Mord an unserem Mitarbeiter in Afghanistan



Liebe Unterstützerinnen und Unterstützer,

 
Ingeborg Schäuble.
© DWHH

Sie haben es sicherlich aus den Medien vernommen: Am 8. März wurde unser Mitarbeiter Dieter Rübling in Afghanistan erschossen. Diese Nachricht war ein Schock für unsere Organisation – Bestürzung, Trauer, Wut und auch Angst erfasste uns. Wir sind jetzt auf vielfältige Weise gefordert. Ich halte es für meine Pflicht, Sie als Unterstützer der Welthungerhilfe über einige Hintergründe zu informieren.

Dieter Rübling, 65, war für die Welthungerhilfe als Ingenieur im Kurzzeiteinsatz in Afghanistan. Er hat die einheimischen Projekt-Ingenieure und Mitarbeiter der Behörden in technischen Fragen beraten und ausgebildet. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns zum Schutz der Familie an dieser Stelle nicht weiter äußern.

In den vergangenen Tagen erreichten uns zahlreiche Beileidsbekundungen, für die wir sehr dankbar sind. Zeigen sie uns doch, dass wir in Zeiten der Trauer und der Not nicht allein stehen. Unsere Mitglieder, Spender, Kolleginnen und Kollegen aus anderen Organisationen, auch hochrangige Politiker wie die Entwicklungshilfe-Ministerin, stärken uns in unserer Mission und gehen nach so einer Tat nicht einfach zur Tagesordnung über. Danke!

Wir haben uns in den letzten Tagen aber auch vielen Fragen stellen müssen. Sie beziehen sich auf die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – und ob die Organisation genug zu ihrem Schutz unternehme. Einzelne Stimmen haben uns aufgefordert, unsere Helfer aus solchen Ländern abzuziehen. Mancher stellte unsere Hilfstätigkeit in Krisenländern sogar grundsätzlich in Frage.

Für unsere anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Afghanistan steht jetzt mehr denn je die Fürsorge im Vordergrund. Wir haben alle 25 derzeit dort stationierten Kolleginnen und Kollegen unmittelbar in die Hauptstadt Kabul beordert, um mit ihnen die Lage und unser weiteres Vorgehen zu beraten. Schon seit langem arbeiten gerade unsere Helfer in Afghanistan unter den strengsten Sicherheitsvorkehrungen, die wir je für den Einsatz in einem Krisenland erarbeitet und umgesetzt haben.

 


Besuch im Sudan. © DWHH
Von jeher haben wir alles Erdenkliche für den Schutz unserer Helfer unternommen. Trotzdem müssen wir die jetzt noch kompliziertere und angesichts der verschiedenen Drohungen gegen Deutschland risikoreichere Situation neu bewerten. Wir werden es unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Afghanistan freistellen, ihren Einsatz dort zu beenden. Das ist selbstverständlich.

Wir sind jedoch entschlossen, unsere Arbeit dort insgesamt weiterzuführen.

Seit 1992 stehen wir – unabhängig von der jeweiligen militärischen und politischen Situation – den unter Hunger und extremer Armut leidenden Menschen dieses Landes durch umfangreiche Projekte zum Beispiel zur Wasserversorgung oder zum Brücken- und Schulbau bei. Unsere Arbeit in Afghanistan hat zehntausenden Menschen das Leben gerettet. So lange es irgendwie geht, werden wir diese Menschen nicht im Stich lassen!

Die Welthungerhilfe kämpft weltweit gegen das Grundübel der Menschheit: Hunger und extreme Armut. Sie sind der Nährboden für Gewalt, Kriege und Terrorismus und damit für unsägliches Leid, für Hoffnungslosigkeit, fehlende Entwicklung, millionenfachen Tod. Wir betrachten uns als Anwalt der Armen und werden unseren Auftrag auch in Zukunft ausüben.

Daher arbeiten wir in 42 der 50 ärmsten Länder der Welt. Am größten ist die Not gerade dort, wo Bürgerkriege herrschen oder Naturkatastrophen ganze Landstriche verwüstet haben. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dort besonders aktiv, so zum Beispiel im Sudan, Sri Lanka, Kongo, Liberia und Pakistan. Dort werden wir am meisten gebraucht, dort setzen wir derzeit auch die umfangreichsten Programme um.

Wir ergreifen nicht Partei, die notleidenden Menschen stehen im Mittelpunkt unserer Arbeit, ihnen gilt unsere Solidarität, und das eben auch in Ländern, in denen es mitunter gefährlich und schwierig ist zu helfen. Mitmenschlichkeit ist ein hohes und unverzichtbares Gut unserer Zivilisation, das auch in solch schmerzlichen Augenblicken nicht verloren gehen darf.

Gleichwohl müssen wir unsere Arbeit mit großer Sorgfalt und Umsicht leisten, das sind wir unseren Mitarbeitern schuldig. Und diese Philosophie war bisher auch über all die Jahrzehnte in allen Krisengebieten erfolgreich. Sie beruht vor Ort auch darauf, dass wir den Grundsatz der Hilfe zur Selbsthilfe verfolgen. Unsere ausgesandten Mitarbeiter sind vorrangig Berater, Organisatoren, Experten. Die Menschen vor Ort, die Einheimischen, sind die Akteure. Auch dadurch verringert sich das Risiko.

Ich möchte Sie eindringlich bitten, uns bei dieser Arbeit auch weiterhin aktiv zu unterstützen. Wir danken für alle Zeichen der Solidarität und Verbundenheit. Die Welthungerhilfe ist ein Zusammenschluss hunderttausender Deutscher im Kampf gegen Hunger und Armut auf der Welt. Das ist unser Fundament. Wir brauchen auch in Zukunft diese intensive Begleitung und Unterstützung für unseren Einsatz.

Mit dem allergrößten Dank für Ihr Vertrauen und Ihr Mitwirken,
Ihre
 
Ingeborg Schäuble

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