Hungerproteste werden zur Demokratiebewegung

Prof. Klaus Töpfer: "Vom Hunger ausgelöste Proteste verbinden sich schnell mit der Forderung nach Mitbestimmung, Freiheit, Demokratie."
Prof. Klaus Töpfer: "Vom Hunger ausgelöste Proteste verbinden sich schnell mit der Forderung nach Mitbestimmung, Freiheit, Demokratie."

Nicht nur Umweltkatastrophen, auch Spekulanten treiben die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe. Professor Klaus Töpfer, Vize-Präsident der Welthungerhilfe, verlangt mehr Transparenz auf den Rohstoffmärkten.


Immer wieder gehen Menschen wegen hoher Kosten für Nahrungsmittel auf die Straße. Haben steigende Preise Revolutionspotenzial?
KLAUS TÖPFER: Schon 2008 haben steigende Nahrungsmittelpreise in Haiti, Nigeria und anderen Ländern Unruhen ausgelöst. Es ist unstrittig, dass Menschen, die ohnehin am Existenzminimum leben, bei Preissteigerungen auf die Straße gehen. Das war auch ein Grund für die aktuellen Entwicklungen im Maghreb.


Gaddafi hat im Januar versucht, Unruhen durch die Aufhebung von Zöllen und Steuern auf Nahrungsmittel zu verhindern, ohne Erfolg.
TÖPFER: Hätte die libysche Führung früher reagiert, nicht erst als die Unruhen in den umliegenden Ländern in vollem Gange waren, hätte es vielleicht dem Regime mehr genützt. Vom Hunger ausgelöste Proteste verbinden sich schnell mit der Forderung nach Mitbestimmung, Freiheit, Demokratie.


Was hat zur aktuellen Preissteigerung bei Nahrungsmitteln geführt?

TÖPFER: Die Hochwasserkatastrophe in Pakistan sorgte dort für einen Ernteausfall. Das verheerende Hochwasser im wichtigen Weizenexportland Australien hat die Lage auf dem Weltmarkt verschärft, genauso wie die Waldbrände in Russland im vergangenen Jahr und die aktuelle Dürre im Nordosten Chinas. Wenn weniger Getreide vorhanden ist, wird es natürlich teurer. Aber viel ist auch spekulativ bedingt.

In den Tank oder auf den Teller? Konkurrenz der Anbauflächen. © Tsegaye
In den Tank oder auf den Teller? Konkurrenz der Anbauflächen. © Tsegaye

Kann das verhindern werden?
TÖPFER: Auf den Rohstoffmärkten muss mehr Transparenz herrschen. Damit klar zu sehen ist, was Spekulation ist und was nicht. Dabei geht es nicht nur um die Erzeugnisse, sondern auch um die Spekulation mit Ackerböden. All das erhöht den Preisdruck. Es ist eine Schande, ein ethisches Vergehen, wenn durch Spekulation Einfluss genommen wird auf die Existenz der Ärmsten der Armen.


Der Nahrungsmittelanbau konkurriert auch mit dem Anbau von Biomasse zur Energiegewinnung.
TÖPFER:
Hier gilt folgender Dreisatz. Erstens: Überall dort, wo der Anbau von Biomasse zur Energiegewinnung auf Kosten der Ernährung geht, ist der Anbau abzulehnen, er ist eine Sünde. Zweitens: Überall dort, wo Biomasse genutzt wird, um Energie zu erzeugen und dadurch die Stabilität der Natur in Frage gestellt wird, ist das genauso wenig verantwortbar. Drittens: Überall dort, wo der Anbau von Biomasse weder die Nahrungsmittelerzeugung noch die Stabilität der Natur beeinträchtigt, kann daraus auch Energie erzeugt werden.


Das heißt für Deutschland?
TÖPFER:
Es gibt für die Energiegewinnung aus Biomasse geeignete Klärschlämme oder Abfälle. Auch landwirtschaftliche Flächen, die nicht mehr für die Nahrungsmittelherstellung gebraucht werden, können genutzt werden. Dann muss aber sichergestellt sein, dass nicht in anderen Teilen der Welt deshalb Flächen für die Nahrungsmittelerzeugung verloren gehen. Zu denken ist dabei etwa an Soja aus Südamerika für die Fleischerzeugung.


Wie kann Hunger am besten bekämpft werden?
TÖPFER:
Unser Motto in der Welthungerhilfe ist: Hilfe zur Selbsthilfe. Es geht darum, die landwirtschaftliche Produktion in den Entwicklungsländern zu erhöhen. Wir brauchen eine Verstärkung der agrarwissenschaftlichen Forschung, Wasser muss besser genutzt werden.


Was können wir hier tun?
TÖPFER:
Wir sollten unsere Ernährungsgewohnheiten überdenken, weniger veredelte Produkte wie Fleisch essen. Außerhalb Europas verändert sich der Speisezettel dramatisch, in China wird immer mehr Fleisch gegessen. So steigt die Nahrungsmittelnachfrage schneller an als die Weltbevölkerung.

 

Das Interview erschien am 4.3.2011 in der SÜDWEST PRESSE.

Euro

Letzte Änderung an dieser Seite: 09.03.2011
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