Die Lasten müssen gleich verteilt werden

Interview mit Robert Grassmann, Klimaexperte der Welthungerhilfe

Den vollständigen Artikel finden Sie im Magazin 04/2009

Keine Palmenidylle: Steigende Meeresspiegel bedrohen das Leben vieler Menschen nicht nur im Süden. © Reuters/Carlos Barria
Keine Palmenidylle: Steigende Meeresspiegel
bedrohen das Leben vieler Menschen nicht
nur im Süden. © Reuters/Carlos Barria
Welthungerhilfe: Alle Welt spricht vom Klimawandel. Wie steht es um unseren Planeten?


Robert Grassmann: Die Berichte des Welt-Klimarates lassen keinen Zweifel: Das Klima ändert sich. Wir Menschen sind die Verursacher. Verschiedene Szenarien sehen bis zum Jahr 2100 eine globale Erwärmung zwischen 1,4°C und 4°C voraus. Bei einer Erwärmung von mehr als 2°C über vorindustriellem Niveau sind jedoch gefährliche Folgen zu erwarten.

Schon jetzt beobachten wir zunehmende Ernährungsunsicherheit, vermehrte Sturm- und Flutkatastrophen sowie Wasserknappheit. Hinzu kommt eine steigende Zahl von Umweltflüchtlingen. Künftig werden wir erhebliche finanzielle Mittel für das reine Überleben von Menschen bereitstellen müssen, ebenso für Wiederaufbaumaßnahmen nach Katastrophen. Diese werden dann an anderer Stelle für wichtige Entwicklungsvorhaben fehlen.



Robert Grassmann, Klima-Experte bei der Welthungerhilfe
Robert Grassmann, Klima-
Experte der Welthungerhilfe.
Welthungerhilfe: Welche Länder sind betroffen? Wer ist Hauptverursacher?

Robert Grassmann: Die Entwicklungsländer haben zur Erderwärmung kaum etwas beigetragen, weil sie wenig Treibhausgas produzieren. Sie sind aber von den Folgen der globalen Erwärmung besonders hart betroffen. Vor allem hier nehmen extreme Wetterereignisse und langfristige Verschiebungen der Klimazonen zu. Bereits erreichte Entwicklungsfortschritte werden zunichte gemacht.

Die wichtigsten Verursacher des Klimawandels sind die nördlichen Industrieländer und zunehmend die Schwellenländer mit ihren hohen Treibhausgasemissionen. Neben den gut 900 Millionen Vielverbrauchern im Norden gibt es inzwischen mehr als 800 Millionen "neue Konsumenten" in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Sie wohnen meist in großen Städten, benutzen Klimaanlagen in Häusern und Bürotürmen und fahren abgasintensive Autos. Knapp 80 Prozent aller eingesetzten Rohstoffe werden in Städten verbraucht, die fast ausschließlich von der Verbrennung fossiler Brennstoffe abhängen. Damit zählen Städte zu den Hauptverursachern des Klimawandels.



Welthungerhilfe: Welche Aufgaben haben die Hilfsorganisationen?

Robert Grassmann: Hilfsorganisationen konzentrieren ihre praktische Arbeit vor allem auf den ländlichen Raum in Entwicklungsländern. Hier sind die Menschen besonders verwundbar gegenüber bereits eingetretenen oder nicht mehr aufzuhaltenden klimatischen Veränderungen. Seien es Naturkatastrophen, oder auch dauerhafte Katastrophen wie anhaltende Dürren, denen eine noch intensiver angepasste Landwirtschaft entgegengesetzt werden muss.

Gleichzeitig haben Hilfsorganisationen die Aufgabe, durch politisches Handeln in den Industrieländern auf eine Reduzierung der Treibhausgase zu drängen und für einen gerechten Lastenausgleich einzutreten.


Welthungerhilfe: Was tut die Welthungerhilfe?

Robert Grassmann: Die Welthungerhilfe stärkt in ihren Projekten die Eigeninitiative und Teilhabe lokaler Akteure. Dabei kann sie auf langjährige Erfahrungen in der ländlichen Entwicklung, beim Ressourcenmanagement und in der Katastrophenvorsorge zurückgreifen. Ganz wichtig sind aber auch neue Ansätze.

In Kenia beispielsweise praktizieren wir ein neuartiges System zur Speicherung von Regenwasser an Felsen. Außerdem setzen wir in vielen Projekten auf energiesparende Technologien. Die Welthungerhilfe setzt sich auch für eine drastische Reduzierung der Emissionen und der Förderung klimaschonender Agrarkonzepte ein. Sie fordert Politik und Wirtschaft auf, ausreichend finanzielle Mittel bereitzustellen und dafür zu sorgen, dass diese Gelder auch bei den armen und verwundbaren Gesellschaftsgruppen
ankommen.

Das Interview führte Constanze Bandowski, freie Journalistin.

Letzte Änderung an dieser Seite: 12.11.2009
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