auch das wird von der Welthungerhilfe finanziert. Die Arbeit ist hart. Hämmern, schaufeln, Steine schleppen, Eisenstangen zerschneiden - und überall der Staub. Der Mundschutz ist schon nach drei Tagen nicht mehr zu gebrauchen.

 

 

Jesula vor ihrem Haus, das noch rechtzeitig vor der Regenzeit repariert wurde. © Aberle
Jesula vor ihrem Haus, das
noch rechtzeitig vor der
Regenzeit repariert wurde.
© Aberle

Auf dem Land packen vor allem die Frauen mit an

Ortswechsel. Cayes-Jacmel, ein ländlicher Vorort von Jacmel. Hier sieht man fast keine Männer. Die meisten arbeiten in Port-au-Prince oder in den Vereinigten Staaten, weil es in Haiti kaum Einkommensmöglichkeiten gibt. Die Frauen betreiben zusätzlich ein wenig Landwirtschaft, um ihre Kinder zu ernähren. Bananen gibt es hier, und Papayas. Es reicht zum Überleben. Aber was tun, wenn plötzlich eine Hauswand einstürzt, das Dach kaputt ist?

Deshalb war Jesula Louis überglücklich, dass die Welthungerhilfe einen lokalen Architekten vorbeischickte, der die Kosten für das Baumaterial übernahm. Bei der Arbeit dann haben die Nachbarinnen kräftig mit angepackt. Jetzt stehen alle Mauern wieder und das Dach ist dicht. "Ich bin so froh", sagt sie. "Ich kann die Kinder doch nicht im Regen schlafen lassen. Danke für alles."

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Letzte Änderung an dieser Seite: 24.03.2010
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