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Afrikas vergessene Mitte

Multimediatagebuch: Erste Schritte der Hilfe


Gastbeitrag von Ralph Dickerhof, freier Journalist

(September 2014) Die riesigen Flügel der Boeing 777 scheinen die Flüchtlingszelte fast zu streifen! Landeanflug in Bangui, wir schauen gebannt nach links aus den Flugzeugfenstern. Sehen die Bewohner, viele stehen kaum einen Meter von der Landebahn entfernt. Davor: Schwer bewaffnete französische Soldaten. Noch keinen Fuß auf der Erde, und schon mitten drin. Direkter Einstieg! Ich reise ein mit Florian und Ton von der Welthungerhilfe; Rüdiger vom Nothilfe-Team, das „Ein-Mann-Voraus-Kommando”, holt uns – hoffentlich – ab.

„Willkommen in Bangui!“ – rund 60.000 Flüchtlinge hausen auf dem Flughafengelände. Sicher, aber hungrig. © Dickerhof
„Willkommen in Bangui!“ – rund 60.000 Flüchtlinge hausen auf dem Flughafengelände. Sicher, aber hungrig. © Dickerhof

60.000 Menschen warten auf: Nichts!

Tage später stehen wir selbst inmitten des Meeres aus notdüftigen Unterkünften, im Camp M'Poko in Wurfweite zum Terminal. Der Flughafen wird von der französischen Armee geschützt, deshalb wurde er seit letztem Dezember zu einem Zufluchtsort für zeitweise 100.000 Menschen. Der Übergangsregierung Zentralafrikas sind sie ein Dorn im Auge, sie dürfen nicht von Hilfsorganisationen versorgt werden. Letzte Lebensmittelrationen gab es am 17. Januar. Und sie reichten nur für einen Monat. Für mich: Ein humanitärer Skandal! So ziemlich alle internationalen Standards für Flüchtlingslager scheinen hier nicht umgesetzt. Fassungslos sehen wir die „Zelte”, zusammengezimmert aus Tüten und Kartoffelsäcken. Und bald kommt der Regen ...

Ralph Dickerhof über den Besuch im Flüchtlingscamp.

Agnès führt uns über das riesige Gelände. Als Camp-Managerin einer französischen Hilfsorganisation sollte sie die Hilfe für M'Poko koordinieren, doch ihr sind die Hände gebunden. Tapfer verwalten Agnès und ihre Mitarbeiter den Mangel. Das Camp ist in elf Zonen aufgeteilt, wir lernen Simplie kennen, „Chef de Zone 1”. Er ist selbst Flüchtling und wurde zum Sprecher der Bewohner gewählt. Ruhig, freundlich, und doch sichtlich nervös spielt er während des Gesprächs an einer einzelnen Zigarette.

Auffallend viele kleine Kinder leben im Camp M´Poko – wenigstens den Nachwuchs wollen viele Eltern in Sicherheit wissen. © Dickerhof
Auffallend viele kleine Kinder leben im Camp M´Poko – wenigstens den Nachwuchs wollen viele Eltern in Sicherheit wissen. © Dickerhof
Camp-Manager Simplie sorgt sich um die Zukunft der geflüchteten Nachbarn in seiner Camp-Zone. © Dickerhof
Camp-Manager Simplie sorgt sich um die Zukunft der geflüchteten Nachbarn in seiner Camp-Zone. © Dickerhof
Hier lebt eine Familie! Jedenfalls so lange, bis der Regen ihren Unterschlupf wegspülen wird. © Dickerhof
Hier lebt eine Familie! Jedenfalls so lange, bis der Regen ihren Unterschlupf wegspülen wird. © Dickerhof
Alltag am Terminal. Wäscheleine, Stacheldraht, Zaun, Parkplatz, Abflughalle. 300 Meter Entfernung. © Dickerhof
Alltag am Terminal. Wäscheleine, Stacheldraht, Zaun, Parkplatz, Abflughalle. 300 Meter Entfernung. © Dickerhof

Auffällig viele kleine Kinder rennen um uns herum. Sie seien von ihren Eltern hier in Sicherheit gebracht worden, erzählt Simplie. Manche, die bereits in ihre Viertel zurückgekehrt waren, seien schon nach einer oder zwei Nächten wieder aufgetaucht. Nachts kämen die Banden, oft als Rebellen getarnt. Dann doch lieber M'Poko. Aber auch im Camp selbst gibt es Waffen und Probleme. Am Morgen vor unserem Besuch explodierte eine Granate, keine 15 Meter von der einzigen Landebahn entfernt, sie hat einen Menschen getötet und zehn verletzt. Man vermutet, dass ein junger Rebell mit seiner Tat angeben wollte. Für mich unfassbar...

Zwischen Terminal und Landebahn hausen die Flüchtlinge – weil das französische Militär sie indirekt mit beschützt.

