"Audienz" beim madagassischen Präsidenten

Von Jutta Lohkamp


Die DWHH beim Präsidenten: v.l. Klaus Moller,
Jutta Lohkamp, Marc Ravalomanana, Caroline
Peyre-Koch. © Lohkamp

Keiner weiß genau, ob und wann es klingelt. Das Mobiltelefon liegt griffbereit auf dem Tisch eines Cafes in der Hauptstadt Antananarivo, kurz Tana genannt. Dort warten die Welthungerhilfe-Mitarbeiter ungeduldig auf ein Zeichen von höchster Ebene. Dem Präsidentenpalast. Es wird gerätselt, ob sich Marc Ravalomanana wirklich die Zeit nimmt, um mit den deutschen Helfern über sein Land zu sprechen. Er mag die Deutschen. Und er liebt sein Land. Außerdem ist er Unternehmer. Das passt gut zusammen. Ein Blick auf´s Handy, doch es bleibt stumm.

 

 


Das typische "Tiko"-Logo:
Sehr häufig zu sehen in 
Madagaskar.

Der Joghurt-Millionär

Schon als Kind trug Ravalomanana für den elterlichen Betrieb Milch aus und verkaufte Joghurt auf den Straßen der madegassischen Hauptstadt. Jahre später wandelte er den Familienbetrieb zu einer Großmolkerei um. TIKO ist heute das größte Unternehmen des Landes. Seit 1999 ist der charismatische Selfmademan politisch tätig. Zuerst wurde er Oberbürgermeister von Tana, dann, im Mai 2002, Staatspräsident seines Landes. Ravalomanana ist Angehöriger des Adels der Merina-Ethnie, die das ehemalige Königreich Madagaskars beherrschte, bevor die Insel von Frankreich 1896 gewaltsam annektiert wurde.
 

 


Marc Ravalomanana.
© Lohkamp

Unruhen nach Wahlausgang

Die Wahl im Dezember 2001 war ein Desaster: "Eine Wahl und zwei Präsidenten", titelten die Zeitungen nach dem Urnengang. Marc Ravalomanana hatte dem seit 1975 herrschenden Diktator Didier Ratsiraka des  Wahlbetrugs bezichtigt und erklärte sich zum alleinigen Sieger. Im Verlauf der aufkommenden Unruhen flüchtete Ratsisraka nach Frankreich ins Exil, während seine Anhänger das Land durch Sprengungen von Brücken und Straßen ins Chaos stürzten.

 


Eine von drei Nationalstraßen.
© Lohkamp
Mehr Straßen, aber überteuerter Reis  

Ravalomananas ultra-liberale Politik führte zwar anfangs zu einer schnellen Erholung der Wirtschaft. Während unter Ratsisraka die Infrastruktur stark vernachlässigt wurde, kein Straßenneubau stattfand und jährlich sogar 350 bis 1000 Kilometer des Wegenetzes verschwanden, veranlasste der neue Präsident eine massive Verbesserung des Straßennetzes mithilfe einer intensiven Straßenbaupolitik. Doch die Malagasy leiden nach wie vor Not. Die Inflationsrate ist sehr hoch, so dass lebenswichtige Grundnahrungsmittel, allen voran der Reis, für die meisten kaum bezahlbar sind. Zu den wichtigsten internationalen Partnern der Regierung gehören die USA, Deutschland, die Europäische Union und immer noch Frankreich.
 


Gasse in Tana. © Lohkamp
"Es geht los!"

Mitten im Gespräch am Tisch, das Mobiltelefon. Welthungerhilfe-Mitarbeiter Klaus Moller greift nach dem Apparat. "Qui? Immédiatement? Oui!" Es geht zum Palast! Binnen weniger Minuten steht bereits eine Zwei-Mann-Delegation der Regierung - elegant in schwarzen Anzügen - mit ihrem Fahrzeug vor dem Café. Dann muss alles schnell gehen. Austrinken. Zahlen. Rein ins DWHH-Auto und dem Dienstwagen der Beamten "James-Bond-artig" hinterherjagen, trotz Rushhour. Die Fahrt zum Präsidentenpalast dauert höchstens 10 Minuten. Und ehe sich die Helfer aus Deutschland versehen, stehen sie vor Marc Ravalomanana, der ihnen mit seiner so typisch aufgeschlossen Art die Hand bereits entgegenstreckt. 

 


Blick aus der Ferne:
Antananarivo. © Lohkamp

Die Pläne des Präsidenten

Es ist heiß in dem Salon, wo die Welthungerhilfe-Mitarbeiter empfangen und Höflichkeiten ausgetauscht werden. Durch das Fenster offenbart sich eine grandiose Aussicht auf Tana. Geduldig vernimmt der Präsident die Fragen und antwortet diplomatisch. Seine Pläne verheißen Hoffnung für Madagaskar: Implementierung einer good-governance ("gute Regierungsführung", Förderung und Sicherung gemeinsamer Werte und Überzeugungen einer internationalen Zivilgesellschaft), Verstärkung der Geschäftsbeziehungen, Schaffung neuer Anreize für ausländische Investoren, Förderung von Exporten, Unabhängigkeit von ausländischen Unterstützern und Spenden binnen der nächsten drei bis vier Jahre, Erweiterung des Straßennetzes um 8.000 Kilometer, Maßnahmen gegen Korruption, Verringerung der Kindersterblichkeit, Verbesserung der Bewässerung, Erhöhung der Steuern, Ankurbelung des Tourismus. Nach cirka 45 Minuten werden die Gäste wieder zum Ausgang begleitet. Ein letzter Händedruck und ein tiefer Blick in die sympathischen Augen des mächtigsten Mannes Madagaskars. DieWelthungerhungerhilfler sind wohlgestimmt, doch eine Frage bleibt offen: nämlich die nach dem "WIE"? Wie immer bei Politikern.

Jutta Lohkamp arbeitet als Online-Redakteurin bei der Welthungerhilfe. Im November 2005 besuchte sie die Projekte der Organisation in Madagaskar.

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