Jörg Pilawa:
"Vielleicht die prägendste Woche in meinem Leben"
Von Marion Aberle

Jörg Pilawa im Kongo mit der Welthungerhilfe.
© Meissner
Noch Tage nach seiner Rückkehr fällt es Jörg Pilawa schwer, seine Erlebnisse in Worte zu fassen. "Man kann es einfach nicht glauben, wenn man es nicht selbst gesehen hat", sagt der Fernsehmoderator. Eine Fahrt durch den Dschungel Kongos, 175 Kilometer von der Grenzstadt Goma Richtung Westen. Die Straße ist zwar uneben und mit Schlaglöchern übersät, aber befahrbar. Und dann: Schluss, Ende, Aus. Nur noch ein schmaler Trampelpfad führt durch das Dickicht. Wer aus einem Land mit achtspurigen Autobahnen kommt, kann es sich nicht vorstellen, was es heißt, in einem Land ohne Straßen zu leben.
Kilometer langer Trampelpfad
Man stelle sich mal vor, zwischen Hamburg und München verliefe nur ein Trampelpfad. Ohne Straße kein Transport, ohne Transport kein Handel, ohne Handel keine Entwicklung. "Die Straße hat uns Saatgut gebracht", sagt Ndole Tondo. Sie ist 28 Jahre alt, hat fünf Kinder und wie so viele Frauen hier ihren Mann im Krieg verloren. Sie erinnert sich ungern an die Zeit, als ihre Häuser niedergebrannt, alles Hab und Gut gestohlen, Ehemänner und Brüder ermordet wurden.

Mehr als alles andere
wünschen sich diese Frauen
Frieden. © DWHHStarke Frauen
In der von der Welthungerhilfe unterstützten Frauengruppe hat sie gelernt, aus Samen Erdnuss-, Mais- oder Kartoffelpflänzchen zu ziehen. Die Pflanzen verkauft sie auf dem Markt und kann mit den Einnahmen ihre Kinder zur Schule schicken. Ihr größter Wunsch für die Zukunft? "Frieden. Einfach nur in Frieden leben."
Jörg Pilawa hat sich mit den Frauen unterhalten und ist beeindruckt, "wie sie das Projekt annehmen. Es gibt ihnen wieder eine Perspektive." Es sind vor allem die Frauen, die mit beiden Händen die Chance ergreifen, die ihnen die Straße bietet. Für einen Kubikmeter klein geklopfter Steine für den Straßenbau erhalten sie vier Dollar – Startkapital für eine bessere Zukunft.

Bau der Straße. © KaiserStraße fördert Handel
Links und rechts der Straße ist die Entwicklung nicht zu übersehen. Die verlassenen Dörfer werden wieder aufgebaut, Felder neu bestellt. Die Experten von der Welthungerhilfe haben virusresistenten Maniok – das stärkehaltige Grundnahrungsmittel – und neue Süßkartoffelpflanzen eingeführt - die alten brachten fast keinen Ertrag mehr. Auch Reis und Soja wird jetzt angebaut.
In den Zeiten des Kriegs und der Vertreibung konnten die Menschen kaum etwas pflanzen. Sie hausten im Dschungel und ernährten sich von wilden Bananen, Pilzen, Palmnüssen und wilden Blättern. Nachdem das Nutzvieh geraubt war, schossen die Kämpfer auf alles, was sich im Urwald bewegt: Affen, Antilopen, in den früheren Schutzgebieten auch Nilpferde oder Elefanten.

Fröhliche Kinder - mit
Schuhen und Spielzeug.
© MeissnerErste Zeugnisse von Wohlstands
"Erst nachdem ich am Ende der Straße stand, konnte ich die Fortschritte erkennen, wo ich vorher nur Armut sah", sagt Pilawa. Ein Dach aus Wellblech statt Bananenblättern, Plastiksandalen statt nackter Füße, ein buntes Tuch statt löchriger Altkleiderware – alles kleine bescheidene Anzeichen, dass es aufwärts geht.
Kein Wunder, dass die Menschen am Straßenrand den hochgereckten Daumen entgegenhalten, wenn die Autos der Welthungerhilfe vorbei fahren. Die "Muzungu", wie die Weißen hier genannt werden, haben die Straße gebracht. Nicht geschenkt, denn die Bevölkerung muss einen Eigenbeitrag leisten – Steine liefern oder einfache Arbeiten verrichten. Der erste Schritt zur Hilfe zur Selbsthilfe.
"Prägende Woche"
Das war vielleicht die prägendste Woche, die meine Frau und ich erlebt haben", sagt Pilawa rückblickend. Seine Frau, mit der der TV-Moderator selbst zwei Kinder hat, ergänzt nachdenklich: "Schon verrückt, in Deutschland fährt man die Kinder vom Ballett zum Tennis, und hier wissen sie morgens nicht, ob sie abends hungrig ins Bett gehen müssen." Aber am meisten hat die beiden beeindruckt, "mit welcher Freude uns die Menschen entgegen gekommen sind. Da fragt man sich wirklich, worüber wir uns in Deutschland eigentlich beklagen."
(Stand: Mai 2006)