Nachts kommen die Banden

Die Sicherheit ist auch für die Mitarbeiter der internationalen Hilfsorganisationen ein großes Thema. Zwangsweise. Die Motorhaube des von der Welthungerhilfe gemieteten Autos erinnert mich stets daran – da klafft ein langer Schlitz vom Einschlag einer Machete, mit der neulich ein Mitarbeiter bei einem illegalen Check-Point eingeschüchtert werden sollte. Noch sind die „Weißnasen“ hier zum Glück keine (politischen) Opfer von Anschlägen oder Entführungen. Doch die Jagd auf leichte Beute hat längst begonnen. Sprich: Es wird versucht, Hilfsgüter zu klauen.

18 Tote, 38 Verletzte, 50.000 neue Flüchtlinge: alles in fünf Tagen und nur Bangui selbst. (OCHA 2014)
18 Tote, 38 Verletzte, 50.000 neue Flüchtlinge: alles in fünf Tagen und nur Bangui selbst. (OCHA 2014)

Zunehmend frage ich mich, wie viele dieser sogenannten Rebellen überhaupt noch eine politische Agenda haben und wer nicht bloß als Krimineller plündert, mordet und Rache nimmt. Die vergangenen Wochen waren besonders unruhig, die ausländischen Truppen tun, was sie können, die Vereinten Nationen zählen die Ereignisse und Opfer. Und die Hilfsorganisationen versuchen mit all ihrer Erfahrung, sich passiv zu schützen und Ärger aus dem Weg zu gehen.

Zunehmend frage ich mich, wie viele dieser sogenannten Rebellen überhaupt noch eine politische Agenda haben und wer nicht bloß als Krimineller plündert, mordet und Rache nimmt. Die vergangenen Wochen waren besonders unruhig, die ausländischen Truppen tun, was sie können, die Vereinten Nationen zählen die Ereignisse und Opfer. Und die Hilfsorganisationen versuchen mit all ihrer Erfahrung, sich passiv zu schützen und Ärger aus dem Weg zu gehen.

„Wir alle hatten ein sehr schweres Jahr”

Nachts also ist es besonders gefährlich, deshalb gilt eine Ausgangssperre. Mit Anbruch der Dunkelheit sind die Straßen leer gefegt, alle schauen, dass sie sich – möglichst – in Sicherheit bringen. Ich bin froh, direkt über dem Büro ein Bett zu haben. Anders als Gisele, unsere erste zentralafrikanische Kollegin. Die Mutter von vier Kindern wohnt im vierten Stadtbezirk, in dem es häufig schwere Unruhen gab. Die 42-jährige hat wirklich eine schlimme Zeit hinter sich: Einige Verwandte ermordet, darunter zwei Eltern, Miya, ihre kleinste Tochter hatte ein Knalltrauma durch Schießereien in ihrem Haus, alle Kinder konnten lange nicht zur Schule gehen, Arbeitslosigkeit, Geldnot, monatelange Flucht, Probleme, alle satt zu bekommen. Und, ständig, die Angst, dass wieder etwas passieren könnte.

Welthungerhilfemitarbeiter Ton im Video über die Sicherheitslage.

Mit jedem Tag hier, jedem Gespräch, Besuch und jeder Erfahrung verstehe ich, wie unübersichtlich die Lage ist. Muslime gegen Christen, dann umgekehrt - Jeder gegen Jeden? Geht es wirklich um Religion, um Ethnien? Was mir parallel deutlich wird: Die Not der berühmten „99 Prozent“, der unbeteiligten Bürger, ist riesig. Die Vereinten Nationen schätzen, dass jeder zweite Zentralafrikaner humanitäre Hilfe braucht – das sind gut zwei Millionen Menschen.

Schon vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs vor gut einem Jahr war hier wenig gut. Seitdem aber ist es richtig ernst geworden: Angst vor dem Nachbarn, mit dem man doch jahrelang friedlich Tür an Tür gewohnt hatte… Gedanken an den Balkan kommen mir hoch, besonders nachts, wenn der Strom ausfällt, wir still im Dunkeln liegen und die Schüsse in anderen Bezirken hören. Zwar kenne ich das von anderen Einsätzen und das Welthungerhilfe Büro, in dem ich hier schlafe, liegt in einem als sicher geltenden Viertel. Zwar haben wir Regeln, Stacheldraht auf der Mauer und nachts zwei unbewaffnete Wächter im Garten. Aber: Es geht ja nicht nur um unsere Sicherheit – gekämpft wird teils nicht einmal fünf Kilometer von hier entfernt. Wie mögen dort die Menschen schlafen?

Welthungerhilfemitarbeiter Gisele erzählt im Video von ihrem Leben in Bangui. Das Video ist in französischer Sprache.

Gisele ist froh, über ihre Erlebnisse sprechen zu können, das sagt sie mir und ich merke es ihr auch an. Sie sei überglücklich, wieder Arbeit gefunden zu haben. Es sei immer ihr Traum gewesen, für eine Hilfsorganisation zu arbeiten. Mit ihrem Einkommen kann sie jetzt ihre Familie ernähren, die Kinder sind in Sicherheit bei Verwandten. Wie viele Zentralafrikaner erhofft sie sich Frieden und Stabilität durch die internationale Hilfe – und natürlich auch vom ausländischen Militär. Leider erfüllt sich diese Hoffnung nicht immer: Vergangene Woche gab es einen verheerenden Vorfall auf einem Markt. Truppen aus dem Tschad wollten eingeschlossene Moslems in Sicherheit bringen, der Konvoi schießt auf der Fahrt in die Menschenmassen des Marktes: 30 Menschen sterben, 300 werden verletzt. Die Vereinten Nationen kündigen eine Untersuchung an, der Tschad beschließt kurzerhand, seine Truppen abzuziehen. Fall erledigt? Ich fürchte schon.

