Polygamie – Segen oder Fluch? Begründungen und Erscheinungsformen der Vielehe

Von Katharina Philipps

 

Hochzeit in Tadschikistan - doch zunehmend teilen sich mehrere Frauen einen Mann. © Koop
Hochzeit in Tadschikistan. © Koop

Polygamie ist in westlichen Ländern gesetzlich verboten. Doch in vielen Ländern Afrikas und Asiens ist die Vielehe legal, bzw. wird trotz Verbot praktiziert. Die Bezeichnung umschreibt zwar eine Lebensweise, die auf beide Geschlechter zutrifft: Männer, die gleichzeitig mit mehreren Frauen verheiratet sind, sowie auch Frauen, die Beziehungen zu mehreren Männern unterhalten. In den meisten Ländern ist es jedoch nur Männern erlaubt, mehrere Partnerinnen zu haben.

 

Polygamie – eine Randerscheinung?

Der amerikanische Anthropologe George P. Murdock untersuchte von 1960 bis 1980 die ehelichen Beziehungen in 1.231 Gesellschaften. Er fand heraus, dass davon in über Tausend die Heirat mehrerer Frauen praktiziert wird. In 186 Staaten ist Polygamie verboten und lediglich in vier Ländern können Frauen mehrere Männer heiraten. Trotz dieser Zahlen leben tatsächlich weniger Menschen in polygamen Großfamilien. In vielen Ländern machen Medien, Politik und die öffentliche Meinung sogar mobil gegen diese Form des Zusammenlebens.


Ob und in welcher Weise Vielehen vorkommen, hängt von sehr unterschiedlichen Faktoren ab: Religionszugehörigkeit, Wohlstand oder die Anzahl potenzieller Heiratskandidaten. Polygamie steht außerdem häufig im Zusammenhang mit einem generell niedrigen gesellschaftlichen Status von Frauen.


    
Frauen in Ruanda bei der Feldarbeit. Eine zweite Frau kann eine Arbeitsentlastung sein. © Wolff
Frauen in Ruanda bei der
Feldarbeit. Eine zweite Frau
kann eine Arbeitsentlastung
sein. © Wolff

Polygamie nur in islamischen Staaten?  

Tatsächlich ist der Islam die einzige Weltreligion, die Vielehen erlaubt. Ein Mann darf dem Koran zufolge bis zu vier Frauen heiraten. Polygamie ist jedoch nicht in allen Ländern gestattet, in denen der Islam vorherrscht. In der Türkei ist sie beispielsweise verboten und in Malaysia und dem Libanon lediglich eine Randerscheinung. Außerdem wird  Polygamie auch in einigen überwiegend christlichen Ländern Afrikas praktiziert. So hat im Swaziland der König insgesamt 13 Ehefrauen. Für ihn ist Polygamie auch eine Frage der Politik: Durch die Ehen werden die mächtigsten Familien des Landes an die Krone gebunden.
 
Die Anzahl der Ehefrauen eines Mannes wird in polygamen Gesellschaften als ein Symbol seines Wohlstands und seiner Macht gesehen. Es wird angenommen, dass mehrere Frauen besser gewährleisten, für genügend Nachkommen zu sorgen. Zudem wird es als soziale Pflicht von reichen Männern gesehen, andere an ihrem Wohlstand teilhaben zu lassen.


 
Ungewollt in polygamer Ehe: Viele Frauen brauchen Rat und Hilfe. © DWHH
Ungewollt in polygamer Ehe:
Viele Frauen brauchen Rat
und Hilfe. © DWHH
Und wie bewerten es die betroffenen Frauen?

So verschieden die Ursachen für Polygamie sind, so unterschiedlich wird sie auch von den betroffenen Frauen bewertet. In den meisten Ländern bietet die Ehe Frauen einen höheren gesellschaftlichen Status und ökonomische Sicherheit für sich und ihre Kinder. Daher teilen sich viele Frauen lieber einen Mann als ledig zu bleiben oder als Konkubine eines verheirateten Manns zu leben. Im Alltag kann das Leben in einem polygamen Haushalt außerdem eine erhebliche Arbeitsentlastung für die Frauen bedeuten, da die Aufgaben auf mehrere Schultern verteilt werden können.

Gegnerinnen kritisieren jedoch, dass Polygamie die Emanzipation von Frauen behindere. Ihre wirtschaftliche und soziale Lebenssituation bliebe weiterhin abhängig von der Gutwilligkeit ihrer Ehemänner. Das Teilen eines Ehemannes kann eine enorme emotionale Belastung, Streit und Eifersucht bedeuten. Zudem können die gesundheitlichen Folgen katastrophal sein: Wenn keine Verhütung mit Kondomen praktiziert wird, steigt das Risiko der Ansteckung mit dem HIV/Aids-Virus.
 


Polygamie kommt zurück - das Beispiel Tadschikistan

Offiziell ist Polygamie in Tadschikistan seit der Sowjetzeit gesetzlich verboten. Seit den letzten Jahren bleibt vielen Frauen jedoch nur die Wahl, unverheiratet zu bleiben oder Ehefrau eines bereits verheirateten Mannes zu werden. Denn: Es mangelt an Männern. Die Zahl der potenziellen Ehepartner ist durch den Bürgerkrieg (1991 –1997) und die massive Arbeitsmigration deutlich gesunken. In manchen Gegenden Tadschikistans leben fast nur noch Frauen. Die wirtschaftliche Situation ist schlecht. Die Menschen sind arm, es mangelt an qualifizierten Arbeitsplätzen und Bildung. Der Islam und traditionelle konservative Strukturen gewinnen zunehmend an Bedeutung. All diese Faktoren begünstigen, dass im heutigen Tadschikistan die Nikah, die islamische Vielehe, zunehmend die standesamtliche Heirat verdrängt.

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