Schwarzafrika verliert den Anschluss

Grafik: Afrika verliert Anschluss.
Die Welt wächst zusammen, doch Afrika fällt zurück. Noch 1980 wurden in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara fast zwei Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts erwirtschaftet. Heute ist es nur noch ein Prozent. Der Anteil dieser Länder am Welthandel ist ebenfalls auf ein Prozent gesunken. Das trifft vor allem jene Staaten besonders hart, die noch immer fast ausschließlich Rohstoffe exportieren. Die Terms of trade (Importpreise werden in Beziehung zu den Exportpreisen gesetzt) sind drastisch gefallen: Im Vergleich zu den 50er-Jahren muss Afrika heute etwa doppelt soviel Rohstoff verkaufen, um die gleiche Menge importierte Industriegüter bezahlen zu können.
International gemieden
Auch das internationale Privatkapital macht einen weiten Bogen um den Kontinent. Weniger als ein Prozent aller ausländischen Direktinvestitionen fließen nach Schwarzafrika. Die Börsen in Johannesburg und allen anderen afrikanischen Finanzplätzen zusammen erreichen kaum 0,2 Prozent des weltweiten Aktienumsatzes.
"Altmodische" Wirtschaft
Gleichzeitig verschlechtern sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Nirgendwo gibt es weniger Telefone, Computer und Internetanschlüsse pro Einwohner. Viele Universitäten sind so schlecht ausgestattet, dass die Studenten kaum Zugang zu neueren Lehrmaterialien und Forschungsergebnissen haben – mit unabsehbaren Langzeitfolgen für die Modernisierung der Wirtschaft.
Krankes Gesundheitswesen
In keiner anderen Region der Erde sterben so viele Mütter bei der Geburt. Über 40 Prozent der Menschen südlich der Sahara haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen. Nur sechs von zehn Kindern schließen die Grundschule ab. Die Analphabetenquote liegt bei über einem Drittel. Auf 100.000 Einwohner kommen 15 Ärzte – im Weltdurchschnitt sind es gut zehn Mal so viel. Auch im Kampf gegen Aids gibt es nur in wenigen Ländern wirkliche Erfolge. Die durchschnittliche Lebenserwartung in Schwarzafrika ist vor allem infolge Aids auf 46 Jahre gefallen.
Kriegerische Konflikte
Die Entwicklung des Kontinents wird zusätzlich durch zahlreiche Kriege und bürgerkriegsähnliche Konflikte gehemmt. Dabei geht es fast immer (wie etwa im Kongo, im Sudan oder im Süden Nigerias) vor allem um die Kontrolle über reiche Rohstoffvorkommen. Ob Erdöl, Diamanten, Gold, Zinn, Coltan oder Edelhölzer – die Abnehmer für diese Rohstoffe sitzen vor allem in den Industrieländern. Und sie kümmern sich wenig darum, dass Kriegsparteien und Rebellengruppen mit dem Erlös aus dem Rohstoffverkauf vor allem Waffen kaufen.
Geringer Index
In der Liste des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen (UN) finden sich unter den 36 Ländern mit dem geringsten Entwicklungsindex 35 afrikanische Staaten. Die von der UN formulierten Milleniumsziele für das Jahr 2015 sind nach der Zwischenbilanz für 2005 in Afrika praktisch allesamt nicht mehr zu erreichen.
(Karl-Albrecht Immel; Stand: Jan/Feb. 2006)
