Haiti, vier Wochen nach dem Erdbeben
"Wir sind es nicht gewohnt, dass Versprechen eingehalten werden."
Von Ralph Dickerhof

Eine lokale Mitarbeiterin hilft bei den
Verteilungen in Petit-Goâve, Haiti.
© Grossmann (Febr. 2010). Petit-Goâve, Stadtteil Beatrice. Es ist halb neun. Rund 800 Frauen stehen eng aneinander gedrängt in einer langen Reihe. Sie sind geduldig, trotz Hunger und brennender Sonne. Sie sind wegen der Nahrungsmittel gekommen, die die Welthungerhilfe hier verteilen wird. Die Wartenden stehen auf diesem Hügel, der extra für Verteilungen ausgesucht worden ist. Welthungerhilfe-Projektleiter Thomas Hörz eilt hin und her: Sind die Blauhelmsoldaten alle an ihrem Platz? Wissen alle Helfer der lokalen Partnerorganisation, was sie wo zu tun haben?
Nahrungsmittel für alle
Alles läuft gut heute an diesem Morgen, vier Wochen nach der Katastrophe. Pünktlich um neun Uhr geht es dann los mit den Verteilungen, wie angekündigt. Die ersten Frauen geben ihre Marken mit ihrem Namen, einer Nummer und dem Welthungerhilfe-Stempel am Eingang ab. Sie dürfen in den aus Palmenblättern gebauten Verschlag gehen und erhalten dort ein prall gefülltes Päckchen. Darin: Lebensmittel für ihre Familien für die nächsten zwei Wochen. Reis, Bohnen, Öl und Salz. Das Notwendigste für Menschen, die das verheerende Erdbeben zwar überlebt, aber sonst alles verloren haben.

Helfer unserer lokalen
Partnerorganisation.
© GrossmannViele Akteure - ein Team
Möglich gemacht haben diese Verteilungen eine ganze Reihe von Akteuren: Die deutsche Organisation GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit) hat die Nahrungsmittel in Santo Domingo auf der anderen Seite der Insel eingekauft, in der Dominikanischen Republik, und diese in familiengerechte Portionen verpackt. Ein Lastwagen hat sie im Container nach Petit-Goâve gebracht, eine Kleinstadt, westlich von der Hauptstadt Port-au-Prince. Die dort stationierten Blauhelme aus Sri Lanka haben sie in Empfang genommen und in ihrem Lager darauf aufgepasst. Eine französische Hilfsorganisation hat sie dann schließlich mit zwei geländegängigen LKWs hier auf diesen Berg gebracht.

Die Bedürftigsten erhalten
Essensmarken.
© Grossmann
Eine Marke gegen den Hunger
Die KollegInnen von Mouvman kole zepol (M.Ko.Ze), dem lokalen Partner der Welthungerhilfe, haben tags zuvor die bedürftigsten Familien unter den Überlebenden herausgesucht, sie registriert und ihnen die Märkchen gegeben. Das hat mehrere Vorteile, wie Hörz, der die ganze Aktion verantwortet, erklärt: "Eine Verteilung muss vor allem schnell gehen, da können wir nicht erst vor Ort mit langen Listen hantierten. Außerdem stellen wir mit den Registrierungsmarken sicher, dass hier diejenigen stehen, die unsere Lebensmittel am dringendsten brauchen, nämlich einkommensschwache Familien, Kranke, Obdachlose, Schwangere oder ältere Frauen sowie kinderreiche Familien."
Warum nehmen Frauen die Nahrungsmittel in Empfang?
Je ein Familienmitglied von ihnen, egal ob jung oder alt, steht nun hier in der Schlange. Aber – warum sollen es nur Frauen sein? "Ganz einfach", sagt Thomas Hoerz, "wir wissen, dass es fast immer Männer sind – und zwar besonders die Jungen unter ihnen – die bei Verteilungen Ärger machen, sich vordrängeln, aggressiv verhalten oder anderen sogar ihre Ration wegnehmen wollen."

Blauhelme geben Schutz
während der Verteilungen.
© GrossmannOhne Blauhelme gehts nicht
Und warum müssen die Blauhelme sein? Die Welthungerhilfe lässt sich bewachen von schwer bewaffneten Soldaten, umringt sogar von einschüchterndem Stacheldraht – muss das denn sein? Der ruhige und erfahrene Thomas lacht: "Ja, das muss unbedingt sein! Der Druck auf uns, auf die Helfer, würde sonst zu groß werden, alles im Chaos untergehen … Wir sind sehr froh, die UN-Soldaten uns helfen, ohne die würde es kaum gehen."
Solange sie nett sind...
Die Frauen selbst scheinen keine Probleme mit dem Ablauf der Verteilung zu haben. Viviane Leclerq, 23 Jahre alt, kommt gerade mit einem Paket auf dem Kopf vom Hügel herunter. "Ja klar, es ist schon etwas merkwürdig mit den Soldaten, aber wir haben ja kein eigenes Militär und nur so wenig Polizisten. Wenn sie nett zu uns sind, ist es kein Problem." Die zweifache Mutter, die ihr Haus, ihr Hab und Gut beim Erdbeben verloren hat, will schon weitergehen, fügt dann aber noch flüsternd hinzu: "Wir hatten schon etwas Angst, ob man uns heute Nahrung für diese Zettel geben wird. Wir sind es nicht gewohnt, dass Versprechen eingehalten werden. Das kennen wir hier gar nicht." Dann geht sie schnell los, um ihre neuen Vorräte in Sicherheit zu bringen.
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