Besuch von den "Weißnasen"
Von Marion Aberle

Kinder vor einer Hütte in Anosikely, dem Millenniums-
dorf der Welthungerhilfe. © Lohkamp
Das Leben im Dorf Anosikely ist typisch für die Küstenregion in Madagaskar. Die Männer stehen jeden morgen um vier Uhr auf und gehen fischen. Danach laufen sie zu Fuß auf den acht Kilometer entfernten Markt, um ihren Fang zu verkaufen. Die Frauen verdienen ein wenig hinzu, indem sie Matten flicken. Anosikely ist von der Deutschen Welthungerhilfe als "Millenniumsdorf" ausgewählt worden. Es ist eines von 15 Dörfern in Afrika, Asien und Lateinamerika, an deren Beispiel dokumentiert werden soll, dass es möglich ist, die von den Vereinten Nationen festgelegten "Millenniumsziele" zu erreichen. Vor allem das erste Ziel, den Anteil der Hungernden und Armen an der Weltbevölkerung bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren.

Die Dorfältesten samt
"König". © LohkampFreude über neue Aufgaben
Die Dorfältesten haben sich auf Bänke unter einen großen, Schatten werfenden Baum gesetzt. Der Bürgermeister und der Mpanjaka, ein hoher Adeliger, zeigen sich geehrt, dass ihr Dorf ausgesucht wurde und bekräftigen ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Keine Hilfe ohne Eigenleistungen, so wird ihnen erläutert. Die Dorfbewohner müssen Baumaterial oder ihre Arbeitskraft zur Verfügung stellen, und es muss sichergestellt sein, dass nach Fertigstellung ein Dorfkomitee über den Erhalt etwa eines neuen Brunnens oder einer neuen Straße wacht, eben "Hilfe zur Selbsthilfe".

Eine von der DWHH
finanzierte Straße.
© LohkampHilfe, die verändert hat
In zahlreichen anderen Dörfern der Region hat die Welthungerhilfe schon gemeinsam mit den Menschen einiges geleistet, etwa Straßen angelegt, die neue lokale Märkte erschließen, Brunnen gebaut oder Be- und Entwässerungskanäle für Reisfelder angelegt, um den Ertrag zu erhöhen. Der Bürgermeister, Jonah Richard, weiß, dass man die Entwicklung einer Gemeinde nicht allein einer Hilfsorganisation überlassen kann. Doch ein großes Problem ist das Fehlen von funktionierenden staatlichen Strukturen, wie in so vielen afrikanischen Staaten.

Die DWHH hat diese Schule
in Anosikely finanziert.
© Lohkamp
Wie entsteht ein Projekt?
In Madagaskar will man nun mit Hilfe der EU auf kommunaler Ebene Abhilfe schaffen. Richards Gemeinde Ambohigogo ist eine von 200 Kommunen in Madagaskar, die an diesem Programm teilnehmen. Die Gemeinde sucht ein Projekt aus, das ihr für die Entwicklung ihres Ortes am sinnvollsten erscheint. Dann erstellt sie einen Antrag, in dem sie das Projekt beschreibt und einen Finanzierungsplan vorlegt. In dieser ersten, aber auch in der Realisierungsphase, wird die Gemeinde fortlaufend unterstützt: Wie entwirft man einen Bebauungsplan? Wie erstellt man ein Budget? Wie kontrolliert man Finanzen? Am Ende sollen nicht nur die Projekte stehen, sondern auch eine funktionierende Gemeindeverwaltung, die im Rahmen der Dezentralisierung ein eigenes Budget erhält, die Abgaben erhebt und diese wieder sinnvoll investiert.
Jonah Richard plant eine Markthalle, die Händler aus der ganzen Umgebung anziehen soll. Unter einem Wellblechdach, das vor der sengenden Sonne schützt, sollen Fische, Kokosnüsse, Maniok und Reis angeboten werden, aber auch wertvolle Gewürze wie Vanille oder Nelken. Auch den Fischern und Gemüsefrauen aus Anosikely werden sich hier neue Absatzchancen bieten. Je besser die Rahmenbedingungen, um so höher sind die Chancen, dass das "Millenniumsdorf" ein Erfolg wird.
Marion Aberle ist Mitarbeiterin der Welthungerhilfe.
(Stand: Juni 2005)
Weitere Informationen:
Projekt der Welthungerhilfe in Madagaskar
Madagaskar - kurz und knapp
Länderbericht Madagaskar: Armes reiches Land
"Audienz" beim madagassischen Präsidenten (November 2005)
