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Bürgerkriegsland - eine literarische Reise durch Syrien

Bürgerkriegsland Syrien

Die Stadt der Toten – eine fiktive Reise

Abu Muhannad ist Projektleiter der Welthungerhilfe in Syrien. Er nimmt uns mit auf eine literarische Reise durch eine Stadt, die er selbst bestens kennt. Als Lehrer unterrichtete er englische Sprache und Literatur. Vor nur vier Jahren war die Welt noch in Ordnung. Heute ist die antike Kulturstadt eine Rebellenhochburg - die meisten seiner Schüler sind geflohen. 

Omar war 18 Monate lang fort. In dieser Zeit hat er nur auf den Tag seiner Rückkehr gewartet. Hat sich vorgestellt, wie er seine Mutter wiedersehen, sie umarmen und ihren Geruch einatmen würde. Sie war als einzige seiner Familie übrig geblieben, und sie hat ihm sehr gefehlt. Nun will er sie überraschen.

Kinder haben Lachen und Spielen verlernt - Schüsse und Kämpfe gehören seit drei Jahren zu ihrem Alltag. © Zimova/PIN
Kinder haben Lachen und Spielen verlernt - Schüsse und Kämpfe gehören seit drei Jahren zu ihrem Alltag. © Zimova/PIN
Einige Läden in der syrischen Stadt haben geöffnet. Jede Stunde Strom ist ein Geschenk. © Zimova/PIN
Einige Läden in der syrischen Stadt haben geöffnet. Jede Stunde Strom ist ein Geschenk. © Zimova/PIN
Die Moschee der Stadt liegt in Trümmern. © Zimova/PIN
Die Moschee der Stadt liegt in Trümmern. © Zimova/PIN
Schutt und Feuer: An der Müllsammelstelle ist die Luft voller Rauch. ©  Zimova/PIN
Schutt und Feuer: An der Müllsammelstelle ist die Luft voller Rauch. © Zimova/PIN

Omar steht vor ihrer Tür, atmet einmal tief ein und klopft an. Keine Antwort. Während er erneut klopft, kommt ein Nachbar vorbei. Zuerst erkennt er Omar nicht, denn er hat sich stark verändert. Er ist sehr dünn geworden, als hätte er lange Zeit nichts zu essen bekommen. Seine Kleider sind zerrissen, als hätte er einen Kampf hinter sich. Der Nachbar schaut genauer, dann ruft er erstaunt: „Omar!".

„Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft."

Omar war an einem Checkpoint verhaftet worden und hatte 18 Monate im Gefängnis verbracht, bevor er einem Richter vorgeführt worden war. Er war auf verschiedene Arten gefoltert worden und kann von Glück sagen, dass er noch am Leben ist. Er fragt den Nachbarn nach seiner Mutter, und der Nachbar sagt, sie sei nicht zuhause. Sie sei umgezogen. Der Nachbar gibt Omar die Adresse. Omar sagt kein Wort und rührt sich nicht. Einige Minuten herrscht Totenstille, dann hebt er einen Stein neben der Tür auf und findet den Schlüssel dort, wo seine Mutter ihn immer versteckt. Er geht ins Haus. Als er eintritt, erinnerte er sich an einen Ausspruch seiner Mutter: „Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft."

Omar zieht sich um. Er wählt dunkle Kleider. Er findet einige getrocknete Rosen, die er seiner Mutter mitbringen will. Dann macht er sich auf den Weg zu ihrer neuen Adresse. Er kommt an seiner alten Schule vorbei. Sie war immer voller Leben, bis zu 1.000 Schüler hatten sie hier unterrichtet. Jetzt ist dort keine Schule mehr, sondern ein Sammellager für Binnenflüchtlinge. Dann kommt er am Haus seines Lehrers vorbei und fragt nach ihm. Man sagt ihm, er sei am Morgen nach Aleppo gefahren, um sein Gehalt abzuholen. Diese Reise, für die man früher eine Stunde brauche, dauerte nun sieben Stunden, und man weiß nicht, ob man heil zu seiner Familie zurückkehren wird. „Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft", denkt Omar.

Danach kommt er an den Hauptplatz der Stadt. Wo früher Feste und Feiern stattgefunden haben, werden nun Hinrichtungen vollstreckt. Er geht weiter und kommt an einem kleinen alten Brunnen im Stadtzentrum vorbei, aus dem die Menschen früher Wasser getrunken haben. Der Brunnen ist verlassen, denn es gibt keine regelmäßige Wasserversorgung mehr. Omar denkt an den Satz: „Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft."

Glücklich über eine Stunde Strom

Schließlich findet er einen Laden und geht hinein, um etwas zu trinken zu kaufen. Der Ladenbesitzer sagt ihm, Getränke habe er nicht, denn die Stromversorgung funktioniere nicht mehr. Früher hatten sich die Menschen beschwert, wenn der Strom für eine Stunde ausgefallen war. Jetzt seien sie froh, wenn sie eine Stunde lang Strom hätten. Wieder denkt Omar an den Satz: „Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft." Dann kommt er an einem kleinen Platz vorbei, auf dem er früher immer sein Auto geparkt hat. Nun ist hier eine Müllsammelstelle; die Luft ist voller Rauch, durch den man beinahe nichts sehen kann. Er sieht den kleinen Park, in dem er sich mit seiner Verlobten getroffen hat. Er will hineingehen, sich ausruhen und den Kindern beim Spielen zusehen. In dem Park sind Kinder, aber sie spielen nicht, sondern weinen, denn sie leben in Zelten, die überall im Park aufgestellt sind. „Wer keine Geschichte hat, hat keine Zukunft." Eine Minute lang bleibt er schweigend stehen und trauert um seine Verlobte, die bei einem Luftangriff getötet worden ist.

Er bemerkt eine Gruppe von Jugendlichen mit Taschen. Er spricht sie an und erfährt, dass sie eine Impfaktion durchführen. Er versteht nicht, warum sie das tun, schließlich gab es hier eines der besten Krankenhäuser der Gegend, mit der modernsten medizinischen Ausstattung. Sie erzählen ihm, dass das Krankenhaus nur noch eine Ruine ist. Schließlich erreicht er den Ort, an dem seine Mutter sein soll. Die Tür ist offen. Er geht zu ihr und findet sie schlafend. Er sagt: „Meine liebe Mutter, du hast mir immer gesagt, ohne Geschichte habe man keine Zukunft. Wir haben eine reiche Geschichte, was ist unsere Zukunft?" Sie antwortet nicht, denn sie schläft den Schlaf der Toten, auf dem Friedhof. Omar weint nicht, denn er weiß: Hätten die Mutter und ihre neuen Nachbarn die Wahl, sie würden nicht zurückkommen wollen, um hier zu leben.

Den gesamten Artikel finden Sie in der aktuellen Welternährung 2/2014.  Eine fiktive Geschichte von Abu Muhannad, Projektleiter der Welthungerhilfe in Syrien.

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