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Zentralafrikanische Republik: Hintergründe der Krise

Gewalt und Leid

Warum eskaliert die Krise in der Zentralafrikanischen Republik?

Ein Gastbeitrag von Bettina Rühl, freie Journalistin und Afrika-Korrespondentin in Nairobi.

(März 2014) Aus einem halb zerstörten Haus kommen dumpfe Schläge: Plünderer sind am Werk. "Das Haus gehörte einem Muslim," krakeelt ein junger Mann. Der Eigentümer wurde vor einer Woche in der zentralafrikanischen Hauptstadt Bangui von einer Meute mit Macheten zu Tode gehackt – begleitet vom Johlen der Schaulustigen. Nach Angaben des Zentralafrikanischen Roten Kreuzes werden in Bangui derzeit täglich etwa ein Dutzend Morde verübt.

Die Krise begann im März 2013 mit dem Putsch der überwiegend muslimischen Rebellenkoalition "Séléka" (Allianz) gegen den damaligen christlichen Präsidenten François Bozizé. Die gewaltsame Machtübernahme beschleunigte den Verfall des seit Jahren kaum noch existenten zentralafrikanischen Staates. Die Rebellen begingen und begehen schwere Kriegsverbrechen an der mehrheitlich christlichen Bevölkerung, die daraufhin selbst bewaffnete Gruppen bildete. Unter dem Namen "Anti-Balaka" (Gegen die Macheten) fanden sich Milizen, Deserteure der Armee und Banditen zusammen, die seither grausame Verbrechen an den Muslimen begehen. Die UN geht von bereits 2000 Toten seit Beginn der Krise aus. Und es werden täglich mehr. Der Mob ist entfesselt, in Bangui werden grausame Lynchmorde fast alltäglich.

Mehrere Tausend muslimische Flüchtlinge leben vorübergehend am Nordende des Flughafens M'Poko in Bangui.
Mehrere Tausend muslimische Flüchtlinge leben vorübergehend am Nordende des Flughafens M'Poko in Bangui.

Die insgesamt 8000 Soldaten einer französischen und einer afrikanischen Eingreiftruppe scheitern an ihrem Auftrag, die Bevölkerung zu schützen. Als Bevölkerungsminderheit sind inzwischen vor allem Muslime die Opfer. Zehntausende sind bereits in die Nachbarländer geflohen. "Was hier passiert ist schockierend, verstörend, furchtbar", sagte Abdou Dieng, UN-Koordinator der Hilfsaktionen für die Zentralafrikanische Republik, schon Ende Januar. Seitdem hat sich die Lage weiter verschärft. "Der Staat existiert nicht mehr, die Menschen sind sich selbst überlassen. Sie haben nichts zu essen, keinen Zugang zu medizinischer Hilfe und kein sauberes Trinkwasser." Nach UN-Angaben sind mehr als 900.000 Menschen auf der Flucht, fast die Hälfte der 4,6 Millionen Einwohner benötigen Hilfe. Wenn Ende März die Regenzeit beginnt, wird sich die ohnehin extrem kritische Lage der Vertriebenen in ihren provisorischen Unterkünften drastisch verschärfen. Und wenn die Bauern bis zum Beginn des Regens ihre Felder wegen der Krise nicht vorbereiten können, wird die nächste Ernte ausfallen. Hunger ist die logische Folge.

Die Not verschärft Konflikte

Muslime und Christen lebten bislang halbwegs friedlich zusammen, aber unter der Oberfläche gab es schon lange Ressentiments. Etwa achtzig Prozent der zentralafrikanischen Bevölkerung sind Christen oder Animisten, 10 bis 15 Prozent Muslime. Die meisten Muslime gehören zum Volk der Peul und leben in den ländlichen Regionen als Hirten, während die meisten Christen Bauern sind – sie konkurrieren um Wasser und Boden. Weil die Bevölkerungsdichte zunimmt, werden diese Konflikte immer öfter mit Waffen ausgetragen, und sie werden häufig ins religiöse übersetzt. In den vergangenen Jahren hat sich der Kampf um die knappen Ressourcen durch den Klimawandel verschärft. Wegen der zunehmenden Trockenheit im Tschad zogen immer mehr Hirten aus dem Nachbarland mit ihren großen Herden südwärts, in die Zentralafrikanische Republik. In den Städten waren die meisten Muslime Händler, und häufig wirtschaftlich recht erfolgreich. Das schürte den Sozialneid und Missgunst.

Der von den Séléka-Rebellen im März 2013 gestürzte christliche Präsident François Bozizé goss zusätzlich Öl ins Feuer: Vor allem in dem Jahr vor seinem Sturz waren viele seiner Reden extrem anti-muslimisch. Verstärkt wird die soziale Konkurrenz durch das Versagen des zentralafrikanischen Staates, das schon vor Jahrzehnten begann. Die ländlichen Gebiete wurden komplett vernachlässigt, abgesehen von den Heimatregionen der jeweiligen Präsidenten. Bildungsangebote und Arbeitsmöglichkeiten fehlen auf dem Land und in der Hauptstadt. 

Einige Plünderer in der Ruine hebeln Bodenfliesen heraus, andere zerschlagen die letzten Dachbalken. "Sobald ich einen Muslim sehe, bringe ich ihn um", sagt einer. Ein elfjähriger Junge versichert mit noch piepsiger Kinderstimme, auch er wolle alle Muslime töten. "Das sind schlechte Menschen." Bewaffnet ist er mit einer Axt im Miniaturformat, und genug Propaganda im Hirn für die kommenden Jahre.

Die Journalistin Bettina Rühl ist Afrika-Korrespondentin und lebt in Nairobi.

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