"Ich halte Bildung für den Schlüssel zur Entwicklung". Interview mit Bärbel Dieckmann

Bärbel Dieckmann im Büro der Welthungerhilfe
in Addis Abeda. © GrossmannBärbel Dieckmann, ehemalige Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn, ist seit November 2008 Präsidentin der Welthungerhilfe. Im Interview spricht sie über ihre ersten Erfahrungen als Präsidentin der Welthungerhilfe und erfolgreiche entwicklungspolitische Maßnahmen und Ziele.
Welthungerhilfe: Frau Dieckmann, Sie haben einmal gesagt, dass die Leitung der Welthungerhilfe schon länger Ihr Traum gewesen sei. Warum?
Dieckmann: Als ich mich entschieden habe, nicht wieder als Oberbürgermeisterin zu kandidieren, überlegte ich mir, was ich gerne machen würde. Entwicklungszusammenarbeit ist ein Bereich, in dem ich mich schon immer engagiert habe. Ich kannte die Welthungerhilfe als gut aufgestellte Organisation durch meine Arbeit hier in Bonn und durch mehrere gemeinsame Aktionen wie der Städtepartnerschaft und der Aktion "Bonn hilft Cuddalore". Deshalb konnte ich mir sehr gut vorstellen, für die Welthungerhilfe zu arbeiten.
Welthungerhilfe: Was haben Sie gedacht, als dann wirklich das Telefon klingelte, und Herr Preuß anrief, um zu fragen, ob Sie als Präsidentin der Welthungerhilfe kandidieren würden?
Dieckmann: Als der Anruf von Herrn Dr. Preuß kam, habe ich nach Bedenkzeit zugesagt. Das Angebot konnte und wollte ich nicht ablehnen. Für mich ist es nach 15 Jahren als Oberbürgermeisterin der Stadt Bonn eine ganz neue Herausforderung und Aufgabe, auf die ich mich sehr gefreut habe.
Welthungerhilfe: Welche Fähigkeit aus ihrer politischen Laufbahn können Sie Ihrer Meinung nach besonders gut für Ihr Amt als Präsidentin gebrauchen?
Dieckmann im Gespräch mit
zwei Äthioperinnen bei der
Ausgabe von Mikrokrediten.
© GrossmannDieckmann: Ich habe 15 Jahre Erfahrung in Verwaltungsführung, in der Organisation von Projekten, im Umgang mit Menschen. Ich habe politische und internationale Kontakte und habe in internationalen Organisationen gearbeitet. Außerdem gibt es in der UN-Stadt Bonn rund 150 Nichtregierungsorganisationen, von denen viele in der Entwicklungszusammenarbeit tätig sind. Ich habe immer versucht, die Ziele dieser Organisationen inhaltlich zu verfolgen und mit zu vertreten. Meine neue Aufgabe hat einen neuen Schwerpunkt, nämlich die ländliche Entwicklung. Bislang habe ich mich ja eher mit städtischen Entwicklungspartnerschaften befasst. Dabei habe ich erlebt, wie schwierig es für die Entwicklung von Städten ist, wenn mehr und mehr Menschen aus ländlichen Regionen dorthin ziehen, weil sie auf dem Land nicht mehr existieren können.
Welthungerhilfe: Wie hat Ihre Familie darauf reagiert, als sie hörte, dass Sie als Präsidentin der Welthungerhilfe kandidieren?
Dieckmann: Natürlich habe ich mit ihnen gesprochen. Meine Familie hat sich gefreut und sofort gesagt, "Das ist das Richtige für dich!".
Welthungerhilfe: Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Zeit als Präsidentin gesteckt?
Dieckmann: Zum einen möchte ich die Arbeit fortsetzen, die Frau Schäuble über zwölf Jahre gemacht hat. Die Welthungerhilfe ist eine gut aufgestellte Organisation. Es wird trotzdem ein paar neue Herausforderungen geben. Ich glaube, wir werden noch intensiver darüber nachdenken müssen, mit welchen Produkten man gerade junge Leute ansprechen kann. Ich will auch die jetzt schon angestoßenen Organisationsveränderungen begleiten, wie die Stärkung der dezentralen Ebene der Projektstandorte im Ausland. Es werden sicher auch immer wieder neue Herausforderungen in Katastrophengebieten auf uns zu kommen. Aber es wird keine grundsätzlichen Änderungen geben, weil ich glaube, dass die Richtung stimmt.
Welthungerhilfe: Sie haben bereits einige erste Termine für die Welthungerhilfe übernommen. Wie haben Sie sich in Ihrem neuen Amt gefühlt?
