Dürre in Ostafrika: "Die komplette Lebensgrundlage der Menschen ist in Frage gestellt"

Viele Menschen mussten wegen der verheerenden Dürre am Horn von Afrika fliehen und sind auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. © Feisal Omar / Reuters
Viele Menschen mussten wegen der verheerenden Dürre am Horn von Afrika fliehen und sind auf Nahrungsmittelhilfen angewiesen. © Feisal Omar / Reuters

Bernd Serway (46) ist seit 2009 als Fachkraft für die Welthungerhilfe in der Region des Tana Rivers tätig. Hier im Osten Kenias sind die Folgen der anhaltenden Dürre am Horn von Afrika deutlich zu sehen. Im Interview berichtet der Ingenieur von der Situation in Ostafrika.


Wie ist die Situation in Kenia und der angrenzenden Region?

Die gesamte Region am Horn von Afrika erlebt seit Jahren eine extreme Trockenheit. Die letzte gute Regensaison war im Jahr 2010. Von der vorherigen Dürreperiode haben sich Menschen nicht erholen können. Das betrifft auch Kenia und hier insbesondere die Nordostprovinz und die Küstenprovinz. Ganz besonders schlimm ist es in Somalia, wo die Bevölkerung gezwungen ist, über die Grenzen nach Kenia zu fliehen. Dort sind die Flüchtlingslager überfüllt und die Versorgungslage zunehmend kritisch.
 
Wie geht es den Menschen in den betroffenen Gebieten?
Die Menschen sind an einem Punkt angekommen, an dem sie nicht mehr wissen, wie sie weitermachen sollen. In der Region leben die Menschen hauptsächlich von der Landwirtschaft und der Viehzucht. Durch die Dürre wird ihre komplette Lebensgrundlage  in Frage gestellt. Manche Ackerbauer und Viehzüchter haben aus Verzweiflung bereits Selbstmord begangen.
 
Auch die Unterernährung ist deutlich sichtbar. Aus eigener Kraft kommen die Menschen kaum an neue Nahrungsmittel, denn die anhaltende Dürre hat zu Ertragsausfällen geführt. Auch die kommende Erntesaison wird nichts einbringen, da viele Bauern aufgrund der Trockenheit erst gar nicht ausgesät haben. Das Vieh hat nur sehr geringe Überlebenschancen. Ich befürchte, dass ein Großteil in den kommenden Monaten verenden wird. Der Zustand der Tiere  ist so schlecht, dass ein Verkauf der Herden kommerziell wenig Sinn macht. Die Preise sind einfach zu niedrig. Damit fällt das einzige Einkommen der Viehzüchter aus.

Gibt es also gar kein Futter mehr für die Tiere?

Der Weidezyklus ist derzeit gestört: Weidegründe, die normalerweise zu dieser Zeit nicht genutzt werden, werden nun abgegrast. In ein paar Monaten fehlen sie dann den Viehzüchtern als Futterquelle für ihre Tiere.
In der Tana Region, wo die Welthungerhilfe  tätig ist, sind bisher zwar noch keine Konflikte um Weidegründe  beobachtet worden. Jedoch erwarten wir, dass sich das ändert. Im Norden Kenias kam es vor einem Monat zu Auseinandersetzungen zwischen den Turkana und äthiopischen Hirten. 55 Menschen starben. Diese Konflikte werden sich auch in anderen Regionen verstärken.

Bernd Serway ist seit 2009 für die Welthungerhilfe in Kenia.
Bernd Serway ist seit 2009 für die Welthungerhilfe in Kenia.


Wie sieht es mit der Trinkwasserversorgung aus? Ist sie gefährdet?

In trockenen Gegenden haben wir fast einen kompletten Ausfall der Wasserversorgung. In manchen Regionen gab es nur zehn bis vielleicht dreißig Prozent der üblichen Regenmenge. Viele Dämme und Flüsse sind komplett ausgetrocknet. Und auch der Grundwasserspiegel hat sich so extrem abgesenkt, dass viele Brunnen und Bohrlöcher trocken liegen und für die Versorgung ausfallen. Um das Überleben der Bevölkerung zu sichern, sind Wasserlieferungen durch Lastwagen mittlerweile unbedingt notwendig. Die Welthungerhilfe führt entsprechende Maßnahmen durch.

Wie lange wird Hilfe nötig sein?

Wir stehen jetzt am Anfang der extremen Dürre in Kenia. Diese wird mindestens bis Ende des Jahres oder sogar bis ins Frühjahr nächsten Jahres andauern. Sobald der Regen einsetzt, wird sich die Trinkwasserversorgung schnell verbessern. Die landwirtschaftliche Produktion braucht jedoch mindestens sechs Monate länger. Auch die Weiden brauchen mindestens drei Monate, um sich zu regenerieren. Erst dann können Bauern und Viehzüchter wieder anfangen, sich von ihrer eigenen Produktion zu ernähren.

Was muss passieren, um der Region langfristig zu helfen?

Momentan muss zunächst einmal das Überleben der Menschen gesichert werden. Aber in Ostafrika sind Dürren eine beständige Herausforderung. Langfristig braucht die Region noch mehr Unterstützung, um mit der permanenten Herausforderung durch Dürren besser umgehen zu können. Der Ausbau von Wasserversorgungssystemen und von Bewässerungssystemen für die Landwirtschaft sind hier wichtige Maßnahmen. Blicken wir auf die Tana-Region erkennt man das Problem: Der größte Fluss Kenias fließt hier, doch drum herum ist Dürre, weil das Wasser nicht für die Landwirtschaft genutzt wird. Das muss sich ändern. Und natürlich darf man die Bedeutung der Nutztiere nicht unterschätzen: Ohne das Vieh geht den Menschen ein Großteil ihrer Lebensgrundlage verloren.

Das Interview führte Tanja Beck, freie Mitarbeiterin der Welthungerhilfe.

Euro

Letzte Änderung an dieser Seite: 15.07.2011
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