Jeder 7. Mensch hungert, obwohl es statistisch überall genug Nahrung gibt

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Grafik: Jeder siebte Mensch hungert. © WHH
Grafik: Jeder siebte Mensch hungert. © WHH

Weltweit steigen die Lebensmittelpreise. Noch ist eigentlich genug Nahrung vorhanden. Doch vielerorts können sich die Armen diese Nahrung nicht mehr kaufen. Die Preise für Getreide haben sich binnen Jahresfrist verdoppelt. Das Welternährungsprogramm rechnet mit zusätzlich 100 Millionen Unterernährten – damit ist die Zahl der weltweit Hungernden wohl auf über 950 Millionen gestiegen.

Die FAO geht davon aus, dass ein Mensch in den Entwicklungsländern durchschnittlich mindestens 1.850 kcal pro Tag braucht. Selbst in Afrika südlich der Sahara stehen statistisch noch über 2.200 kcal pro Person und Tag zur Verfügung, dennoch hungert jeder dritte Einwohner.

 

Hunger führt zu Wellen von Wut

Immer mehr Menschen in Haiti versuchen mit Keksen ihren Magen zu füllen – gebacken aus Lehm und Salz. Immer weniger Menschen können sich ausreichend Nahrungsmittel leisten. Der Hunger greift um sich, nach gewalttätigen Protesten in der Hauptstadt Port-au-Prince ist die Regierung im Frühjahr 2008 zurückgetreten.

Haiti ist kein Einzelfall. Auf den Philippinen bewachen Soldaten die Reisvorräte in Lager- und Kaufhäusern, im Libanon organisieren die Gewerkschaften landesweite Streiks. Hungerunruhen erschüttern viele afrikanische Staaten.
 

 

Viehweide in Bolivien. © Kottmeier
Viehweide in Bolivien.
© Kottmeier
Die strukturellen Ursachen der Krise

Entspannung ist nicht in Sicht – die Krise hat strukturelle Ursachen. Die Weltbevölkerung wächst, gleichzeitig nehmen die Anbauflächen tendenziell ab. Infolge des Klimawandels und immer neuer Industrie-, Verkehrs- und Siedlungsflächen verstärkt sich dieser Trend. Zudem werden immer mehr Ackerflächen mit Energiepflanzen bebaut.

In den aufstrebenden Schwellenländern wächst der Fleischkonsum. Immer mehr Getreide wird verfüttert. Diese "Veredelung" hat verheerende Folgen: Aus durchschnittlich zehn Nahrungskalorien im Getreide wird eine Kalorie im Fleisch.

 

Weizenbörse heizt Preisspirale an

Agrarrohstoffe sind zudem ins Visier von Finanzspekulanten geraten. Ospraie ist einer der größten Hedgefonds der Welt und setzt auf steigende Nahrungsmittelpreise. Allein 2007 erzielte Ospraie 3,7 Milliarden Dollar Reingewinn. An der Weizenbörse in Chicago haben Finanzinvestoren mittlerweile schon die komplette Weizenproduktion der kommenden zwei Jahre gekauft. Bis dieser Weizen dann tatsächlich geerntet und geliefert wird, werden die einzelnen Kontrakte rund 30 Mal weiterverkauft worden sein – Spekulanten profitieren von steigenden Getreidepreisen und heizen ihrerseits die Preisspirale weiter an.

Auch die großen Lebensmittelkonzerne verdienen prächtig. Nestlé hat seinen Gewinn 2007 um satte 15 Prozent gesteigert, Danone und Unilever machen glänzende Geschäfte. Börsenblätter raten zum Investment in Nahrungsmittelfirmen.

 

Weltbank fordert ein Umdenken

Jahrelang wurde die Landwirtschaft vernachlässigt. Nationale Regierungen setzten auf den Anbau von Exportfrüchten, die internationale Entwicklungshilfe zog sich weitgehend aus dem Agrarsektor zurück. Subventionierte Überschussbestände aus den Industrieländern wurden zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt geworfen und zwangen Kleinbauern in aller Welt zur Aufgabe. Die konnten sich oft auch das teure Saatgut und den hohen Düngemittel- und Wasserbedarf vieler Hochertragssorten im Gefolge der Grünen Revolution nicht leisten. Mittlerweile fordert selbst die Weltbank ein Umdenken zu Gunsten der Bauern und ländlicher Gebiete.

(Autor: Karl-Albrecht Immel)

 

Letzte Änderung an dieser Seite: 09.07.2008
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