Dieckmann: Es fühlt sich sehr gut an. Ich erlebe die große Unterstützung, die die Welthungerhilfe erhält. Wie zum Beispiel auf der Grünen Woche. Dort habe ich gemerkt, welch ein hohes Ansehen die Welthungerhilfe bei den Partnern hat, und dass ein Stück dieses Ansehens auch der neu gewählten Präsidentin entgegenkommt. Das finde ich schön.
Welthungerhilfe: Sie haben 2005 nach dem Tsunami in Südostasien mit der Welthungerhilfe die Aktion "Bonn hilft Cuddalore" ins Leben gerufen. Beschreiben Sie bitte kurz, wie es zu der gemeinsamen Aktion kam.
Dieckmann bei einem
Projekbesuch in Äthiopien.
© GrossmannDieckmann: Die Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul hat mich am 30. Dezember 2004 angerufen, ob Städte z.B. auch Bonn sich vorstellen könnten Unterstützung zu leisten. Ich sagte, "ja das könne ich". Am 2. Januar war ich im Büro, als der erste Anruf von der Welthungerhilfe kam. Ich bin wirklich dankbar, dass wir die Aktion "Bonn hilft Cuddalore" mit der Welthungerhilfe ins Leben gerufen haben, denn ich habe später Kommunen erlebt, die versucht haben, die Hilfe alleine zu organisieren. Das ist oft nicht gut gelungen. Man kann zwar Spenden sammeln, aber die Kommunen haben natürlich nicht das Know-how, die Hilfe vor Ort umzusetzen, so wie es eine professionelle Organisation wie die Welthungerhilfe hat. Es war das erste Mal, dass wir in einer Katastrophensituation so schnell reagiert haben, und gerade dieses kurzfristige Reagieren setzt natürlich hohe Professionalität voraus.
Welthungerhilfe: Sie haben sich 2005 auch vor Ort in Indien ein Bild von den Projekten gemacht. Wie waren Ihre Erfahrungen?
Dieckmann: Ich bin im April 2005 in Cuddalore gewesen. Ich war von der professionellen Arbeit, die von den Welthungerhilfe-Mitarbeitern und den einheimischen Partnern geleistet wurde, begeistert. Wir haben ein Dorf unterstützt, neue Boote anzuschaffen und Häuser wieder aufzubauen. Das war im klassischen Sinne Hilfe zur Selbsthilfe: Es war ein Projekt, bei dem wir wussten: Wenn die Fischer ihre vom Tsunami zerstörten Boote wiederhaben, könnten sie ihre Familien wieder ernähren. Ich habe vor Ort erlebt, wie froh die Menschen waren, ihre Existenz wieder sichern zu können.
Welthungerhilfe: Die Wirtschaftskrise ist in aller Munde, welche Auswirkungen wird Sie Ihrer Meinung nach auf die Entwicklungszusammenarbeit haben?
Dieckmann: Die Entwicklungsländer sind immer als erste betroffen, weil sie am schwächsten sind. Bei uns in Deutschland geht es um Wertverluste im Depot aber vor allem um Arbeitslosigkeit. In anderen Ländern, geht es um Leben oder Tod. Insofern erhoffe ich mir eine enge Zusammenarbeit zwischen den Staaten. Und eines dürfen wir in dieser Wirtschaftskrise nicht außer Acht lassen: Die Konjunkturprogramme dürfen die ökologische Entwicklung und die Klimaentwicklung nicht vergessen, weil das ganz besonders drastische Folgen für die Entwicklungsländer hätte.
Welthungerhilfe: Frau Dieckmann, vor Ihrem Amt als Oberbürgermeisterin haben Sie als Lehrerin gearbeitet. Welche Bedeutung hat Ihrer Meinung nach Bildung für die Entwicklungszusammenarbeit?
Dieckmann mit Äthiopierinnen
auf dem Weg nach Sodo.
© GrossmannDieckmann: Bildung ist für mich der Schlüssel für fast alles. Das gilt auch für Deutschland. Wenn sie sich Langzeitarbeitslose bei uns ansehen, dann sind das fast immer Menschen, die eine schlechte oder keine Ausbildung haben. Das gilt natürlich genauso für Entwicklungsländer. Männer und Frauen, die nicht Lesen und Schreiben können, haben einen Nachteil. Überproportional sind das leider immer noch Frauen. Ich habe allerdings Frauen erlebt, die mit dem nötigen Zugang zu Bildung unglaublich stark waren und Verantwortung für ihre Familie übernehmen konnten. Deshalb halte ich Bildung für den Schlüssel zu Entwicklung. In einer immer stärker technisierten Welt wird die Konkurrenzfähigkeit von Staaten mehr und mehr davon abhängen, wie das Bildungsniveau der Bevölkerung ist.
