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Land Grabbing in Sierra Leone

Kampf gegen Land Grabbing

In Sierra Leone leistet eine Partnerorganisation Aufklärungsarbeit. Die Regierung ist überfordert

Seit einem Jahrzehnt ist der Bürgerkrieg in Sierra Leone nun vorbei, doch die Menschen bekommen noch immer keinen Fuß auf den Boden. Ihre Regierung hat die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche für die nächsten Jahrzehnte an ausländische Investoren verpachtet. Der Autor und Blogger Jens Berger traf Bauern, die jetzt vor dem Nichts stehen.

Bestechliche Politiker, eine schlecht organisierte Zivilgesellschaft und fruchtbarer Boden: Für Agrarunternehmen ist Sierra Leone das Paradies.

Zwei von drei Menschen in Sierra Leone leben von der Landwirtschaft – aber wie lange noch? © Lars Bauer

Als die Unternehmen kamen, hegten die Kleinbauern noch große Hoffnungen: Die Tochterfirma des multinationalen Agrarkonzerns Socfin, Socfin Agricultural Company (SAC), hatte versprochen, die Erträge durch moderne Methoden zu steigern und Kleinbauern weiter als Angestellte zu beschäftigen. So sollten alle profitieren. An einem Abend Anfang 2011 seien SAC-Vertreter mit Koffern voller Bargeld aufgetaucht, erzählen die Dorfbewohner. Viele Bauern hätten ihr Land in gutem Glauben überschrieben. Mittlerweile sind die Kleinbauern ernüchtert: Von den Gewinnen werden sie wohl kaum etwas spüren. In den vergangenen vier Jahren pachtete der Konzern 6.600 Hektar Land und exportiert ab 2015 Palmöl als Biokraftstoff nach Europa.

Nach dem Interview verhaftet

Shiaka Musa Sama saß bis vor kurzem für die Oppositionspartei im Parlament, heute ist er Sprecher einer lokalen NGO, die die Kleinbauern vertritt. Dass ein ausländisches Unternehmen sich problemlos Land aneignen kann, ist nach Shiaka Musa Samas Ansicht auch Schuld der Regierung. Die Politiker verstünden oft nicht, was die Investoren vorhätten. "Wenn du den Mund aufmachst und Widerstand leistest gegen dieses Land Grabbing, wirst du verhaftet", sagt Shiaka Musa Sama. Wenige Stunden nach unserem Gespräch wurde er festgenommen. Er soll SAC Ölpalmen gefällt haben. Wer auch immer hinter seiner Verhaftung steckt – ein unbequemer Gegner der SAC ist der Mann allemal. Im Interview erzählte er, dass ihm das Unternehmen mehrfach größere Summen angeboten habe, damit er es bei Investitionsvorhaben unterstützt.

Welthungerhilfe musste Projekte aufgeben

Vor zwei Jahren machte die SAC mit Baggern ganze Dörfer und Felder dem Erdboden gleich, um Plantagen zu errichten. Die Welthungerhilfe musste daraufhin landwirtschaftliche Projekte in 21 Dörfern aufgeben: Die Menschen kamen plötzlich nicht mehr auf ihr Land. Nur wenige wurden wurden angestellt: Nach Angaben des Unternehmens haben von den 9.000 Betroffenen im Bezirk Malen lediglich 189 einen dauerhaften Vollzeitjob bekommen. Weitere 1.938 von ihnen werden für wenige Wochen im Jahr als Saisonarbeiter verpflichtet. Ein Vollzeitarbeiter kommt inklusive Pachteinnahmen auf ein Jahresgehalt von rund 600 Euro. Früher verdienten sie diese Summe alleine durch den Verkauf ihrer Überschüsse an Kaffee, Kakao oder Palmöl auf den lokalen Märkten. Außerdem bauten sie zuvor ihre komplette Nahrung selbst an.

"Das Geld, das die Bauern für die Verpachtung bekommen haben, wird schnell aufgebraucht sein", befürchtet Halimatu Iganneh, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in Sierra Leone. "Land Grabbing trifft die Kleinbauern besonders hart, weil sie außer Landwirtschaft nichts gelernt haben."

Widerstand wächst dank Aufklärungsarbeit

Erst jetzt, nachdem die Folgen des Land Grabbing langsam offensichtlich werden, wächst der Widerstand. Joseph Rahall von Green Scenery, einer Partnerorganisation der Welthungerhilfe, will retten, was noch zu retten ist. Er und sein Team beobachten, wo SAC noch mehr Land pachten will, und informieren über die Hintergründe. In einem Land, in dem nur wenige Menschen Zugriff auf Zeitungen oder Rundfunk haben, sind ihre Informationsveranstaltungen meist die einzige Möglichkeit für die Betroffenen, sich über die Folgen der Verträge zu informieren.

Sowohl die Aktivitäten der Investoren als auch die Antwort der Zivilgesellschaft vor Ort haben in den vergangenen Monaten mächtig Fahrt aufgenommen. Ohne weitere Repressionen des Staates gegen die Bevölkerung wird es SAC schwer fallen, sein angepeiltes Ziel von 30.000 Hektar Land zu erreichen.

Jens Berger ist Blogger und lebt in Goslar. Er reiste mit der Welthungerhilfe nach Sierra Leone und bloggt darüber auf www.nachdenkseiten.de und www.aussengedanken.de

Den gesamten Artikel finden Sie in der aktuellen Welternährung 4/2013.

Erfahren Sie hier mehr über die verbliebenden unabhängigen Bauern.

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