Schulden der Entwicklungsländer steigen weiter

Grafik: Schulden steigen in Entwicklungsländern.Ungeachtet aller Schuldenerlasse für einzelne besonders arme Staaten steigt die Gesamtverschuldung der Entwicklungsländer weiter. Mittlerweile sind deren Auslandsschulden auf über zweieinhalb Billionen Dollar geklettert. In vielen Staaten übersteigen die Schulden deutlich das gesamte jährliche Volkseinkommen. Zahlreiche Länder müssen mehr als ein Viertel ihrer Exporterlöse für den Schuldendienst aufbringen – vor allem in Lateinamerika. Viele Staaten Afrikas geben für Zinsen und Tilgung mehr aus als für das Bildungs- und Gesundheitswesen zusammen. Höhe und Art der Schulden sind regional sehr unterschiedlich.
So sind lateinamerikanische Länder überwiegend bei privaten Banken verschuldet, die meisten afrikanischen Staaten bei öffentlichen Kreditgebern. Trotz zahlreicher Umschuldungen ist der Anteil kurzfristiger Kredite an der Gesamtverschuldung in jüngster Zeit wieder auf fast 18 Prozent angestiegen.
Stufenweiser Schuldenerlass
Seit 1996 haben die ärmsten hochverschuldeten Entwicklungsländer die Chance auf einen stufenweisen Schuldenerlass von bis zu 90 Prozent. Dafür müssen sie sich mehrere Jahre lang strengen Strukturanpassungsmaßnahmen unterwerfen. Betroffen sind allerdings nur Schulden, die über bestimmten Grenzwerten liegen. Als tragfähig gelten ein Schuldendienst von 20 bis 25 Prozent der Exporterlöse und Gesamtschulden von bis zu 250 Prozent der jährlichen Exporteinnahmen. Zum Vergleich: Deutschland erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg einen Schuldenerlass, so dass für Zins und Tilgung weniger als fünf Prozent der Exporteinnahmen aufgebracht werden mussten.
Abgeschriebene Schulden
Kritiker bemängeln, dass überwiegend nur jene Schulden erlassen würden, die ohnehin längst abgeschrieben seinen und für die schon lange kein Schuldendienst mehr geleistet werde. Deshalb ändere sich durch Schuldenerlasse kaum etwas an den wirklich bezahlten Summen für Zins und Tilgung. Tatsache ist, dass durch die jüngsten Schuldenerlasse kaum neue Mittel für Investitionen und soziale Aufgaben freigesetzt worden sind.
Internationales Insolvenzrecht
Viele Fachleute fordern mittlerweile ein internationales Insolvenzrecht. Ähnlich wie Gemeinden und staatliche Versorgungsbetriebe in den USA sollten überschuldete Länder Vergleich anmelden können. Diese Forderung griffen im Jahr 2003 auch Parlamentarier aus mehreren lateinamerikanischen Staaten auf. In Montevideo verfassten sie eine Erklärung, die "faire und transparente Verfahren" für künftige Umschuldungen anmahnt und ein internationales Insolvenzrecht fordert. Mittlerweile haben viele Abgeordnete in aller Welt diesen Aufruf unterzeichnet.
Eine anderer Vorschlag sind sogenannte Gegenwertfonds: Danach sollte ein Teil der erlassenen Schuldsumme in einen Fonds eingezahlt werden, aus dem kontrolliert soziale Projekte gefördert werden könnten.
(Karl-Albrecht Immel; Stand: Jan/Feb. 2006)