Welthungerhilfe: Das Menschenrecht auf Nahrung wurde einmal als zahnloser Tiger bezeichnet. Welchen Beitrag muss die Politik leisten, damit dieser Tiger wieder Zähne bekommt?
Dieckmann: Zuerst einmal finde ich den Begriff des Rechtes auf Nahrung absolut richtig. Der Begriff ist sehr umstritten, weil wir wissen, dass diese Forderung nicht unmittelbar und heute einzulösen ist. Aber wie so oft zeigt ein solcher Begriff auch die Richtung, in die es gehen muss. Jeder Mensch hat ein Recht auf Nahrung. Das muss gewährleistet sein. Politisch ist es jedoch komplizierter, weil die Erfüllung des Menschenrechts auf Nahrung von dem Zusammenspiel von Nord- und Südstaaten, von Industriestaaten und Entwicklungsländern abhängt. Es darf keine Handelsbeschränkungen geben, und wir brauchen faire Preise auf dem Weltmarkt, die den Erzeugern in Entwicklungsländern angemessenen Lohn garantieren. Zudem, wird es einen Ausgleich geben müssen zwischen Arm und Reich.
Welthungerhilfe: Wäre die Förderung von Fair Trade eine Möglichkeit, diesen Ausgleich zu schaffen?
Dieckmann: Ich denke schon. Vor zehn Jahren war Fair Trade eher eine Randerscheinung. Heute sind Fair-Trade-Kamellen sogar Bestandteil der Rosenmontagszüge. Fair gehandelte Blumen, fair gehandelte Lebensmittel - in fast alle großen Lebensmittelketten gibt es Fair Trade Produktlinien. Fair Trade heißt ja eigentlich nur, dass faire Preise bezahlt werden, und dass es keine Zugangsbeschränkungen zum Markt gibt. Wenn man ehrlich ist, ist das eigentlich etwas ganz Selbstverständliches.
Welthungerhilfe: Und welchen Beitrag zum Menschenrecht auf Nahrung kann Ihrer Meinung nach die Welthungerhilfe leisten?
Dieckmann zu Besuch im
Millenniumsdorf Sodod in
Äthiopien. © GrossmannDieckmann: Die Welthungerhilfe leistet ihren Beitrag zum einen in ihren konkreten Projekten. Das Menschenrecht auf Nahrung wird nur dauerhaft erfüllt werden, wenn Menschen landwirtschaftliche Kenntnisse haben, wenn sie Zugang zu Bildung und Ausbildung erhalten, wenn Kinder zur Schule gehen können. Das Recht auf Nahrung hängt mit dem Recht auf Gesundheit zusammen, aber auch mit Rechten für Frauen. In der Projektarbeit kann man dies verwirklichen, insofern ist die Welthungerhilfe eine Organisation, die das Menschenrecht auf Nahrung für einen Teil der Menschen erfüllen kann. Zum anderen müssen wir politisch Stellung beziehen und die Lobbyisten für die Hungernden der Welt sein. Die Welthungerhilfe ist eine starke Organisation, die mit ihrer Arbeit viel bewegen kann.
Welthungerhilfe: In den vergangenen Jahren wurden ländliche Räume von der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit vernachlässigt. Die Welthungerhilfe arbeitet aber vor allem auf dem Land. Warum ist dies so wichtig?
Dieckmann: Die Ernährungsgrundlage wird überall auf der Welt durch die Produktion auf dem Land gewährleistet. Wir haben zwar weltweit ein starkes Wachstum von Städten, auch weil Menschen die ländlichen Regionen verlassen, da dort ihre Lebensgrundlage nicht mehr gegeben ist. Gerade deshalb ist ländliche Entwicklung so wichtig. Sie ernährt die Menschen auf dem Land selbst, aber sie ermöglicht durch den Verkauf von Produkten auch die Ernährung der städtischen Bevölkerung.
Welthungerhilfe: Wie kann man insbesondere junge Menschen ansprechen?
Dieckmann: Ich glaube für junge Spender muss man die Hilfe bildlich machen. Junge Leute lassen sich eher für konkrete Produkte wie zum Beispiel die Millenniumsdörfer begeistern. Ich habe es selbst bei der Tsunami-Hilfe gesehen, wie die Vorstellung, dass man etwas Konkretes wie ein Boot oder ein Haus finanziert, die Hilfe für die Spender greifbar macht.
Welthungerhilfe: Denken Sie, kulturelle Veranstaltungen sind ein Weg, Menschen für die Arbeit der Welthungerhilfe zu sensibilisieren?
