Verteilung von Saatgut
Es muss eine gute Ernte werden!
Von Hans-Ulrich Dillmann

Anne Augustin (ganz links) trägt das Saatgut
nach Hause - mit der Hoffnung auf eine Ernte,
die alle satt macht. © Dillmann(März 2010). Mehr als eineinhalb Stunden ist Anne Augustin aus dem kleinen Weiler Bon Bassin bis nach Les Palmes gelaufen. Jetzt steht die hagere Mutter von sechs Kindern mit einem alten Sack in den Händen vor dem Tor des Ausbildungszentrums von Concert Action, dem Partner der Welthungerhilfe in Haiti, und wartet gespannt. "Mein Haus ist kaputt", erzählt die 32-Jährige. "Das Geld von der letzten Ernte ist aufgebraucht und wir haben kaum was zu essen", berichtet sie. "Ich brauche neues Saatgut, um die Familie zu ernähren."
Zehn Kilo für jeden
Drinnen im Lagerhaus herrscht derweil Hektik. Männer schleppen Säcke mit Bohnen und schütten sie in einen großen Trog. Zwei Frauen messen mit einer 2-kg-Dose das Saatgut in Säcke ab. Auf jedem steht der Familienname. "Jeder erhält zehn Kilo Bohnen", sagt Anthony Eyma, der Direktor von Concert Action in der Region. Dazu bekommt jede Gruppe von Bäuerinnen und Bauern zusätzlich Kohl-, Möhren-, Lauch-, Tomaten- und rote-Beete-Körner zur Aussaat für die kommende Pflanzperiode.

Silvain Saint Louis hat über
einen Hektar Land, dass er
vor der Regenzeit bestellen
muss. © DillmannWeiter Weg zum Saatgut
Auch Silvain Saint Louis wartet geduldig. Er kommt aus Grand Fonds, knapp zwei Wegstunden querfeldein weg gelegen. Saint Louis hat ein fünfköpfige Familie zu ernähren und knapp eineinhalb Hektar Land zu bestellen. An seinem Haus sind die Wände eingestürzt. "Wenn ich Geld brauche, dann arbeite ich als Tagelöhner", erzählt er. "Aber im Moment gibt es keine Arbeit."
Seit Jahrzehnten arbeitet Concert Action in den Bergen von Mornes Grande Ravine. Die Region ist rund 20 Kilometer und zwei Stunden mit einem geländefähigen Fahrzeug von Petit-Goâve entfernt. Die Organisation hat sich einen Namen in der Region gemacht - mit Infrastrukturmaßnahmen wie dem Bau eines Krankenhauses oder der Absicherung der Zugangsstraßen durch Abwasserrinnen und Begrenzungsmauern sowie der Ausbildung der Bäuerinnen und Bauern in der Saatgutverbesserung mit finanzieller Unterstützung der Welthungerhilfe.
Dass es überhaupt eigenes Saatgut gibt, ist auch ein Ergebnis der gemeinsamen Hilfsprojekte von Concert Action und der Welthungerhilfe mit den regionalen Bauernorganisationen, die schon vor Jahren begonnen hat. "Wir mussten deshalb das Saatgut nicht teuer in der Stadt kaufen", sagt Eyma, "sondern haben es von den Bauernorganisationen gekauft, die mit uns hier arbeiten."

Je nach Landgröße werden
die Saatgut-Säcke zugeteilt.
© Dillmann
Bald kommt der Regen...
Nach einer Stunde bekommt auch Anne Augustin ihr Saatgut. Jede einzelne Gruppe und ihr Sprecher werden aufgerufen. Dann erhält jedes einzelne Mitglied seinen Sack mit dem Bohnen und Kohlsaatkörner, der Sprecher zusätzliche Saaten, die später je nach den Bodengegebenheiten und Gartengröße innerhalb der Gruppe verteilt werden. Stolz zeigt sich die 6-fache Mutter mit ihren Bohnen: "Hoffentlich wird es eine gute Ernte." Der Himmel ist bewölkt. Am Abend regnet es seit längerem zum ersten Mal in der Region, in der traditionell im März die Aussaat beginnt. "Die Verteilung kommt zum richtigen Zeitpunkt", sagt Anthony Eyma.
Autor
Hans-Ulrich Dillmann ist freier Journalist in der Dominikanischen Republik.
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