Bürgerkrieg in Ruanda: Wenn aus Freunden Feinde werden


Clementine Mukansarga. ©Kropke

Gemischte Ehen sind in Ruanda nichts Ungewöhnliches - auch der Vater der 7-jährigen Clementine hatte eine Hutu zur Frau genommen. Schließlich spricht man dieselbe Sprache, feiert dieselben Feste und wohnt in den Dörfern Tür an Tür. Im April 1994 ändert sich alles. Aufgestachelt von den Machthabern, bringen die Hutu ihre Nachbarn, die Tutsi, um. Ein Blutrausch ohne Ende. Die Nachbarn, mit denen man jahrelang befreundet war, werden plötzlich zu Feinden.

"In der Nacht kamen die Hunde"

Die Familie von Clementine wird bedroht und verlässt fluchtartig das Haus. Schon kurz hinter dem Dorf treffen sie auf Milizen. Der Vater wird gefasst und sofort erschossen. Clementine rennt um ihr Leben. Die Siebenjährige verkriecht sich im Gebüsch. "In der Nacht kamen die Hunde, ich bin auf einen Baum geklettert und drei Tage dort oben geblieben." Sie schlägt sich irgendwie durch, entkommt den Milizen jedes Mal. Nach dem Krieg findet sie mit Hilfe des Roten Kreuzes ihre Mutter und die zwei kleinen Schwestern wieder. Der Vater und zwei Brüder sind tot. Die Mutter stirbt ein Jahr später.

 

Familienoberhaupt mit neun Jahren

Clementine ist gerade neun, als sie die Sorge für ihre sechs und zwei Jahre alten Schwestern übernimmt. Fast eine Stunde läuft sie jeden Morgen bis zu ihrem Feld, die Arbeit ist viel zu schwer für sie. Oft haben die Mädchen nichts zu essen und schlafen hungrig ein. Den Nachbarn erzählen sie nichts davon, weil sie sich schämen. "Ich bin ganz auf mich gestellt, ein Kind ohne Eltern, ein Waisenkind", sagt Clementine. "Ich bin nicht soviel wert wie die anderen, ich bin bedeutungslos."

Immerhin hat sie durch die Fondation Barakabaho, die Partnerorganisation der Deutschen Welthungerhilfe, andere Mädchen und junge Frauen kennen gelernt, denen es ähnlich geht wie ihr. Das hilft. Und durch die landwirtschaftliche Hilfe der Fondation verfügt sie wenigstens über ein Minimum, dass ihr das Überleben sichert.

Ruanda

In Ruanda sind 85 Prozent der Bevölkerung Hutu, 14 Prozent sind Tutsi und ein Prozent Twa. Der Konflikt zwischen Hutu und Tutsi enstand in dem zentralafrikanischen Land vor etwas mehr als 100 Jahren. Die deutschen, später die belgischen Kolonialherren erklärten die Minderheit der Tutsi zur "höherwertigen Rasse", um mit ihrer Hilfe das Land zu kontrollieren. 1959 beendeten blutige Aufstände der Hutu die Vorherrschaft der Tutsi, die das Land zu Tausenden verlassen. Ein von Unbekannten verübter Mordanschlag auf den ruandischen Präsidenten löste im April 1994 die Katastrophe aus.

Die Hutu-Regierung beschuldigte Tutsi-Rebellen der Tat und befiehlt, sämtliche Tutsi im Land zu töten. Der Radiosender Milles Collines sendete stündlich Aufrufe: "Die Gräber sind erst bis zur Hälfte mit Leichen gefüllt. Beeilt euch, sie bis obenhin zu füllen!" Zwischen 800.000 und einer Million Menschen werden in den 100 Tagen des Völkermords in Ruanda hingemetzelt, Hunderttausende Tutsi-Frauen oft aufs Brutalste vergewaltigt. Das Land versinkt in einem kollektiven Blutrausch. Aufgestachelt von den Machthabern, bringen die Hutu ihre Nachbarn, die Tutsi, um. Das Nachkriegsruanda ist gekennzeichnet von einer hohen Zahl von Kinderhaushalten: Minderjährige Kriegswaisen kümmern sich um ihre jüngeren Geschwister.

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