Der Tod kommt immer früher

Von Christian Weische

 


Ausgetrocknetes Flussbett: Die Landschaft des
Makindu Flusses in Kenia.  © WHH/Wernet

Kenia. Rötlicher Staub wird vom Geländewagen aufgewirbelt. Nach etwa 30 Minuten Fahrt erreicht eine Gruppe der Welthungerhilfe und der Hilfsorganisation ActNow eine Siedlung am Stadtrand von Makindu. Die Stadt liegt im Südosten Kenias in einer der ärmsten und am härtesten von der Dürre betroffenen Regionen des Landes. Aus einem der kleinen weißen Lehmhäuser tritt Lucia Mainga. Die 40-Jährige wirkt kraftlos, versucht aber einen fröhlichen Eindruck zu vermitteln. Lucia teilt das schwere Schicksal vieler ihrer Landsleute: Sie ist mit der tödlichen Krankheit Aids infiziert.

 

Bildergalerie: Aids in Kenia


Lucia Mainga.
© WHH/Weische
Nur eine Ahnung

Ihr Mann Charles starb bereits 1995 an der Infektionskrankheit und hinterließ sie mit vier Kindern. Kurze Zeit später erkrankte Lucia schwer und kam ins Krankenhaus. Die Ärzte klärten sie nicht über ihre Erkrankung auf. Man sagte ihr, es sei nichts Dramatisches. Ihr Mann war nicht getestet und wusste nichts von seiner Immunschwächekrankheit, die er vermutlich über eine Bluttransfusion bekam. "Ich ahnte damals aber schon, dass es sich um Aids handelt, und habe mich 2000 testen lassen", sagt Lucia.

Seit Anfang des Jahres nimmt sie mit 40 anderen Betroffenen an einem Hilfsprogramm von ActNow und der Welthungerhilfe teil und bekommt seit März Medikamente. Umgerechnet sechs Euro muss die Kenianerin monatlich dafür aufbringen. Es sei zwar nicht einfach, denn zusammen mit dem Verdienst ihrer Mutter bleiben 1,80 Euro für sechs Leute zum Leben. Vor nicht mal zwei Jahren war eine Behandlung undenkbar. Die Medikamente kosteten noch das 60-fache, berichtet der Projektkoordinator von ActNow, James Curtis. "Wir helfen den Betroffenen und versorgen die  ärmsten von ihnen mit Lebensmitteln, damit sie überleben können."

 


Welthungerhilfe-Mitarbeiterin
Iris Krebber. © WHH/Wernet
Immer mehr Aids-Waisen

Auf dem Weg zurück zum Feldbüro erklärt der Entwicklungshelfer, dass "sich die meisten nicht testen lassen, aus Angst, positiv zu sein. Deswegen rechnen wir hier mit einer hohen Dunkelziffer an HIV-Infizierungen". In den ärmeren Regionen Kenias  wird mit einer Infizierungsrate von mehr als 30 Prozent gerechnet. Iris Krebber, Landeskoordinatorin der Welthungerhilfe für Kenia und Somalia, berichtet, dass mehr als 60 Prozent der Bevölkerung im Makueni-Distrikt unterhalb der Armutsgrenze leben und 45 Prozent aller Kinder chronisch unterernährt sind.

 


Anzahl an Aids-Waisen werden
steigen. © WHH/Wernet
Mit weniger als elf Euro Monatseinkommen sind die wenigsten in der Lage, die Grundbedürfnisse der Familien zu sichern. "Das Land befindet sich am Rand einer humanitären Katastrophe", ist sich Krebber sicher. Die Krankheits- und Sterblichkeitsraten steigen, "und vor allem die wachsende Zahl an Aids-Waisen stellt das Land und die Bevölkerung vor eine schwere Herausforderung." Das Einkommen fehlt und die Menschen sind gezwungen, erst ihr Land und dann das Vieh zum Schleuderpreis zu verkaufen, damit sie Wasser und Lebensmittel für die Familie kaufen können. Oft ist der letzte Ausweg aus der Armut für viele Frauen, manche sind weit unter 20 Jahren alt, die Prostitution. Für umgerechnet ein bis zwei Euro verkaufen sie ihren Körper an der Hauptstraße.

 


Elisabeth Mwende.
© WHH/Weische

Kein Geld mit Kondom

An der Straße 109 treffen die Helfer von ActNow auf Elisabeth Mwende. Die 21-Jährige arbeitet dort seit 2 Jahren als Prostituierte und wartet in einer Bar auf Kundschaft. "Ich habe keine andere Wahl", sagt die alleinerziehende Mutter. Nach der Schule hat sie noch Computerkurse besucht, doch es gibt keine Jobs, erzählt sie nüchtern. "Meine 2-jährige Tochter und ich müssen überleben." Der Aids-Problematik ist sie sich bewusst, doch auch da hat sie keine Wahl. "Es gibt kein Geld, wenn ich Kondome verlange", erzählt sie resigniert und hält weiter Ausschau nach dem nächsten Freier.

 


Manchmal erfolgt Aufklärung
in der Schule. © WHH/Wernet
Am wichtigsten ist Aufklärung

Wegen des schnellen Fortschreiten der HIV-Epidemie ging die Welthungerhilfe 2004 von einer Lebenserwartung in Kenia von 46 Jahren aus. Im Falle einer ausbleibenden Steigerung effektiver Hilfe wird für 2015 nur noch eine Erwartung von 29 Jahren prognostiziert, so Krebber. Seit zwei Jahren ist die Welthungerhilfe auch in der Aids-Aufklärung im Land aktiv. "Was nützt uns die Versorgung der Bevölkerung mit Wasser und Lebensmitteln, wenn uns die Menschen wegen Aids wegsterben", sagt die 39-Jährige. So wird hauptsächlich in den Schulen Aufklärungsarbeit geleistet, damit Aids und seine Gefährlichkeit von jedem einzelnen erkannt wird. Mehrere Sozialarbeiter betreuen die Aidskranken und die Prostituierten. In Matuu unterstützt die Welthungerhilfe ein Haus für Aids-Waisen, für das allerdings noch Geldgeber gesucht werden, sagt Krebber und bittet um Spenden für die Hilfe vor Ort.

 

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Weitere Informationen zu Kenia

Länderinformation Kenia

Karte von Kenia 235 Px

Die Welthungerhilfe in Kenia

Die Welthungerhilfe unterstützt bereits seit mehr als 30 Jahren kenianische Partnerorganisationen bei der Durchführung von Projekten, seit 1993 ist die deutsche Hilfsorganisation mit einer eigenen Struktur in Kenia präsent. Derzeit sind neun internationale (darunter acht Deutsche) und rund 100 kenianische Mitarbeiter in 11 Projekten tätig. Die aktuellen Vorhaben haben ein Gesamtvolumen von ca. 8,5 Millionen Euro.

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Markus Lanz, TV-Moderator und Unterstützer der Welthungerhilfe, berichtet bei "Starvisit" über seinen Projektbesuch im September 2009 mit der Welthungerhilfe in Kenia.

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