Interview: "Handeln statt verhandeln"
Prof. Dr. Klaus Töpfer fordert einen "New Green Deal", der Wirtschafts- und Finanzkrise mit aufeinander abgestimmten Maßnahmen bewältigen hilft
Das vollständige Interview finden Sie in Kürze in der Welternährung IV/2009.

In Kenia herrschen schon seit zwei Jahren immer
wieder Dürren Prof. Dr. Klaus Töpfer ist seit 2008 Vizepräsident der Welthungerhilfe. Als Exekutivdirektor des Umweltprogramms der Vereinten Nationen, von 1998 bis 2006, hat er sich international einen hervorragenden Ruf erworben. Von 1987 bis 1994 war der CDU-Politiker Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, anschließend Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Zudem ist er Gründungsdirektor des 2009 gegründeten Instituts für Klimawandel, Erdsystem und Nachhaltigkeit in Potsdam (Institute for Advanced Sustainability Studies, IASS).
Welthungerhilfe: Im Dezember soll auf der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen ein Nachfolgeabkommen des Kyoto-Protokolls beschlossen werden. Wird das gelingen?
Klaus Töpfer: Die Frage ist, ob ein Nachfolgeabkommen das Sinnvollste ist, was gegenwärtig gemacht werden kann. Um Kyoto damals zu ratifizieren, haben wir 13 Jahre gebraucht. Diese Zeit haben wir nicht mehr. Es geht nicht darum, dass wir noch verhandeln, sondern, dass wir handeln. Zusammengenommen sind nur 20 Länder für etwa 80 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich. Wir brauchen klare Verminderungsprogramme, vor allem für diese Länder, die die größte Menge an Schadstoffen produzieren. Dort muss angesetzt werden.

Prof. Dr. KlausTöpfer,
Vizepräsident
der WelthungerhilfeWelthungerhilfe: Wäre die Bereitstellung neuer, umweltfreundlicher Technologien nicht eine Möglichkeit die Situation für die Entwicklungsländer zu verbessern?
Klaus Töpfer: Es werden immer mehr umweltfreundliche Technologien entwickelt, etwa im Bereich der erneuerbaren Energien, die auch für Entwicklungsländer verfügbar sind. Doch es geht nicht alleine darum, technologische Hilfestellung zu leisten. Was gebraucht wird, sind finanzielle Mittel. Für die Anpassung an den Klimawandel sollten zusätzliche finanzielle Leistungen in Milliardenhöhe zur Verfügung gestellt werden.
Welthungerhilfe: Was sollte mit diesen zusätzlichen finanziellen Leistungen getan werden?
Klaus Töpfer: Die Infrastruktur muss so ausgebaut und abgesichert werden, dass extreme Wetterereignisse nicht zu Katastrophen führen. Das heißt konkret, dass Siedlungsstrukturen entsprechend entwickelt werden müssen. Beim Bau von Gebäuden sollte sehr viel stärker darauf geachtet werden, dass sie sicher konstruiert sind. Auch die landwirtschaftliche Produktion muss sich auf die veränderten Bedingungen einstellen. Darüber hinaus müssen Deiche etwa an großen Flüssen oder Küsten gebaut und instand gehalten werden. Es muss bis hin zur Veränderung der Energieversorgungsstruktur gehen - weg von fossilen Energieträgern hin zu erneuerbaren, nicht kohlenstoffhaltigen Energien. Dies alles muss mit den zusätzlichen Geldern finanziert werden.
Welthungerhilfe: In welcher Weise muss sich die landwirtschaftliche Produktion auf die veränderten Bedingungen einstellen?
Klaus Töpfer: Die Landwirtschaft muss bei allen Bemühungen im Mittelpunkt stehen. Die Bodennutzung entscheidet wesentlich darüber, wie viel Kohlenstoffdioxid, also CO2 vom Boden aufgenommen werden kann. Die Wissenschaft hat herausgefunden, welche Maßnahmen in besonderer Weise geeignet sind, viel Kohlenstoff zu binden. Dazu gehören vor allem die Wälder. Doch nach wie vor gibt es Rodungen und sogar Brandrodungen mit den entsprechenden Konsequenzen. Etwa 20 Prozent der Klimawirkungen werden durch nicht nachhaltig bewirtschaftete Wälder ausgelöst, das wissen wir heute. Mit Blick auf Kopenhagen glaube ich, dass sich alle einig sind, dass besondere Programme finanziert werden müssen, um die Abholzung der Wälder zu vermindern oder gänzlich einzustellen.
Welthungerhilfe: Welche Anforderungen stellt der Klimawandel an eine Organisation wie die Welthungerhilfe?
Klaus Töpfer: Zunächst einmal ist die Welthungerhilfe immer verpflichtet dort, wo Hunger herrscht, wo Menschen verhungern, wo sie keine Perspektive mehr haben, zu helfen. Es gilt die Strukturen so zu verändern, dass die Hungerwahrscheinlichkeit geringer wird. Das bedeutet konkret etwa, in Wasserprojekte dort zu investieren, wo man für Trockenperioden vorsorgen kann. Das tun wir gegenwärtig zum Beispiel in Kenia.
Welthungerhilfe: Was wird in Kenia getan?
Klaus Töpfer: Dort betreibt die Welthungerhilfe systematisch Regenwassersammlungen. So kann das Wasser, das bei den tropischen Regenfällen in großen Mengen niedergeht, für spätere Trockenperioden gespeichert werden. Diese strukturellen Maßnahmen sind dringend notwendig, wenn wir nicht nur kurzfristige Hilfe zur Überwindung von Hungersnöten leistet wollen, sondern wenn wir mittel- und langfristig dazu beitragen wollen, dass Hilfe zur Selbsthilfe möglich ist. Wir sind jedem, der dafür sein Scherflein mit einer Spende an die Welthungerhilfe leistet, herzlich dankbar.
Welthungerhilfe: Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat die Welt immer noch im Griff. Gibt es überhaupt wirtschaftliche und politische Kapazitäten, um das Thema Klimawandel anzugehen? Warum dürfen wir nicht wegsehen?
Klaus Töpfer: Es ist ja nicht so, dass wir eine Alternative haben. Bewältigen wir zuerst die Finanz- und Wirtschaftkrise und dann die Klimakrise. Das ist falsch. Richtig ist, dass wir die Klimakrise bewältigen, indem wir dadurch auch gleichzeitig die Wirtschaftskrise bewältigen. Wir müssen diese zwei Krisen mit einer Klappe, mit einem Instrumentenset bearbeiten. Dafür gibt es Möglichkeiten, man nennt das meistens auch einen New-Green-Deal. Wirtschaftliche Strukturen müssen so umgestellt werden, dass sie wirtschaftspolitisch richtig sind, dass sie Arbeitsplätze schaffen und gleichzeitig die Umwelt und das Klima entlasten.
Das Interview führte Patricia Summa, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in Bonn.
Kontakt

Michael Kühn
Referent für Klimawandel
Tel.: 0228 / 22 88 - 323
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