"Wir sitzen alle im selben Boot"

Nicaragua: Die Landbevölkerung rüstet sich gegen Naturkatastrophen. Datenbanken und Frühwarnsysteme sollen helfen.

Sandra Weiss ist freie Journalistin in Brasilien.

Nicaragua: Gewappnet für den Notfall © Zanetti


Wie viele Rettungssanitäter gibt es in León? Wohin evakuiere ich bei einer Naturkatastrophe die Menschen aus La Estanzuela? Wer ist der Leiter des Katastrophenstabs von Estelí? Welche Dörfer der Gemeinde Rivas an der Pazifikküste Nicaraguas sind besonders überschwemmungsgefährdet?

Üben für den Ernstfall © Zanetti
Üben für den Ernstfall © Zanetti

Carlos Rodriguez Herrera hat auf alles eine Antwort - und das innerhalb von Sekunden. Seit zwei Jahren bastelt der Informatiker im Auftrag der Welthungerhilfe an einer Datenbank, die im Falle einer Katastrophe den Helfern und politischen Entscheidern so schnell wie möglich Informationen liefert. "Das ist ungemein wichtig, weil man nach einem Unglück rasch handeln muss. In den ersten 72 Stunden können noch Menschenleben gerettet werden", weiß der junge Techniker. Auch die Nachbarländer haben Interesse an dem Programm angemeldet.


1200 Millimeter Regen

Maria Gilma Rosales, Bürgermeisterin in San Juan de Limay © Zanetti
Maria Gilma Rosales, Bürgermeisterin in San Juan de Limay © Zanetti

Maria Gilma Rosales aus dem kleinen Bergdorf San Juan de Limay im Norden Nicaraguas ist eine zupackende, energische Frau. Sie hat 1998 den verheerenden Hurrikan Mitch miterlebt, der allein in Nicaragua 3800 Menschen in den Tod riss. "In Limay schwoll der Fluss enorm an, es war ein dumpfes Grollen. Er riss alles mit sich, auch eine Nachbarfamilie ertrank darin", schildert die 59-jährige. Als Maria Gilma 2005 Bürgermeisterin von San Juan de Limay wurde, gehörte der Katastrophenschutz zu ihren Prioritäten. "In Nicaragua gibt es alles: Erdbeben, Vulkanausbrüche, Wirbelstürme, Dürreperioden und Überschwemmungen", sagt sie. "Darauf muss man sich vorbereiten." Sie tat sich mit der Welthungerhilfe zusammen, und gemeinsam bauten sie ein umfassendes Frühwarnsystem auf.


Katastrophen nehmen zu   

Nicaragua: Der Estelí-Fluss überflutet Straßen und Häuser. © Zanetti
Nicaragua: Der Estelí-Fluss überflutet Straßen und Häuser. © Zanetti

Normalerweise ist der Estelí-Fluss ein flaches, träges Rinnsal, bequem zu durchwaten an den vielen Passagen, die von den Behörden mit Zement befestigt wurden. In der Regenzeit kann er sich innerhalb kürzester Zeit in ein reißendes Gewässer verwandeln, jede Überquerung wäre lebensgefährlich. Rund
170 000 der 525 000 Einwohner sind laut Katastrophenschutz im Norden von Überschwemmungen gefährdet; 25 000 von Erdrutschen, hundert Dörfer von Waldbränden.

Doch nicht nur Zahl und Stärke der Naturgewalten macht die Menschen so verletzlich, sondern die prekären Umstände, in denen sie leben: Häuser aus Spanplatten mit Zinkdächern, ohne Fundamente, errichtet auf gestampftem Lehmboden drängen sich irgendwo illegal am Flussufer oder an Hängen. 27 Prozent der Nicaraguaner verdienen weniger als einen US-Dollar am Tag und leben in absoluter Misere. Naturkatastrophen treffen die Allerärmsten besonders häufig.


Ablesen und funken

Rosario Ruiz betreut die Wetterstation in ihrem Vorgarten © Zanetti
Rosario Ruiz betreut die Wetterstation in ihrem Vorgarten © Zanetti

Im Vergleich zu ihnen lebt Rosario Ruiz in bescheidenem Wohlstand. Ihr Steinhaus steht in Despoblado, dem letzten Ort an der Schlaglochpiste, die von Estelí in die Berge führt. Überschwemmungen hat Rosario selten erlebt. Dennoch hat sie sich bereit erklärt, die Wetterstation der Welthungerhilfe in ihrem Vorgarten zu installieren. Jeden Morgen um sieben Uhr liest sie die Niederschlagsmenge ab und funkt den Stand nach Estelí. "Wenn ich damit den Menschen helfen kann, die weiter unten am Fluss leben, mache ich das gerne", sagt die 43-jährige. "Wir sitzen doch alle im selben Boot.

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Letzte Änderung an dieser Seite: 05.01.2012
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