Pressemitteilung - „Kein Land, kein Leben“

Mangelnder Schutz von Landrechten führt weltweit zu Konflikten

Bericht: Nur ein Fünftel des Gemeindelandes ist vor Landraub geschützt / NRO starten globalen Aktionsaufruf

Landraub in Sierra Leone
Landraub: Auch in Sierra Leone wird das Landgeschäft ohne ernsthafte Beteiligung der lokalen Bevölkerung abgewickelt. © Boethling

Berlin/Bonn, 2. März 2016. Nur ein Fünftel des Landes, das ländliche und indigene Gemeinden in Entwicklungsländern bewirtschaften, ist rechtlich vor Landraub durch Regierungen und Unternehmen geschützt. Infolge gewaltsamer Landkonflikte wurden seit 2002 fast Tausend Menschen getötet. Dies geht aus dem Bericht „Common Ground“ hervor, den heute ein Bündnis aus  Nichtregierungsorganisationen veröffentlicht hat. Damit verbunden ist ein Aktionsaufruf zum Schutz von Landrechten, dem sich weltweit mehr als 300 Organisationen angeschlossen haben, darunter Oxfam und die Welthungerhilfe. Von der Bundesregierung fordern die beiden Organisationen mehr internationale Anstrengungen, um Landrechte zu schützen.

„Kein Land, kein Leben“ 

Dem Bericht zufolge nutzen weltweit rund 2,5 Milliarden Menschen fünfzig Prozent der Landfläche nach dem Gewohnheitsrecht. Aber nur ein Fünftel dieser Landrechte ist formell abgesichert. „Mehr Gerechtigkeit und weniger soziale Ungleichheit auf dem Land kann nur mit sicheren Landrechten erreicht werden“, erklärt Oxfams Agrarexpertin Marita Wiggerthale. Der fehlende Schutz dieser Landrechte  hat gravierende Folgen: Konflikte über Landrechte standen seit 1990 vielfach im Mittelpunkt von Bürgerkriegen. In Darfur beispielsweise hat die Zerrüttung der traditionellen Landbesitzverhältnisse Konflikte zwischen Hirten und Bauern ausgelöst. Weltweit spitzen sich Landkonflikte immer mehr zu, besonders in Brasilien, Honduras, Peru und auf den Philippinen. Seit 2002 steigt die Zahl der Menschen, die im Kampf für Landrechte getötet werden.

Zudem bedeuten unsichere Landrechte verminderten Schutz vor Landraub  durch Minen- oder Agrarunternehmen, die sich unter Mithilfe von Regierungen und lokalen Eliten Wälder, Weidegründe oder Ackerland aneignen. „Kein Land, kein Leben“, sagt Marion Aberle, Landrechtsexpertin der Welthungerhilfe. „Soziale Zerrüttung, Hunger und Armut sind die Folge“.

Aufruf an die Bundesregierung 

Ziel des Aktionsaufrufes ist es, den Anteil der formell abgesicherten Landrechte von indigenen und ländlichen Gemeinden bis 2020 zu verdoppeln. Landrechte sind nicht nur ein Menschenrecht, sondern auch eine wichtige Voraussetzung für die Armuts- und Hungerbekämpfung, den Schutz natürlicher Ressourcen und der biologischen Vielfalt. Oxfam und die Welthungerhilfe fordern deswegen die deutsche Bundesregierung dazu auf, verstärkt Programme zum Schutz von Landrechten zu unterstützen. Außerdem müssen die 2012 verabschiedeten UN-Leitlinien für eine verantwortliche Landpolitik konsequent umgesetzt werden.

Ermutigende Länderbeispiele: Mongolei, Guatemala, Sri Lanka 

Frieden ist in den betroffenen Ländern nur möglich, wenn Landkonflikte auf eine für alle Beteiligten akzeptable Weise beigelegt werden. Der Bericht zeigt Beispiele für die positive Wirkung, die von gesicherten Landrechten ausgehen kann:  

  • Mongolei: Nach Jahrzehnten der staatlichen Kontrolle, gefolgt von einer Phase der Privatisierung, übergibt die Mongolei nun öffentliches Weideland in die Verantwortung von Gemeinden. Alte Landverwaltungsstrukturen werden so wiederbelebt. Das Ergebnis: Die Verschlechterung von Bodeneigenschaften konnte deutlich reduziert und die Einkommen der beteiligten Gemeinden um 50 Prozent gesteigert werden. 
  • Guatemala: Als Maßnahme gegen die Abholzung des Regenwaldes wurde im Maya Biosphärenreservat Gemeinden die kleinteilige Nutzung des Waldes erlaubt. In der Folge blieb die Abholzungsrate in diesem Teil des Regenwaldes zwanzigmal niedriger als in zwei anderen Parks. Landrechte führen dazu, dass diese natürlichen Ressourcen besser geschützt werden. 
  • Sri Lanka: Als das Militär in Sri Lanka 2011 an der Ostküste Anwohner/innen von ihrem Land vertrieb, um dort eine Touristenanlage zu bauen, wehrten sich die Frauen des Gebiets Paanama mit öffentlichen Aktionen und juristischen Mitteln. Sie brachten den Fall vor Gericht, reichten eine Petition bei der Nationalen Menschenrechtskommission ein und verbündeten sich mit anderen Gruppen. Anfang 2015 ordnete die neue Regierung an, das Land an die Gemeinde zurückzugeben. 

     

Hintergrund:

  • Es gibt keine umfassenden Daten zum Ausmaß des Landraubes. Eine Datenbank, die Land Matrix, dokumentiert mehr als 1000 großflächige Landakquisitionen mit einem Flächenumfang von 41,8 Millionen Hektar, eine Fläche größer als Deutschland. In der Mehrheit der Fälle war das Land bereits im Besitz von ländlichen Gemeinden und Indigenen oder wurde von ihnen besetzt oder genutzt. Afrikanische Länder, in denen die Landrechte am unsichersten sind, sind besonders im Visier der Konzerne.
  • Der Bericht „Common Ground“ wurde von der International Land Coalition (ILC), Oxfam und der Rights and Resources Initiative (RRI) herausgegeben. Der globale Aktionsaufruf wird in Deutschland außer von Oxfam und der Welthungerhilfe von dem Institute for Advanced Sustainability Studies (IASS) und der Liga der Hirtenvölker unterstützt.

Die Welthungerhilfe ist eine der größten privaten Hilfsorganisationen in Deutschland. Sie leistet Hilfe aus einer Hand: Von der schnellen Katastrophenhilfe über den Wiederaufbau bis zu langfristigen Projekten der Entwicklungszusammenarbeit mit einheimischen Partnerorganisationen nach dem Prinzip der Hilfe zur Selbsthilfe. Seit der Gründung im Jahr 1962 wurden mehr als 7.733 Auslandsprojekte in 70 Ländern mit 2,84 Milliarden Euro gefördert – für eine Welt ohne Hunger und Armut.

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Simone Pott

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