Horst Lichter: "Not, Leid, Armut sind nicht in Bildern darzustellen!"

Horst Lichter ging die Armut der Menschen in
Madagaskar sehr ans Herz. © Schernikau
Für TV-Koch Horst Lichter und seine Lebensgefährtin wird es nur eine kurze Nacht. Denn schon früh am nächsten Morgen begleitet das Paar mit einem Filmteam die Welthungerhilfe auf eine Reise dorthin, wo zwar Vanille und Pfeffer wachsen, aber dennoch bittere Armut herrscht – nach Madagaskar.
Ankunft im fernen Land
Nach elf Stunden Flug landen wir in der Hauptstadt Antananarivo. Kaum am Flughafen angekommen, erfreut sich Horst Lichter einer interessanten Begegnung: Eine madegassische junge Frau steuert plötzlich auf Lichter zu und fragt ganz ungehemmt: "Sind Sie nicht der Koch aus Deutschland? Ich sehe immer Ihre Sendungen – denn ich lebe in Deutschland." Über diesen Zufall, dass der Starkoch sogar im fernen Afrika erkannt wird, müssen der humorvolle Gourmet und die ganze Crew herzlich lachen.
Landschaftseindrücke - imposant zu zugleich bedrückend
Am nächsten Tag geht es weiter mit einer kleinen Maschine an die Ostküste nach Mananjary. Ein riesiger Fleckenteppich von Reisfeldern ist unter uns zu sehen. Die Reisernte reicht allerdings nicht aus, um die madegassische Bevölkerung zu ernähren. Gerade erst wurden ca. 350.000 Tonnen Reis importiert.

Der fröhliche Rheinländer
ist gerne unter Kindern.
© SchernikauDie Distrikthauptstadt Mananjary hat ca. 30.000 Einwohner. Die Menschen leben vorwiegend vom Reisanbau und vom Kleinhandel. 10 Cent kostet in Mananjary der Reis für zwei Personen pro Tag. Die Maßeinheit dafür ist eine kleine Blechdose.
Eines der größten Probleme in Mananjary ist das unzureichend vorhandene Trinkwasser. Leider kochen nur 10 Prozent der Bevölkerung das Wasser ab, welches sie aus Flüssen und Teichen, oder, falls vorhanden, aus Brunnen schöpfen. Durchfallerkrankungen treten demzufolge sehr häufig auf und führen oftmals zum frühen Tod von Kindern.
Wir steigen in zwei Boote, die uns über den Kanal Pangalanes in nördlicher Richtung nach Nosy Varika bringen. An den Ufern wachsen reichlich Früchte wie Bananen, Mangos, Papayas, Kokosnüsse und Litschis. Auch entdecken wir weite Felder mit Reis, Zuckerrohr und Süsskartoffeln. Die Bauern kommen uns in ihren Einbaumbooten entgegen, winken uns freundlich zu und beschenken uns mit den verschiedensten Anbauarten. Irgendwann bricht die Dämmerung langsam über uns ein. Die Umrisse am Kanalrand werden immer bizarrer. Moskito-Schwärme prallen gegen unsere Gesichter. Wir freuen uns auf unsere Ankunkt.
Ankunft im Projektgebiet der Welthungerhilfe
Von Nosy Varika aus geht es am nächsten Tag weiter nach Ambazato, wo die Welthungerhilfe tätig ist. Die Autofahrt durch die schlammigen Wege ist sehr beschwerlich und eine Herausforderung für Fahrzeug sowie Passagiere. "In Deutschland sind die Armen unendlich reich. Hier haben die Menschen Hunger, sie sind wirklich sehr arm. Wer in Deutschland das Wort Armut in den Mund nimmt, weiß nicht wie es hier aussieht", bemerkt Horst Lichter nach seinen ersten Tagen in Madagaskar.
Ambazato hat ca. 1.650 Einwohner. Mehr als 50 Prozent der Bevölkerung ist unter 18 Jahre alt. 80 – 90 Prozent der Menschen leben von der Landwirtschaft. Die restliche Bevölkerung versucht, als Tagelöhner oder Kleinhändler zu überleben.