Ralph Dickerhof im Video über Probleme und Hetzpropaganda in Zeitungen.

„Geben Sie mir etwas, bitte!”

Als neutrale Hilfsorganisation hält sich die Welthungerhilfe aus den politischen Fragen raus – muss sie, um erfolgreich und nachhaltig arbeiten zu können. Im Arbeitsalltag haben die Mitarbeiter sowieso schon genug mit den Auswirkungen der Landespolitik zu tun. Zum Beispiel die Tage im Bürgermeisteramt von Bangui. Es geht um die Registrierung als nationale Nichtregierungsorganisation, extrem wichtig, um hier im Land legal und erwünscht arbeiten zu können. Nicht überraschend wird Projektkoordinator Rüdiger die Phrase „Donnez-moi quel´que chose, s´il-vous plait!“ (Bitte geben Sie mir etwas“) entgegen geraunzt. Der Stadtbeamte fragte aber nicht mit dem Ziel der persönlichen Bereicherung, sondern bittet uns, ihm eine Druckerpatrone zu besorgen, damit er den Antrag überhaupt ausdrucken kann! Was sagt das alles aus über den Zustand dieses geschundenen Landes. So oder so – am Ende hat es geklappt: Die Welthungerhilfe ist offizielle Hilfsorganisation in Zentralafrika! Rüdiger hüpft an dem Tag freudig aus dem Auto, denn daraus resultierte gleich der nächste wichtige Meilenstein:

Ralph Dickerhof im Video: „Neu im Land – ab zur Registrierung!“

Registrierung, Bankkonto, gutes Büro zu fairem Mietpreis in sicherem Bezirk, mit Gisele die erste nationale und versierte Kollegin, halbwegs funktionierendes Internet, Strom über weite Teile des Tages: Das Set-Up der Welthungerhilfe steht soweit – starke Leistung für die wenigen Wochen. Und unter diesen Umständen!

Gekommen, um zu bleiben

Und die eigentliche Projektarbeit? Dank der erfahrenen Mitarbeiter hier macht diese bereits gute Fortschritte. Schneller und kollegialer Austausch mit ACTED, einer französischen Hilfsorganisation aus dem Alliance 2015-Netzwerk hat viele Tipps und Einblicke gebracht. Mit den Direktoren der FAO und dem Welternährungsprogramm, beides UN-Agenturen und enge Partner von uns in vielen anderen Ländern, laufen Gespräche über mögliche Zusammenarbeit. Projektleiter Florian kann kommende Woche nach Bozoum reisen, einer Kleinstadt im Westen des Landes. Und für uns alle hilfreich sind die so genannten Cluster-Meetings von OCHA, über die alle Helfer ihre Arbeit möglichst gut koordinieren:

Ralph Dickerhof im Video über die Vorbereitungen zur Nothilfe.

Die Nothilfe der Welthungerhilfe kann schon bald starten, vielleicht ja sogar doch im Camp M´Poko, wo sich hoffentlich „diplomatisch“ doch noch etwas bewegen lässt. Sicher ansonsten für die vielen Tausend Betroffenen und Flüchtlinge an anderen Plätzen. Oder für diejenigen, die sich zur Rückkehr entschlossen haben – und ihre Häuser niedergebrannt oder geplündert vorfinden. Von der Mitte Afrikas aus gesehen, wünsche ich mir mehr internationale Aufmerksamkeit und Hilfe für dieses geschundene Land und seine leidenden Bewohner. Zentralafrika hätte eigentlich viel Potential, sich gut zu entwickeln. Deshalb glaube ich auch, dass es die richtige Entscheidung der Welthungerhilfe war, hier und jetzt ein Landesprogramm zu starten. Der Bedarf ist riesig, zurzeit sicher zunächst in der Nothilfe, aber eben sehr stark auch mittel- und langfristig.

Welthungerhilfemitarbeiter Ton im Video: Langfristige Hilfe ist notwendig.

Sicher, die Umstände sind nicht einfach

Aber – wir haben hier ein gutes Team mit sehr erfahrenen Leuten am Start. Wir wissen, wie wir vorgehen müssen und sind bereits gut vernetzt. Wir haben erste Mittel in Aussicht, um schnellstmöglich Projekte starten zu können.

Und schließlich, da gibt es keinen Zweifel: Der Bedarf an Unterstützung für die Menschen in Zentralafrika ist nicht nur da. Er ist riesig. Um - angesichts dieser Herkulesaufgabe – nicht den Mut zu verlieren, tröstet mich die Antwort Tons auf meine Frage, ob er nicht manchmal einfach nur wütend ist:

Welthungerhilfemitarbeiter Ton im Video.

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