"Wir alle sind Kinder der Artenvielfalt!"
Interview mit der indischen Aktivistin Vandana Shiva
Lesen Sie diesen Artikel auch in der Welternährung III/2009

Vandana Shiva. © HörigDie selbst ernannte Öko-Aktivistin Vandana Shiva (56) streitet für biologische Landwirtschaft und den Schutz der natürlichen Artenvielfalt. In der indischen Szene ist sie ein Star, wenn auch ein nicht ganz unumstrittener. Vandana Shiva leitet drei Bürgerinitiativen, berät Politiker und Frauengruppen, arbeitet in nationalen und internationalen Kommissionen. 1993 wurde sie für ihr Engament mit dem alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.
Welternährung: Die Landwirtschaft steckt weltweit in der Krise. Während die Preise für Lebensmittel steigen, erzielen viele Kleinbauern immer weniger Gewinn. Ist die moderne Landwirtschaft am Ende?
Vandana Shiva: Davon bin ich fest überzeugt. Dieses Modell basiert auf der Annahme einer nahezu unbegrenzten Versorgung mit Mineralöl, aus dem chemischer Dünger und auch Pestizide gewonnen werden. Dieser Traum ist nun ausgeträumt. Wir beobachten, wie hochpreisiges Öl zu hochpreisigen Nahrungsmitteln führt. Wenn der Ölpreis weiter steigt, wird die industrielle Landwirtschaft unrentabel. Zudem wissen wir, dass die massenweise auf die Felder aufgebrachten Chemikalien einen nicht unerheblichen Anteil am Ausstoß klimaschädlicher Gase haben.
Welternährung: Gibt es denn Alternativen und wie sehen diese aus?
Vandana Shiva: Das Zauberwort lautet: Artenvielfalt! Seit vielen Jahren propagieren wir in Indien die biologische Landwirtschaft. Unsere Bewegung hat eine Alternative geschaffen, die funktioniert. Wir betreiben Bauernhöfe, die ganz ohne fossile Stoffe auskommen und nicht zum Klimawandel beitragen. Daher sind wir auch vom Anstieg des Ölpreises relativ abgeschottet. Und vor allem: Unsere biologische Artenvielfalt produziert mehr Lebensmittel, vor allem gesündere Lebensmittel. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir die biologische Artenvielfalt als das respektieren, was sie ist: Die einzig verlässliche Basis für eine nachhaltige Wirtschaft, die uns eine Hungerkatastrophe und eine Klimakatastrophe vermeiden helfen kann.
Welternährung: Für die meisten Menschen ist Artenvielfalt ein ziemlich abstrakter Begriff. Welche Bedeutung besitzt die biologische Vielfalt für unser Leben?
Vandana Shiva: Artenvielfalt ist für jeden von uns von großer Bedeutung, denn wir selbst sind ihr Produkt. [...] Wir glaubten, ohne Artenvielfalt auszukommen und Lebensmittel in Fabriken herstellen zu können. Ein Ergebnis ist der sogenannte Rinderwahn, der durch Fabrikfutter für Kühe entstand. Wer meint, biologische Artenvielfalt durch Industrieprodukte ersetzen zu können, bedroht unsere Gesundheit, zerstört die Umwelt und ist für den Tod vieler Kleinbauern verantwortlich.
Welternährung: Die Landwirtschaft wird erst allmählich als ein bedeutender Faktor im weltweiten Klimawandel erkannt. Worin genau besteht hier ein Zusammenhang?
Vandana Shiva: Der Klimawandel ist unter anderem auch ein Resultat der Zerstörung von Artenvielfalt in der modernen Land- und Forstwirtschaft. Die Kombination von industriell gestützten Monokulturen und langen Transportwegen bei Nahrungsmitteln trägt rund 25 Prozent zum globalen Klimawandel bei. Wozu brauchen wir den Emissionshandel, wenn wir schon morgen den Treibgasausstoß um ein Viertel reduzieren können, indem wir die Landwirtschaft auf organischen, artenreichen Anbau umstellen? Wir befinden uns in einem Teufelskreis: Die Zerstörung der Artenvielfalt fördert den Klimawandel und der wiederum trägt zur weiteren Zerstörung der Artenvielfalt bei, in Form von Dürren, Überschwemmungen und Ernteeinbußen.
Welternährung: In den vergangenen Jahren wurden sogenannte Bio-Treibstoffe als Alternative zu fossilen Brennstoffen und Mittel zur Begrenzung des Klimawandels propagiert. Was halten Sie davon?
Vandana Shiva: Bio-Treibstoffe sind ein weiteres Mittel zur Zerstörung der Artenvielfalt, denn sie werden in Monokulturen angebaut. Soya, Mais, Ölpalmen und andere Treibstoffpflanzen tragen, wenn im großindustriellen Maßstab angebaut, mehr zum Klimawandel bei, als dass sie nützen. Daher ist das keine Lösung. Selbst die Weltbank, die unsere Positionen nur selten teilt, erklärte die Bio-Treibstoffe zum Irrtum, der dringend korrigiert werden müsse.
Das Interview führte Rainer Hörig, freier Journalist in Indien.
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