Die Armut überall stimmt
den TV-Koch sehr
nachdenklich. © Schernikau
Wie eine "Zeitreise"
"Ambazato ist so unfassbar abgelegen – aber dennoch eines der gut erreichbaren Dörfer in der Streusiedlung," stellt Horst Lichter fest. "Wenn ich die Wege hierhin sehe, dann erkenne ich die Bedeutung der gesunden Ernährung deutlich. Wenn hier einer krank wird, hat er keine Chance. Es kommt mir vor wie eine Zeitreise, aber eine schlimme Zeitreise. Ich bin dankbar, dass ich das erleben darf. Ich weiß was es heißt, was die Welthungerhilfe hier macht. Sie bringt den Menschen bei, wie mit Hygiene umzugehen ist. Hier spürt man die Armut: die Menschen sind auf saisonale Früchte angewiesen, die Kinder sind medizinisch schlecht versorgt. Das hier ist Armut – und die muss weg."
Betroffenheit in der Klinik
Wir fahren zum Creni in Nosy Varika, dem Zentrum für sehr stark unterernährte Kinder. Durchschnittlich bleiben die Mütter (oder auch Väter) mit ihren Kindern zwei Wochen im Zentrum, bis sich die Kleinen wieder erholt haben. Die Patienten erhalten alle drei Stunden eine speziell für unterernährte Kinder angereicherte Milch. Häufig sind Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose die Auslöser für die Unterernährung.
Wir werden Zeugen einer Neuaufnahme: Die 27-jährige Perline hat insgesamt sieben Kinder geboren, wovon vier noch am Leben sind. Sie kommen aus dem Dorf Vohidroa, südwestlich von Nosy Varika. Dort brannte im Mai ihre Hütte ab. Einen halben Tag war die Mutter mit ihren unterernährten Kindern unterwegs, um das Creni zu erreichen.
Wir sind alle stark betroffen und erschöpft von den Eindrücken, die sich uns bieten – und finden kaum noch Worte. Horst Lichter spricht über seine Emotionen: "Das Creni war für mich ganz schlimm. Ich kann kaum darüber sprechen, es war sehr emotional. Ich habe geweint da drinnen. Eigentlich müsste man sich freuen, weil da ja geholfen wird. Die Leute wohnen so weit weg und viele wissen nicht, dass es das Creni gibt. Und durch die Welthungerhilfe erfahren sie davon."

Viele Köche versalzen hier
nicht den Brei. © Schernikau
Köche unter sich
Am nächsten Tag nehmen wir an einer Koch-Demonstration teil. Horst Lichter ist in seinem Element. Für das nahrhafte Essen werden benötigt: Reis, Chinakohl, Erdnüsse, getrocknete Fische, Öl, Salz. Die Kinder erhalten gepressten Möhrensaft. Der Ernährungsberater der Welthungerhilfe mahnt die Frauen, die Hände vor der Zubereitung der Speisen zu waschen.
"Mein Geschmack ist das zwar nicht", schmunzelt Horst Lichter, "aber in dem Essen sind wichtige Nährstoffe wie Vitamine, Kalcium, Kohlehydrate etc. enthalten. Solche Kochdemonstrationen sind notwendig, weil die Frauen auf diese Weise viel über eine gesunde Ernährung und Hygiene lernen."
Nach der gemeinsamen Mahlzeit mit den Dorfbewohnern beobachten wir die Wiege- und Messprozedur aller Kinder unter fünf Jahren, die einmal im Monat im Dorf stattfindet. Das dient der frühzeitigen Erkennung von Gewichtsproblemen und Krankheiten. Diese Wachstumskontrolle wird in 80 Dörfern vorgenommen.
"Der mit dem langen Bart" reist zurück
Die Tage im Projektgebiet der Welthungerhilfe neigen sich dem Ende zu, wir fliegen zurück nach in die Hauptstadt und von dort wieder nach Deutschland. Es war für uns alle eine außergewöhnlich beeindruckende Reise. Und die rheinländische Frohnatur Horst Lichter wird den Madegassen als Lavavulumbava in guter Erinnerung bleiben: Als "der mit dem langen Bart".
