Haiti nach dem Erdbeben

Die Überlebenden von Delmas 60: "Wir nennen es hier nur: ‚Das Ereignis’"

Von Ralph Dickerhof


"We need help" - Mit diesem Plakat machen die
Menschen in einem Stadtviertel von Haiti auf
ihre Not aufmerksam. © Grossmann
Man würde an dem Tor glatt vorbei laufen. Wäre da nicht dieses liebevoll gemalte Plakat: "Abri provisoire de Delmas 60 – We need help" – "Provisorischer Unterschlupf von der Straße Delmas 60". Hier, auf einem privaten, unbebauten Grundstück im Stadtteil Delmas, haben die Überlebenden von 59 Familien ein neues "Zuhause" gefunden. Die Welthungerhilfe hat diesen Hilferuf entdeckt – und schnell mit Lebensmitteln geholfen.

 

 

Die junge Mutter Linah Mondesi Silachi

Da ist die junge Mutter Linah Mondesi Silachi. Die 21-Jährige hat eine Tochter sowie ihr Haus und ihr Hab und Gut beim Erdbeben vom 12. Januar 2010 verloren. "Wir haben uns so sehr gefreut, dass jemand gekommen ist um uns zu helfen", erzählt sie, während sie ihren kleinen Sohn Charles füttert. Mit Reis, den die Welthungerhilfe am Tag zuvor an die Bewohner des Camps verteilt hat.

Linah Mondesi Silachi mit ihrem Kind. © Dickerhof
Linah Mondesi Silachi mit
ihrem Kind. © Grossmann
Linah sitzt am Eingang ihres Zeltes, was ihr und ihrer Familie Schutz und ein wenig Privatsphäre bietet. Die Zelte stammen von der evangelischen Gemeinde, der hier alle Menschen angehören. Die Kirche hat das Erdbeben glücklicherweise überstanden – und somit auch die Zelte. Die wiederum hat der Pfarrer Vilcius Jean Ristin beschafft. Sie sollten eigentlich an eine Partnergemeinde im Norden geschickt werden, erklärt der besorgte Pfarrer: "Das ist wirklich ein Glück im Unglück! Die Zelte sollten zwar vor dem Erdbeben weggebracht werden, aber der LKW ist einfach nicht gekommen!" Nun können sie für die Menschen in Port-au-Prince wertvolle Dienste leisten.

 

Nadége Josephe freut sich über Reis und Bohnen. © Grossmann
Nadége Josephe freut sich
über Reis und Bohnen.
© Grossmann
Erdbebenopfer Nadége Josephe

Ein Zelt weiter sitzt Nadége Josephe mit ihrem Sohn Jean-Pierre Lewinsky – und ist froh, dass sie dem elf Monate alten Sprößling eine gute Mahlzeit anbieten kann. Reis, Öl, Bohnen und Salz hat sie, wie die anderen, von der Welthungerhilfe als erste Nothilfe erhalten. Es sei doch so wichtig, den Kindern gerade jetzt gutes Essen anbieten zu können. Dem kleinen Jean-Pierre jedenfalls scheint es zu schmecken – er kann sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen.

 

 

Die Frisörin Cham Pagne Stephanie

Dem stimmt auch Cham Pagne Stephanie zu. Die Besitzerin eines Friseursalons trägt ihre zwei Jahre alte Enkelin Estherison auf dem Arm. Ihr Gesicht verrät eine leichte Entspannung als sie sagt: "Wir haben etwas zu essen - und somit wenigstens eine Sorge weniger." Genügend andere bleiben ihr natürlich – wie all den anderen auch. Cham etwa hat nicht nur ihr Haus und ihr dort verstecktes Erspartes verloren. Sie hat nun auch keinen Friseursalon mehr. "Zwei meiner Mitarbeiterinnen sind noch dort", flüstert sie. Dann dreht sie sich weg.

 

Die Auswahl des Schicksals

Es ist bizarr: Rechts von dem Grundstück, auf dem die Überlebenden ihr Zeltlager aufschlagen konnten, steht ein großes, weißes Haus – scheinbar unversehrt. So ist es fast überall in der Stadt: Die Zerstörung ist zwar in einigen Stadtteilen größer als in anderen, aber nirgendwo sind alle Häuser eingestürzt. Man kann schwer begreifen, warum dieses Haus noch steht und jenes direkt daneben nur noch ein Trümmerhaufen ist. Dieselbe Lage, ein ähnlicher Haustyp – Glück und Elend sind hier oft nur drei, vier Meter voneinander entfernt.

 

Pfarrer Vilcius Jean Ristin. © Grossmann
Pfarrer Vilcius Jean Ristin.
© Grossmann

Unbegreiflich, unerklärbar

Pfarrer Ristin weiß, was in den Köpfen seiner Gemeinde vorgeht: "Viele fragen sich: ‚Warum ich? Warum mein Haus, meine Familie?‘ – Ich versuche, sie zu trösten, aber eine Erklärung dafür gibt es nicht. Es ist einfach passiert, was soll ich sagen? Auch mir fehlen die Worte." Seine Kirche stehe zwar noch, aber ein Experte sei gekommen, um das Mauerwerk zu untersuchen. Und der habe davor gewarnt, dass sie durch die zahlreichen Nachbeben schließlich auch einstürzen könnte.


Dennoch bleibt der Priester nicht untätig: Er sammelt Informationen über die Überlebenden, ihre verstorbenen oder verletzten Verwandten und wer noch etwas besitzt. Es gebe auch Familien, deren Haus noch stehe, aber die nicht sich trauten, dort zu schlafen. Das Erdbeben hat ihnen das Urvertrauen genommen, ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen. Fest hält er seinen Aktenordner mit den gesammelten Papieren fest. Sein ernster Blick geht unruhig umher. Es gebe so viel zu tun, und Hilfe sei in der zerstörten Stadt schwer zu bekommen.

 

Helfen, damit die Kinder wieder lachen können. © Grossmann
Helfen, damit die Kinder
wieder lachen können.
© Grossmann

40 Sekunden, die unvergessen bleiben

Die Menschen von Delmas 60 haben unfassbar Schreckliches erlebt, und sie haben keine leichte Zeit vor sich. Das Leid hat sie geprägt, viele Gesichter verraten die Traumatisierung, die sie erlebt haben. Sie nennen das Erdbeben nicht beim Namen. Im Gespräch nennen sie es fast alle nur "L´événement" – "das Ereignis". Keine 40 Sekunden lang dauerte es und es hat ihr Leben für immer verändert. Und doch – die Bewohner von Delmas 60 trauen sich langsam wieder, Schritt für Schritt, an ein Morgen, an eine Zukunft zu glauben. Sie dabei ein wenig unterstützen zu können, zu sehen, dass die Kinder auch schon wieder lachen können, das macht Mut und spornt an, weiter zu helfen.

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Letzte Änderung an dieser Seite: 03.02.2010
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