Wetterkatastrophen: Ärmere Länder leiden am meisten

Überflutete Straßen in Mittelamerika durch Hurrikan
Mitch im Jahr 1998. © DWHH
(22. Mai 2006) Die Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch hat heute in Bonn den Globalen Klima-Risiko-Index 2006 vorgestellt, der alle Staaten der Welt hinsichtlich der Betroffenheit durch extreme Wetterereignisse wie Hurrikans, Überschwemmungen oder Dürren vergleicht. "Der Klima-Risiko-Index zeigt, dass die ärmeren Länder insgesamt von extremen Wetterereignissen sehr viel stärker betroffen sind als die reicheren" sagt Sven Anemüller, Referent für Klima und Entwicklung bei Germanwatch und Mitautor des Klima-Risiko-Index.
Im richtigen Verhältnis
"In der Öffentlichkeit werden bei Wetterkatastrophen häufig nur die absoluten Schadenssummen in Geldwerten vermittelt, diese sind zwar wegen der größeren zerstörten Werte in reichen Ländern wie den USA um ein Vielfaches höher als in Ländern wie Bangladesch oder Kenia. Setzt man jedoch die Schadenssummen ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt, so werden die oft verheerenden Auswirkungen auf die ärmeren Länder deutlich. Ähnliches gilt für das Verhältnis von Todesopfern zur Gesamtbevölkerung eines Landes."
Trend oder Ausreißer
Der Index spiegelt die Betroffenheit der Staaten im Jahr 2004 wider und zeigt die zehn meist betroffenen Staaten, die Down10. Dem stellt er die Betroffenheit in den letzten zwei Dekaden gegenüber, um einschätzen zu können, ob es sich bei der Platzierung um einen Ausreißer oder um den Teil eines Trends handelt.
Im Jahr 2004 war nach dieser Gesamtanalyse Somalia am stärksten von Wetterextremen betroffen, gefolgt von der Dominikanischen Republik und Bangladesch. Die USA belegen den neunten Platz, trotz der absolut höchsten Schäden von fast 50 Mrd. US-Dollar. Für Deutschland ergibt sich Platz 33 in der Gesamtbilanz. Einzig bei den Schadenssummen war Deutschland unter den Down10 vertreten, mit Schäden von 1,3 Mrd. US-Dollar.
Geklärte Schuldfrage
"Die Industrieländer stehen als Hauptverursacher des Klimawandels in der Verantwortung, die besonders betroffenen Entwicklungsländer bei der Anpassung an die nicht mehr vermeidbaren Folgen zu unterstützen", so Sven Anemüller. Beispiele wie Philippinen oder Kuba zeigen aber auch, dass z. B. durch gezielte Bildungsarbeit die Katastrophenvorsorge deutlich verbessert und die Auswirkungen von Wetterextremen teilweise begrenzt werden können.
Neue Energien nutzen
"Gleichzeitig müssen wir alle die vielen Möglichkeiten zur Verringerung des Treibhausgasausstoßes wie Erneuerbare Energien und Energieeffizienz noch stärker nutzen. Die Politik muss dringend die Rahmenbedingungen setzen, damit die globalen Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts um 50 Prozent gegenüber 1990 sinken. Nur so kann das Risiko eines in großem Maßstab gefährlichen Klimawandels verringert werden, der die Anpassungsfähigkeit vieler Menschen und ganzer Gesellschaften überfordern würde."
Massive Steigerung von Hurrikans
Für Eberhard Seiler, Leiter der Regionalabteilung Lateinamerika der Deutschen Welthungerhilfe, ist die durch Klimaveränderungen beeinflusste Zunahme der Naturkatastrophen auch in der Karibik und Zentralamerika offensichtlich. "Seit Mitte der 90er Jahre ist die Häufigkeit schwerer Hurrikane um rund 170 Prozent angestiegen.
Die extremen Schäden, die der Hurrikan Wilma in den USA anrichtete, haben die Öffentlichkeit und die Fachwelt aufgeschreckt. Wenig Aufmerksamkeit erhalten dagegen arme Länder wie Haiti, die Dominikanische Republik, Kuba oder die zentralamerikanischen Staaten, in denen viele tausend Menschen in den letzten beiden Jahren Opfer der Wirbelstürme wurden.
Der Klimawandel führt aber auch zu schleichenden Veränderungen. Die Intensität und Häufigkeit der Niederschläge hat sich deutlich verlagert. In den Ostprovinzen Kubas etwa leiden die Menschen seit acht Jahren unter extremer Trockenheit. Diese lässt neben anderen die Trinkwasserquellen versiegen und beeinträchtigt die Nahrungsmittelproduktion."
Unübersehbare Anzeichen
Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch: "Es gibt immer deutlichere Anzeichen für eine Beschleunigung des globalen Klimawandels, der – neben anderen Risiken wie dem steigenden Meeresspiegelanstieg und der dramatischen Gletscherschmelze z.B. im tibetischen Hochplateau - in vielen Regionen eine schwer zu bewältigende Veränderung oder gar eine Intensivierung von Wetterextremen erwarten lässt".
Seiler kritisiert weiter, dass zunehmend weniger Finanzmittel für längerfristige Entwicklungsprojekte bereitgestellt würden, die weniger spektakulär sind und keine schnellen Erfolgsmeldungen erwarten lassen. Er forderte ein Umdenken der öffentlichen Geber, um Katastrophenprävention stärker zu fördern. "Prävention kann Katastrophen verhindern oder zumindest die Schäden begrenzen", so Seiler. "Frühe Hilfe spart langfristig Kosten."
Weitere Informationen
Herausforderungen an die Zukunft
Der Treibhauseffekt - kurz und knapp erklärt
Zukunftsszenarien: Die möglichen Folgen des Klimawandels
Vorsorgen statt "heilen"
Zeit zum Umdenken - Klimawandel verhindert Entwicklung
Ein Beitrag von Dr. Eberhard Seiler, Leiter der DWHH-Regionalabteilung Lateinamerika
