Wo die Palmen aufhören:
Florian Landorff von der Welthungerhilfe berichtet über das Kuba jenseits der Touristenressorts

 

Florian Landorff, Projektleiter der Welthungerhilfe in Kuba. © WHH
Florian Landorff, Projektleiter der Welthungerhilfe
in Kuba. © WHH
Palmen, Rum und karibische Musik? Dieses Kuba existiert fast nur in den Touristenbroschüren, sagt Florian Landorff, Projektleiter der Welthungerhilfe in Kuba. Der Sozialwissenschaftler lebt und arbeitet seit Juni 2007 im Osten Kubas, einer der ärmsten Regionen auf der Karibikinsel. Die Welthungerhilfe sprach mit ihm über die Projekte der Welthungerhilfe, die Besonderheiten des Landes und das "wahre Kuba" jenseits der touristischen Ressorts.



Welthungerhilfe: Sie arbeiten für die Welthungerhilfe in Kuba. Was sind Ihrer Meinung nach die Hauptprobleme dort?

FL: Ein großes Problem ist die Lebensmittelproduktion. Die Böden sind karg. Es fehlt an grundlegenden Produktionsmitteln und die Menschen wissen oft nicht, wie sie Produktionsbetriebe effizient führen können. Außerdem ist die Transportsituation sehr schlecht.

Welthungerhilfe: Karge Böden? Das entspricht für die meisten Menschen nicht dem Bild der idyllischen Karibikinsel, oder?

FL: Das Ideal der idyllischen Trauminsel ist das Kuba aus den Touristikbroschüren. Lange Sandstrände, Rum und Palmen gibt es zwar auch. Das wahre Kuba lernt man aber nicht in einem Touristenressort kennen. Wenn man einmal aufs Land geht, sieht man, wie die Menschen hier wirklich leben. 


Florian Landorff im Gespräch mit einem kubanischem Bauern. © WHH
Florian Landorff im Gespräch
mit einem kubanischem
Bauern. © WHH
Welthungerhilfe: Und wie leben die Menschen?

FL: Es fehlt oft an den nötigsten Dingen. Der Staat verteilt Lebensmittelkarten. Jeder Kubaner hat zum Beispiel ein Anrecht auf eine bestimmte Quote Reis, Bohnen und Eier. Leider reicht die Menge häufig nicht aus. Der Staat muss massiv Grundnahrungsmittel importieren. Nahrungsmittel dürfen in Kuba nicht exportiert werden. Trotzdem sind Milchprodukte und Fleisch kaum zu bekommen und sehr teuer. Nur Kinder und Privilegierte erhalten vom Staat etwas Milch.

Welthungerhilfe: Was unternimmt die Welthungerhilfe, um den Menschen zu helfen?

FL: Unsere Projekte arbeiten mit dem Ziel, die Lebenssituation der Menschen langfristig zu verbessern. Wir entwickeln gemeinsam mit den Kleinbauern und Kooperativen Ideen, wie die Produktion gesteigert werden kann. Zum Beispiel stärken wir die Ziegenhaltung, denn Ziegen sind pflegeleichter und weniger kostenintensiv als Kühe: Sie brauchen weniger Futter, essen mehr Pflanzen und können sich ihre Nahrung selbst suchen. Außerdem bringen wir den Bauern bei, wie sie ihre Betriebe wirtschaftlich führen und ihre Produkte besser vermarkten können. Nachdem Kuba außerdem im vergangenen Jahr gleich von drei Hurrikans getroffen wurde, engagieren wir uns erneut stark mit Wideraufbaumaßnahmen.

 


Florian Landorff bei einem
Projektbesuch in Santiago de
Cuba. © WHH
Welthungerhilfe: Die meisten Projekte der Welthungerhilfe unterstützen besonders schwache Bevölkerungsgruppen, wie Frauen und Kinder. Trifft das auch auf unsere Arbeit in Kuba zu?

FL: Ja, viele unserer Fortbildungen und Aktivitäten richten sich speziell an Frauen. Aber Kuba ist auch in dieser Hinsicht ein spezieller Fall. Einerseits ist es ein lateinamerikanisches Land mit sehr traditionellen Geschlechterrollen und weit verbreitetem Machismo. Andererseits sind Frauen relativ selbstverständlich im Berufsleben integriert und nehmen zum Teil wichtige Rollen ein. Zum Beispiel haben zwei unserer vier kubanischen Partnerorganisationen eine Frau als Präsidentin. Die Frauen haben Rechte, sie kennen ihre Rechte und können sie auch durchsetzen, wenn sie das wollen.
 
Welthungerhilfe: Kuba ist bekannt für sein hohes Bildungsniveau. Entspricht das Ihren Erfahrungen?

FL: Im Großen und Ganzen schon. Unsere kubanischen Mitarbeiter und die Kubaner allgemein sind sehr gut ausgebildet. Deshalb ist es auch sehr effizient, mit Bildungsmaßnahmen zu arbeiten. Der Schlüssel zum Erfolg in Kuba ist ganz klar die Bildung der Einwohner. Wir können in Kuba mit jedem eingesetzten Euro etwas bewirken. Das ist auch ein positives Beispiel für andere Länder, in die Bildung zu investieren.

Welthungerhilfe: Im letzten Jahr hat sich politsch einiges im Land geändert. Fidel Castro hat die Macht an seinen Bruder Raúl abgegeben. Spüren Sie in der Projektarbeit Veränderungen seit dem Machtwechsel?

FL: Die Welthungerhilfe ist ja eine politisch unabhängige Organisation. Wir beobachten deshalb politische Entwicklungen vor allem unter dem Aspekt, ob und wie sie unsere Arbeit beeinflussen. Unser Auftrag ist es, bedürftigen Menschen zu helfen, egal in was für einem System sie leben. Wir nehmen durchaus war, dass die Regierung unter Raúl Castro erneut den Versuch unternimmt, die Situation in der Landwirtschaft zu verbessern. In Kuba liegen 40 Prozent des Agrarlandes brach. Die neue Regierung ist bemüht, dieses Land zu nutzen. Es gibt Anzeichen, dass Kooperativen und Einzelbauern mehr landwirtschaftliche Fläche zugebilligt werden soll. Außerdem dürfen sie seit einiger Zeit einen Teil ihrer Produkte auf nicht-staatlichen Märkten verkaufen – allerdings auch nur zu festgelegten Preisen.

Welthungerhilfe:
Wie reagieren die Kubaner auf Barak Obama als neuen Präsidenten der USA? Hoffen sie, dass das Verhältnis zum „großen Nachbarn" besser wird?

FL: Das Wirtschaftsembargo der USA wird in Kuba als großes Problem gesehen. Obama hat Kuba Gesprächsbereitschaft signalisiert. Das schürt natürlich Hoffnungen. Ich würde sagen, die Kubaner sind vorsichtig optimistisch.  

Welthungerhilfe:
Was gefällt Ihnen besonders gut an Kuba? Was sind für Sie die besten Momente?

FL: Wenn ich abends einen Bauernhof besuche, packen die Bauern manchmal Instrumente und Rum aus und es wird eine spontane Feier veranstaltet. Manchmal gibt es das Kuba aus den Touristenbroschüren doch, aber man muss es suchen. Mitsingen und Tanzen muss ich aber nicht. Die wissen schon Bescheid, "El Aleman no baila" - der Deutsche tanzt nicht.

Das Interview führte Katharina Philipps, Mitarbeiterin der Welthungerhilfe in Bonn.

Letzte Änderung an dieser Seite: 28.01.2009
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