Ecuador: Erfolgsmodell ökologischer Landbau
Im Millenniumsdorf San Andrés lernen die Menschen ökologischen Landbau
Von Karin Klostermann
Lesen Sie den vollständigen Artikel in der Welternährung III/2009.
Bäuerin Maria Teresa Remache bei der Feldarbeit.
© KlostermannVorsichtig schneidet Maria Teresa Remache einen Salatkopf nach dem anderen ab und legt sie in eine Kiste. "Den Salat verkaufe ich morgen auf dem Markt", sagt die 49-Jährige und schaut zufrieden auf die fünf vollen Kisten, die schon am Feldrand stehen. Maria Teresa Remache lebt in dem 10 000 Einwohner zählenden Millenniumsdorf San Andres im Hochland von Ecuador, rund 140 Kilometer südlich der Hauptstadt Quito. Fast alle Einwohner gehören der indigenen Bevölkerung an, deren Leben von extremer Armut gekennzeichnet ist: Rund 85 Prozent der Menschen in San Andres müssen mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen.

Himbeer-Ernte.
© Klostermann Wasserversorgung steht an erster Stelle
Damit sich das ändert, unterstützt die Welthungerhilfe in Zusammenarbeit mit der lokalen Hilfsorganisation Central Ecuadoriana de Servicios Agricolas (CESA) die Bevölkerung. Die Böden sind ausgelaugt und trocken, Niederschläge fallen nur unregelmäßig und sind niedrig. Deshalb wurden in der ersten Projektphase Wasserkanäle und -reservoirs gebaut. Inzwischen haben mehr als 3000 Familien ein Bewässerungssystem, für das sie rund fünf US-Dollar Nutzungsgebühr im Jahr pro Hektar bezahlen müssen. Maria Teresa Remache: "Früher habe ich nur Mais, Gerste und Weizen angebaut. Aber seitdem es Wasser gibt, kann ich auch Gemüse wie Kohl, Brokkoli, Rote Beete, Erbsen und Kartoffeln anbauen."
Für die Feldarbeit ist sie nahezu allein zuständig. Nur ihre Kinder helfen ihr nach der Schule. "Mein Mann arbeitet im 80 Kilometer entfernten Puyo als Bauarbeiter, kommt nur einmal im Monat für drei Tage nach Hause. Ohne seinen Zuverdienst könnte unsere sechsköpfige Familie gar nicht überleben. Wir haben nur ein Hektar Land", sagt Maria Teresa.

Die Arbeit in den Höhen
der Anden ist hart und
anstrengend. © LohnesHöhere Erträge durch ökologischen Anbau
Viele Frauen in San Andres teilen ihr Schicksal. Da die Erträge der Felder (durchschnittlich 0,8 Hektar) nicht reichen, um die Familie zu ernähren, suchen sich die Männer in den umliegenden Städten oder im Amazonasgebiet in der Erdölförderung Arbeit. Die Frauen tragen somit nicht nur die Hauptverantwortung für Haushalt und Kindererziehung, sondern auch für die landwirtschaftliche Arbeit!
Welche Gemüsesorten sich besonders gut eignen, wie man sie pflanzt und düngt, all das hat Maria Teresa in Schulungen gelernt. CESA setzt dabei auf ökologischen Anbau. Das kommt nicht nur dem Boden zugute, der mit weniger chemischen Substanzen belastet wird, sondern auch den Familien. Da ihre Produkte gesünder und schmackhafter sind, können sie mehr Geld dafür verlangen. Ein Salatkopf aus ökologischem Anbau kostet zum Beispiel 25 statt 15 Cent. Bei Brokkoli ist der Unterschied deutlich größer: 65 zu 25 Cent.
"Und um meine Produkte besser vermarkten zu können, habe ich mich einer Kooperative angeschlossen", sagt Maria Teresa. "Es hat auch den Vorteil, dass ich nicht jedes Mal selbst zum Markt fahren muss, sondern mich mit anderen Familien abwechseln kann." Ein langfristiges Ziel der Kooperative ist es, Produkte von gleichmäßiger Qualität anzubauen und sich dann an Großabnehmer (Supermärkte, Hotels) zu wenden.
Seit einigen Monaten hat Maria Teresa auch eine Beregnungsanlage für ihr Land. Der Vorteil: Es wird gleichmäßiger bewässert. Jetzt kann sie vier Mal im Jahr Salat ernten, vorher nur zwei Mal. Außerdem sind die Anlagen leichter für die Frauen zu handhaben. Die Beregnungslagen kosten ca. 1100 US-Dollar (Material und Installation), und in der jetzigen Projektphase geht es darum, möglichst viele Familie damit auszustatten. Sie beteiligen sich in Form von Arbeits- und Geldleistung (50 US-Dollar). Inzwischen haben rund 400 Familien eine Sprühanlage.
Frauen übernehmen Verantwortung
Maria Rosa Toapanta (46) erklärt ihnen in Versammlungen das neue Bewässerungssystem, besucht sie auch zu Hause. "Man muss ihnen alles genau zeigen, eine Gebrauchsanweisung würden sie nicht verstehen", sagt sie. Die Dorfgemeinschaft wählte Maria Rosa für diese Aufgabe aus. Die Arbeit macht sie ehrenamtlich, das notwendige Know-how hat sie sich in Schulungen von CESA angeeignet. Zwei Tage ist Maria Rosa nun in der Woche unterwegs und ein Beispiel dafür, wie Frauen Verantwortung in der Dorfgemeinschaft übernehmen und ihre Position stärken.
Auch Gloria Marina Tigse Tigse (26) hat sich jahrelang für ihr Dorf engagiert und war als Beraterin im Bereich Ackerbau im Einsatz. Dafür erhielt sie sechs US-Dollar pro Tag. "Ich habe den Familien zum Beispiel erklärt, wie sie am besten Kartoffeln anbauen und Schädlinge ohne chemische Substanzen bekämpfen können." Die Arbeit hat ihr Selbstbewusstsein gestärkt.
Anfang 2009 beschloss sie, sich mit einer Schneiderwerkstatt selbstständig zu machen. Sie nahm einen Kredit in Höhe von 4000 US-Dollar bei einer Kredit-Kooperative auf, die mit Unterstützung der Welthungerhilfe gegründet wurde. "Ich nähe Hosen und bringe sie dann zur Fabrik, die sie verkauft", sagt Gloria Marina. Ihr Vater, ihre Nichte und eine Angestellte helfen ihr. 700 US-Dollar verdient sie im Monat, davon bleiben nach Abzug der Kredit-Raten und des Lohnes für ihre Angestellte 200 US-Dollar für sie und ihre Eltern übrig. Sie ist zufrieden. "Ich nähe gern. Und wenn erst der Kredit abbezahlt ist, haben wir mehr Geld zum Leben."
Autorin
Karin Klostermann ist freie Journalistin aus Hamburg.
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