Dieckmann: Kultur ist immer etwas, das Menschen anlockt. Wie zum Beispiel durch die WeltGewänder. Das eine ist die Motivation, durch eine solche Modenschau zu spenden, aber das andere wäre natürlich auch, den Markt zu öffnen für die Produktion und für die Verwertung der Stoffe. Aber auch Musikveranstaltungen können Kulturen spiegeln und Menschen für die Arbeit sensibilisieren.
Welthungerhilfe: Wir haben seit 1996 eine erfolgreiche Sportaktion in Kooperation mit dem Deutschen Leichtathletikverband. Welchen Stellenwert messen Sie dem Sport bei, wenn es um Fragen der Solidarität mit anderen Menschen geht?
Dieckmann: Sport halte ich für einen guten Weg, um Menschen im doppelten Sinn zu bewegen. Ob das jetzt die LebensLäufe sind, bei denen Kilometer um Kilometer gesponsert wird. Wichtig sind Kooperationen wie mit dem Leichathletikverband. Hier wird die Aufmerksamkeit für eine Leichtathletikweltmeisterschaft dazu genutzt, um gleichzeitig für unser Anliegen zu werben und zu spenden. Ich freue mich immer, wenn Verbände und Organisationen sagen, wir wollen nicht nur für unsere Athleten Aufmerksamkeit bekommen, sondern wir machen gerade bei einem großen Ereignis, wie zum Beispiel einer Leichtathletikweltmeisterschaft, auch auf andere Probleme aufmerksam.
Welthungerhilfe: Welchen Eindruck haben Sie aus Ihrer Erfahrung als Oberbürgermeisterin und als Präsidentin des Rates der Gemeinden und Regionen Europas, welche Bedeutung eine Partnerschaft mit der Welthungerhilfe für eine Stadt einnehmen kann?
Dieckmann: Bei Städtepartnerschaften, können wir als Städte etwas geben. Das ist oft Know-how, das ist aber auch finanzielle Unterstützung. Aber mindestens ebenso wichtig ist es, dass die Städte ganz viel aus solchen Partnerschaften mitnehmen. Das sind Erfahrungen, wie viel Kraft und Mut Menschen in ärmeren Ländern haben, wo Ernährung nicht gewährleistet ist. Wo es größere soziale Probleme gibt und sich die Menschen nicht auf den Staat verlassen können. Deshalb sind für mich Städtepartnerschaften immer beides: Sie sind die Möglichkeit, Projekte zu finanzieren, sie sind aber vor allem auch die Möglichkeit, die Welt zusammenwachsen zu lassen und die Welt zusammen zu sehen. Ich finde, gerade in den reichen Staaten ist es sehr notwendig, im Blick zu behalten, wie gut es uns eigentlich geht.
Welthungerhilfe: Die Welthungerhilfe engagiert sich im Rahmen ihrer Arbeit bewusst dafür, einen eigenen Beitrag zur Erreichung der Millenniums-Entwicklungsziele zu leisten. Deshalb hat sie das Vorhaben "Millenniumsdörfer" weltweit auf den Weg gebracht. Wie stehen Sie dazu?
Dieckmann: Die Millenniumsdörfer sind ein Ansatz, der mir persönlich ausgesprochen gut gefällt, weil mehrere Millenniumsziele verfolgt werden. Das vorrangige Ziel ist natürlich immer, den Hunger zu minimieren, um Menschen Ernährung zu schaffen. Es ist allerdings nicht nur alleine eine Ernährungsfrage, es geht auch um Themen wie Gesundheit, Bildung und Frauenrechte. Dies alles verfolgen wir in unseren Dörfern. Und wenn unsere Spender und Spenderinnen die Informationen über die Projekte bekommen, wenn sie über die Erfolge in den Millenniumsdörfern lesen, dann sehen sie, was man in diesen Ländern und in diesen Dörfern alles erreichen kann.
Bärbel Dieckmann
Pressemitteillung: Bärbel Dieckmann ist neue Präsidentin der Welthungerhilfe
Lebenslauf von Bärbel Dieckmann
Bärbel Dieckmann im Gespräch bei NDR Kultur (Februar 2012)
"Ich halte Bildung für den Schlüssel zur Entwicklung". Interview mit Bärbel Dieckmann (Januar 2009)
Videoservice: Bärbel Dieckmanns erste Reise mit der Welthungerhilfe (Juli 2009)
Bildergalerie: Bärbel Dieckmann in Äthiopien (Juli 2009)
Statement von Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe, zur Finanzkrise (Juni 2009)
Audio-Service: Bärbel Dieckmann spricht über ihr neues Amt bei der Welthungerhilfe (27.11.2008)
Mitgliederversammlung wählt neues Präsidium der Welthungerhilfe in Berlin (27.11.2008)
