Die gestohlene Jugend der Kindersoldaten
aus dem Kongo
Von Jutta Lohkamp

Vor der Kamera jubeln sie, doch ihre Zukunft sieht
eher hoffnungslos aus - ehemalige Kindersoldaten
in Kamituga, Ost-Kongo. © Kibala
Ihr Alter spielt keine große Rolle. Manche von ihnen sind noch nicht einmal zehn Jahre alt. Doch das kümmert die Rebellen wenig. Für sie ist einzig und allein die körperliche Konstitution der Knaben wichtig, die zu Kindersoldaten ausgebildet werden sollen. "Sobald ein Kind eine Waffe tragen kann wird es gezwungen, Kindersoldat zu werden. In speziellen Camps wird es für den Kampfeinsatz ausgebildet", so Jean-Claude Kibala, Ingenieur und Parlamentskandidat für den Wahlkreis Kamituga im Ost-Kongo.
Kind sein verboten
Denn die Kindersoldaten müssen stark sein. Und kräftig. Sie sollen keine Fragen stellen. Nicht über die Anweisungen nachdenken, die sie von ihren Befehlshabern erhalten. Vor allem müssen sie mutig sein. Furchtlos im Kampfeinsatz, jederzeit bereit, die vom Regime erklärten Feinde zu töten oder das eigene Leben zu opfern.

Jean-Claude Kibala.
© WHH
"Dschungel-Rambos"
Allerdings verfügen die wenigsten der neu rekrutierten Kinder über diese geforderte Tapferkeit. "Als ich das erste Mal einen Schuss abfeuern musste, hatte ich furchtbare Angst", schildert Kibala seine Erlebnisse. "Mir wurde klar, dass aus dem vermeidlichen Spielzeug ein todbringendes Instrument werden kann."
Kibala, der mithilfe eines Bundeswehrstipendiums an der Offiziersschule in Deutschland ausgebildet wurde, weiß demnach, wovon er spricht. Er hatte Glück, er war niemals Kindersoldat und musste auch nicht auf Menschen schießen. "Um die Scheu zu verlieren, werden die Kinder mit Drogen vollgepumt. Dann werden sie leichtsinnig, fühlen sich wie Dschungel-Rambos."

Sie waren Kinderarbeiter,
nun suchen sie nach Gold.
© KibalaArmee aus Ex-Kindersoldaten
Die Zahl der ehemaligen sowie bei den Rebellen immer noch aktiven Kindersoldaten im Kongo wird auf 20.000 geschätzt. Genauere Angaben gibt es nicht. Viele der kindlichen Kämpfer, die im Kongo-Krieg (1993 bis 2002) an vorderster Front dabei waren, sind heute in die Armee eingegliedert. Allerdings ohne psychologische Betreuung oder Aufarbeitung der Vergangenheit.
"Mit einer Armee aus ehemaligen Kindersoldaten im Rücken kann sich jeder nach Macht Strebende sicher fühlen. Denn es sind erfahrene Krieger, gereift durch die erlebten Grausamkeiten, jedoch immer noch jung genug und zu allem bereit", analysiert Kibala mit Sorge im Hinblick auf die politische Zukunft des Kongo.

Die Kinder wohnen in der
Nähe der Mine. © KibalaUngewollt und verstoßen
Diejenigen, die nicht in die Armee aufgenommen wurden, sollen in die Gesellschaft reintegriert werden. Doch dieses Vorhaben wird nach Ansicht von Kibala scheitern. "Die Bevölkerung akzeptiert diese Kinder bzw. jungen Erwachsenen nicht. Sie werden als Mörder abgestempelt und verstoßen". Anstelle einer Ausbildung bleiben die jungen Menschen ziellos, haben keine Richtung, niemand kümmert sich um sie.

Minenschacht. © Kibala
Schwerstarbeit unter Lebensgefahr
Diese Aussichtslosigkeit treibt viele der Kinder in Kibalas Wahlkreis zur Arbeit in eine Mine, die einer kanadisch-amerikanischen Gesellschaft gehört. Dort gestattet man ihnen die Suche nach etwas Gold, um sich ein bisschen Geld zu verdienen. Doch die Käufer sind organisiert und bezahlen den jungen Schürfern nur niedrigste Dumpingpreise. Ihnen bleibt keine Möglichkeit, Geld für die Zukunft zu sparen.
So werden die Kinder als billige Arbeitskräfte missbraucht, unter schwierigsten Bedingungen. Denn die Arbeit in den Minen ist gefährlich. Nur mit einer Taschenlampe ausgestattet, ohne Helm oder Schutzanzügen, kriechen die Jungendlichen durch die ein mal ein Meter schmalen Gräben. Viele werden verschüttet und verlieren ihr Leben, weil die Schächte teilweise nicht gestützt werden.
Aids ist überall
Krankheiten wie Tuberkulose und vor allem Aids erschweren zusätzlich das Leben. Getrieben von großer Armut ziehen viele Frauen mit ihren Töchtern in das Minengebiet. Dort kochen sie tagsüber für die Arbeiter, nachts bieten sie ihre körperlichen Dienste an. Kondome gibt es nicht, viele kennen diesen Schutz erst gar nicht. Die HIV-Immunschwäche breitet sich somit rasant aus. In Kamituga erkranken sieben von zehn Jungen an Aids.

Kinder vor einem Schacht.
©KibalaPerspektiven schaffen
"Die jungen Menschen von heute bilden das Fundament unserer Gesellschaft von morgen", betont Kibala. "Dieser Kreislauf der Perspektivlosigkeit ehemaliger Kindersoldaten muss unterbrochen werden." Dazu müsse sich die Einstellung und das Denken der Gesellschaft im Kongo ändern, sagt Kibala. Die Jugendlichen brauchen die Akzeptanz der Bevölkerung. Sie sind auf Hilfe angewiesen, psychologisch wie beruflich. Hierfür sei es besonders wichtig, dass das Thema Kindersoldaten öffentlich diskutiert wird, besondern in den kongolesischen Schulen.
(Stand: September 2006)
Die Autorin
Jutta Lohkamp ist Online-Redakteurin der Welthungerhilfe. Im September 2006 sprach sie mit Jean-Claude Kibala über die Situation der Kindersoldaten im Kongo.
Welthungerhilfe im Kongo: Verbesserung der Infrastrukur durch Straßenbau
Weitere Informationen
Wie geht es weiter? Einschätzungen nach der Wahl (August 2006)
Die Wahl im Kongo: "Diszipliniert und ruhig" (31.07.2006)
Bisher friedliche Wahlen im Ost-Kongo (28.07.2006)
Bevölkerung im Ost-Kongo braucht dringend Schutz (17.05.2006)
UN-Truppen im Kongo: Welthungerhilfe fordert Unterstützung der EU (14.02.2006)
Stärkere Militärpräsenz wird benötigt
